Stadt formiert sich zu aktiverer Wohnbaupolitik

Rastatt (ema) – Die Stadt Rastatt wird sich deutlich intensiver um den Wohnungsbau kümmern. Der Bedarf ist erheblich, wie eine Analyse zeigt.

Nachverdichtung ist einer der Wege, die zu mehr Wohnraum führen sollen: Das Murg-Carrée der Baugenossenschaft Gartenstadt. Foto: Willi Walter

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Nachverdichtung ist einer der Wege, die zu mehr Wohnraum führen sollen: Das Murg-Carrée der Baugenossenschaft Gartenstadt. Foto: Willi Walter

Nach jahrelangen Diskussionen um die Rolle der Stadt in der Wohnbaupolitik hat sich der Gemeinderat jetzt einstimmig auf eine Marschroute verständigt. Ein Gutachten des Unternehmens „empirica“ bestätigt: Die Große Kreisstadt benötigt trotz des Baubooms der vergangenen Jahre langfristig weiter zahlreiche neue Wohnungen – 2.960 Einheiten bis zum Jahr 2035. Dabei ist derzeit nicht klar, wie man den Bedarf aus der Fläche decken kann.
Die Zeichen standen und stehen auf Wachstum: Rastatt hat die 50.000-Einwohner-Marke geknackt, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt bei 30.450; mehr als 20.000 Menschen pendeln täglich in die Stadt zur Arbeit: Und laut Statistischem Landesamt wird die Kurve weiter nach oben gehen: Die Zahl der Haushalte in Rastatt wird bis 2035 um sechs Prozent wachsen.

Darauf gilt es zu reagieren, obwohl allein in den Spitzenjahren 2017 und 2018 insgesamt 740 Wohnungen in Rastatt fertiggestellt worden sind. Dieser Boom hinterließ laut der „empirica“-Analyse Spuren: Es zogen Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen nach Rastatt; kaufkräftige Haushalte habe man in der Stadt halten können. Der Wohnungsmarkt blieb vergleichsweise entspannt mit geringerem Mietanstieg. Und durch den Sickereffekt wurden Wohnungen mit mittleren und niedrigen Mieten durch Umzug in Neubauten frei.

Der weiter wachsende Bedarf ist jedoch nicht nur darauf zurückzuführen, dass Rastatt als attraktiver Wirtschafts- und damit auch Wohnstandort Einwohner von außen anzieht. Die Prognosen gehen von einer Steigerung bei den Ein- und Zwei-Personen-Haushalten aus aufgrund des demografischen Wandels.

Unterm Strich will die Stadt Rastatt nun mit mehreren Handlungsansätzen reagieren. Ziel ist es, bis zum Jahr 2035 die Schaffung von durchschnittlich 150 bis 160 Wohneinheiten pro Jahr zu ermöglichen. Dabei will man die Bezahlbarkeit der Wohnungen ebenso wie diverse Zielgruppen im Blick haben.

SPD: „Neues Zeitalter“

Den eigenen Wohnungsbestand will die Verwaltung strategisch weiter entwickeln. Bedarf sollen möglichst in Baulücken und durch verträgliche Nachverdichtung gedeckt werden. Die Stadt will die Entwicklung auch über das Instrument des Zwischenerwerbs von Grundstücken steuern und Ankaufsrechte einsetzen. Damit das Thema kontinuierlich auf der Agenda bleibt, wird es in Rastatt nicht nur einen „Wohnbeirat“ mit Vertretern aus Gemeinderat und Verwaltung geben. Zur Intensivierung der Zusammenarbeit mit den Akteuren auf dem Wohnungsmarkt werden auch regelmäßige „Werk-Stadt-Gespräche Wohnen“ aus der Taufe gehoben.

Am Ratstisch war die vorgeschlagene Marschroute weitgehend konsensfähig. Für die SPD-Fraktion, die OB Hans Jürgen Pütsch seit Jahren zu einer aktiveren Rolle in der Wohnbaupolitik drängt, sprach Joachim Fischer gar von einem „neuen Zeitalter“. Er bemängelte gleichwohl, dass die Stadt nicht den Schritt wie die Nachbarstadt Baden-Baden gehe, um mit einer eigenen Wohnungsbaugesellschaft Akzente zu setzen. Diesem Wunsch schlossen sich in der Debatte lediglich noch Grüne und AfD an. Die Gegenposition vertrat CDU-Chefin Brigitta Lenhard, die das Bauen in erster Linie den örtlichen Unternehmen und Genossenschaften überlassen will. Dagegen solle die Stadt weiter den Weg des „Rastatter Modells“ gehen, etwa bei dem Neubauprojekt der Familienheim in der Platanenstraße, wenn die Stadt Mieten bezuschusst, damit Wohnungen bezahlbar bleiben. Die SPD sähe es dagegen lieber, wenn die Stadt selbst baut und dabei Fördergelder von Bund und Land in Anspruch nimmt.

Bau-Bürgermeister Raphael Knoth sprach angesichts des beschlossenen Pflichtenhefts von einer „Richtschnur für gesundes Wachstum“, mit dem man auch eine „soziale Durchmischung“ in den Quartieren anstrebe. OB Hans Jürgen Pütsch fügte hinzu, dass auch die Dörfer mit Geschosswohnungsbau einen Beitrag leisten müssten, um den Bedarf zu decken.

Um die Ziele tatsächlich erreichen zu können, wird die Stadt zusätzliche Flächenpotenziale heben müssen. Nimmt man die Baulücken, kurzfristig umsetzbare Areale sowie elf noch nicht beplante Wohnbauflächen im Flächennutzungsplan, fehlt es immer noch an aktivierbaren Flächen für mindestens 450 Wohneinheiten.


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