Staatstheater zeigt „Gott“ auf Zoom

Karlsruhe (nl) – Eigentlich sollte das Theaterstück von Ferdinand von Schirach im Sitzungssaal des BGH Premiere feiern. Jetzt diskutieren Schauspieler und Zuschauer digital über Sterbehilfe.

 In „Gott“ setzt sich von Schirach mit der Frage nach dem selbstbestimmten Sterben auseinander. Foto: Jens Kalaene/dpa

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In „Gott“ setzt sich von Schirach mit der Frage nach dem selbstbestimmten Sterben auseinander. Foto: Jens Kalaene/dpa

Gott kommt am Wochenende über Zoom ins Haus. Nein, nicht der christliche Gott. Die Rede ist vom Theaterstück „Gott“ des bekannten Autors Ferdinand von Schirach.

Darin geht es um die Frage, ob wir Menschen, sozusagen gottgleich, über den eigenen Tod entscheiden dürfen. Soll es, wie in den Niederlanden ab 1. März, eine ambulante Sterbehilfe geben, die auf Wunsch ins Haus kommt? In Deutschland hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe im Februar 2020 die Möglichkeit einer Sterbehilfe zugelassen. Seitdem wird intensiv diskutiert.

Auch das Staatstheater Karlsruhe beschäftigt sich mit diesem kontroversen Thema. Schirachs „Gott“ hätte im Sitzungssaal des Bundesgerichtshofs Premiere haben sollen. Nun greift das Schauspielensemble auf die Segnungen der digitalen Technik zurück.

Anna Haas, die stellvertretende Schauspieldirektorin, hat die Proben dramaturgisch begleitet. Sie erklärt, dass es sich hier nicht um eine Videoübertragung oder gar Verfilmung des Stückes handelt. Die war, samt anschließender Expertenrunde, im Fernsehen zu sehen.

Im Staatstheater hatten im Dezember gerade die Proben zu „Gott“ angefangen. Nach zehn Probentagen kam der härtere Lockdown. Das Ensemble stieg auf Leseproben via Zoom um. Im Grunde, sagt Haas, will man jetzt die eigene Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich machen. Alle Interessierten können sich über das Theater anmelden, erhalten einen Link und erleben zunächst ausgewählte Schlüsselszenen, die von den Schauspielerinnen und Schauspielern jeweils von zu Hause aus live gelesen werden. Dann wird die Diskussion eröffnet, „auf Augenhöhe“, wie Haas betont.

Zum angebotenen Termin am Sonntag, 31. Januar, haben sich 120 Menschen angemeldet. Damit die Teilnehmerzahl für die Gesprächsrunden überschaubar bleibt, bietet das Staatstheater zwei Folgetermine an, am 6. und 7. Februar. Die digitale Performance ist kostenlos, soll circa 90 Minuten dauern und beginnt jeweils um 19 Uhr.

Die Ensemblemitglieder stellen erst einmal die Positionen ihrer Figuren vor. Elke Petri übernimmt die Hauptfigur. Bei Schirach will Richard Gärtner sterben, in Karlsruhe ist es Renate Gärtner, die nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr weiterleben will. Ihr Wunsch wird vor der Ethikkommission verhandelt. Frau Gärtners Anwalt argumentiert, ihre Ärztin und weitere Figuren aus den Bereichen Jura, Ethik und Medizin nehmen Stellung. Kurz, die ausgewählten Schlüsselszenen beleuchten das Thema von ganz verschiedenen Seiten.

Danach sind die Zuschauer an der Reihe. Anna Haas übernimmt die Einführung in den Abend und die Moderation der Diskussion. „Es ist ein bisschen wie unsere Matinéen“, sagt die stellvertretende Schauspieldirektorin. „Natürlich ist es auch für uns ein Experiment. Wir bieten keine fertige Show, sondern geben einen Einblick in unsere Arbeit. Wir hoffen auf eine Bereicherung durch ein offenes Gespräch mit dem Publikum. Und wir erproben damit auch ein Format, das in den kommenden Wochen und Monaten ausgebaut werden kann.“ Die beliebte Frage, was Schauspieler eigentlich tagsüber beziehungsweise während des Lockdowns machen, wird damit auch gleich beantwortet.

Es geht bei „Gott“ auf Zoom nicht um eine Ja-Nein-Abstimmung. Fernab von Fernsehkameras und Experten kann jeder seine persönliche Sicht zur Sterbehilfe darlegen. In einer älter werdenden Gesellschaft führt kein Weg an der Frage vorbei, wie wir es mit dem Sterben halten wollen und halten können.

Ihr Autor

Nike Luber

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Erstellt:
29. Januar 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 36sec

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