Staatsweingut testet Innovationen für die Praxis

Ihringen (fh) – Züchtungen, Anbaumethoden, Monitoring: Das Staatsweingut Freiburg prüft Forschungsergebnisse des Staatlichen Weinbauinstituts auf ihre Praxistauglichkeit.

Der Blankenhornsberger Doktorgarten in der südwestlichen Ecke des Kaiserstuhls bietet an klaren Tagen eine schöne Aussicht. Foto: Staatsweingut Freiburg

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Der Blankenhornsberger Doktorgarten in der südwestlichen Ecke des Kaiserstuhls bietet an klaren Tagen eine schöne Aussicht. Foto: Staatsweingut Freiburg

Von der Straße aus kann man das Weingut an diesem Herbsttag nur erahnen. Dichter Nebel hüllt den Blankenhornsberg bei Ihringen ein und verdeckt den Blick auf den Schwarzwald und die Rheinebene, der sich von oben bei klarer Sicht eröffnet. Gelb und rot heben sich die Weinblätter von der grauen Wettersuppe ab.

Nebel hüllt an diesem Tag die Reben ein. Foto: Fiona Herdrich

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Nebel hüllt an diesem Tag die Reben ein. Foto: Fiona Herdrich

Dort wächst, was das Potenzial hat, die Zukunft des Weinbaus in Baden zu werden. Blankenhornsberg testet als Versuchsweingut, ob die Erkenntnisse aus der Forschung des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg für die Praxis geeignet sind. Dabei geht es nicht nur um neue Rebsorten, sondern auch um Anbaumethoden, Monitoring und Vertrieb. In kleinen Parzellen werden die Projekte umgesetzt, um zu überprüfen, ob und für welche Weinbaubetriebe sie sich eignen.

An der Speerspitze des Klimawandels

In den 70er Jahren hatte das Institut noch in fast allen Anbaugebieten Badens eine Dependance, um den regionalen Besonderheiten gerecht zu werden – darunter Durlach, Durbach, Emmendingen und Müllheim. Seit den 90er Jahren werden nur noch zwei als Versuchsweingüter betrieben – Blankenhornsberg mit 24 Hektar und ein Gut in Freiburg mit 13 Hektar.

Als Staatsweingut Freiburg bilden diese beiden jedoch, was Niederschlag und Böden angeht, laut Huber immer noch ein großes Spektrum ab. Dazu gehört auch, dass das Staatsweingut alle Wirtschaftsformen von ökologisch über integriert bis konventionell abbildet, ebenso wie die für Baden relevanten Rebsorten, allen voran Burgunder.

1842 war das Weingut von den Brüdern Nikolaus, Adolph Friedrich und Jakob Wilhelm Blankenhorn gegründet worden. Zypressen säumen den Weg zum Gutsgebäude und lassen an die Toskana denken. Der Blankenhornsberger Doktorgarten in der südlichwestlichen Ecke des Kaiserstuhls nennt Gutsleiter Bernhard Huber die „Speerspitze des Klimawandels“. Technische Neuerungen wie Tröpfchenbewässerung sind dort natürlich Standard.

Gutsleiter Bernhard Huber. Foto: Fiona Herdrich

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Gutsleiter Bernhard Huber. Foto: Fiona Herdrich

Doch auch wenn die Temperaturen durch die Erderwärmung gestiegen sind, ließen sich nicht einfach mediterrane Rebsorten nördlich der Alpen anpflanzen. Denn auch andere Faktoren spielen eine Rolle, wie das Tag-Nacht-Verhältnis, erklärt Huber.

Und der Klimawandel bringt noch weitere Herausforderungen mit sich: Der Erntezeitpunkt verschiebt sich, die Verderblichkeit bei der Weinbereitung steigt mit den Temperaturen, sodass Kühlgeräte eingesetzt werden müssen, und die warmen Nächte verändern den pH-Wert, was sich wiederum auf Mikroorganismen auswirkt.

Vor 100 Jahren beschäftigten die Winzer schwerpunktmäßig andere Probleme. 1920 war das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg gegründet worden, um vor allem Pilzerkrankungen zu begegnen, wie sie 1916 und 1917 gravierend wüteten. Auch heute noch sind Pilzerkrankungen ein großes Thema.

Pflanzenschutz, Resistenzen und – Schafe

Die Grundlagen aus der Forschung setzt das Staatsweingut in die Praxis um. „Die Diskussion zwischen Forschern und Praktikern ist ein wichtiger Prozess für die Optimierung eines Verfahrens und die Akzeptanz im Berufsstand. Bewährt sich ein Verfahren, wird es fester Bestandteil der Produktion in den Betrieben“, so der Gutsleiter.

Bei der Bekämpfung von Pilzerkrankungen gibt es beispielsweise ein Prognosemodell, das Informationen über die befallene Pflanzen (Wirt) und die Krankheitserreger (Pathogene) mit Witterungsdaten zusammenführt, damit ein möglichst gezielter Pflanzenschutz betrieben werden kann. „Wir ermitteln die Größe der ungeschützten Fläche und finden so den Termin für die nächste Spritzung, die verhindert, dass Sporen keimen“, erläutert Huber. Die Wetterdaten werden immer besser, sodass Vorhersagen fünf Tage im Voraus zu 85 Prozent zuverlässig sind. Das erleichtert Winzern außerdem die Arbeitsplanung.

Eine andere Herangehensweise an die Pilz-Problematik sind Resistenzzüchtungen etwa mit Amerikaner-Reben, die weniger empfindlich gegenüber echtem und falschem Mehltau sind, aber „keinen trinkbaren Wein hergeben“, sagt Huber. Daher werden sie mit europäischen Sorten gekreuzt, was mindestens 20 Jahre dauert und schwerer umzusetzen ist als bei Getreide oder Mais.

Wein braucht auch gute Verkäufer

Circa 15 Prozent der Rebfläche sind mit diesen neuen robusten Rebsorten bepflanzt und außerdem für die Erzeugung von Bioweinen zertifiziert. „Mittlerweile erzielen wir mit diesen sogenannten Piwis eine ordentliche Weinqualität“, sagt Huber. Man müsse eben geschickt kombinieren. Die Gretchenfrage sei eher die Vermarktung.

Jedes Jahr kommen neue Dinge auf die Mitarbeiter des Staatsweinguts zu, zum Beispiel Schafe als Landschaftspfleger im Weinberg, ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg. Sind die Triebe hoch genug, helfen die Tiere außerdem beim Entblättern.

„Aber das kostet viel Geld. Die Schafe selbst sind heute nichts mehr wert, und die Flächen von normalen Betrieben viel zu verstreut, um sie einfach einzuzäunen“, gibt Huber zu bedenken. Auch für solche Erkenntnisse ist das Staatsweingut da. Denn Kostendruck ist ein weiteres Problem, und die Betriebe müssen wirtschaftlich arbeiten können.

Huber legt außerdem besonderen Wert auf die Ausbildung. Diese hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt hin zum dualen Studium entwickelt. 13 Azubis beschäftigt das Staatsweingut, darunter auch Studenten, Weintechnologen und eine Großhandelskauffrau.

Die alten Holzfässer im Gewölbekeller des Gutsgebäudes sind nicht mehr in Gebrauch. Foto: Staatsweingut Freiburg

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Die alten Holzfässer im Gewölbekeller des Gutsgebäudes sind nicht mehr in Gebrauch. Foto: Staatsweingut Freiburg

„Qualität alleine reicht nicht“, erklärt Huber, warum ihm die Ausbildung für den Vertrieb so am Herzen liegt. „Man braucht auch gute Verkäufer.“ Das Staatsweingut ist endverbraucherorientiert und macht einen großen Teil seines Umsatzes über Versandhandel. Mit ehemaligen Lehrlingen, die mittlerweile in privaten Betrieben arbeiten, ergebe sich ein schönes Netzwerk, das Huber direkt Rückmeldung zu seiner Arbeit gebe.

Und dann zeigt der Gutsleiter noch, dass sich trotz all der Innovation im 1847 fertiggestellten Gewölbekeller des Gutsgebäudes auch noch Tradition befindet. Die riesigen alten Weinfässer sind zwar nicht mehr in Gebrauch, bilden aber eine stimmungsvolle Kulisse für Weinproben.


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