Stadt- und Landkreis befürchten Einkaufstourismus

Rastatt/Baden-Baden (for) – Vertreter des Stadt- und Landkreises haben bei der Corona-Pressekonferenz am Freitag ihre Bedenken zu der Öffnungsstrategie des Landes geäußert.

In Baden-Baden könnten ab Montag die Geschäfte öffnen, wenn der Inzidenzwert unter 50 bleibt. Im Landkreis Rastatt geht Shoppen dagegen nur mit Terminbuchung. Foto: Sina Schuldt/dpa

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In Baden-Baden könnten ab Montag die Geschäfte öffnen, wenn der Inzidenzwert unter 50 bleibt. Im Landkreis Rastatt geht Shoppen dagegen nur mit Terminbuchung. Foto: Sina Schuldt/dpa

Am Sonntag ist es auf den Tag genau ein Jahr her, als das Corona-Virus erstmals in Mittelbaden festgestellt worden ist. Insgesamt drei Personen waren am 7. März 2020 im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden positiv auf das Coronavirus getestet worden. Bis heute zählt der Landkreis mehr als 5.700 Infektionen, der Stadtkreis fast 1.300. In kurzer Zeit hat das Virus das öffentliche und private Leben massiv verändert.

Noch viele Fragen offen

Bei der Corona-Pressekonferenz am Freitag im Landratsamt Rastatt blickten Vertreter des Land- und Stadtkreises auf die vergangenen Monate zurück und wagten auch einen Blick in die Zukunft. Im Fokus standen dabei die beim Bund-Länder-Gipfel angekündigten schrittweisen Lockerungen der Corona-Maßnahmen. „Die Beschlüsse vom vergangenen Mittwoch machen Hoffnung auf die langsame Öffnung von Einzelhandel und Kultur“, zeigte sich Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margret Mergen zuversichtlich. Allerdings seien diesbezüglich noch viele Fragen offen, die es in den kommenden Tagen zu klären gilt. Ausschlaggebend für die weitere Planung sei die Landesverordnung, die bis am Freitag aber noch nicht vorlag, so Jörg Peter, Erster Landesbeamter des Landkreises Rastatt.

Wie könnte die Öffnung des Einzelhandels aussehen?

Das hängt davon ab, wie das Land die Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels umsetzen will. Darüber haben der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein Kabinett am Freitag noch beraten. Die Vertreter des Stadt- und Landkreises gehen davon aus, dass die neue Landesverordnung eine „kreisscharfe Entscheidung“ vorschreiben wird, meint Peter. Das bedeutet, dass in Kreisen, die stabil unter 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen liegen, unter anderem der Einzelhandel wieder öffnen darf – allerdings mit einer Begrenzung von einer Kundin oder einem Kunden pro zehn Quadratmeter beziehungsweise 20 Quadratmeter je nach Verkaufsfläche. Das heißt konkret: Im Stadtkreis Baden-Baden mit einer Inzidenz von unter 50 (Stand Freitag: 45,3) dürften ab Montag die Geschäfte unter den geltenden Hygiene- und Abstandsvorschriften wieder öffnen. Erst, wenn die Inzidenz drei Tage in Folge wieder über dem Wert 50 liegt, müssten wieder strengere Maßnahmen greifen. Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von über 50 bis 100 gelten dann eingeschränkte Lockerungen: Shopping geht dann nur mit einer Terminvereinbarung. Dies würde nach jetzigem Stand für den Landkreis Rastatt (Sieben-Tage-Inzidenz 82,5) gelten. Peter blickt mit Sorge auf diese Regelung des Landes: „Ich finde das keine gute Entscheidung“, betonte er. Man laufe Gefahr, einen Einkaufstourismus hervorzurufen, weil alle Bewohner der angrenzenden Städte dann nach Baden-Baden zum Shoppen strömen würden. „Das kann nicht im Sinne der Pandemiebekämpfung sein“, sagte er.

Bei den Einzelhändlern hält sich die Vorfreude bislang noch in Grenzen. Die Sprecherin der Einzelhändler im Gewerbeverein RA³, Sabine Karle-Weiler, hält die mögliche Öffnung mit Terminvergabe im Landkreis Rastatt für „einen kleinen Schritt in die richtige Richtung“. Allerdings verändere sich dadurch aus ihrer Sicht nicht viel für die Einzelhändler in Rastatt. Carsten Funke, Geschäftsführer des Elektrofachmarkts Octomedia in Rastatt, hält zudem die Vorbereitungszeit für „sehr kurz“. Ähnlich äußerte sich auch der Baden-Badener Modehaus- und Kaufhallen-Eigentümer Franz Bernhard Wagener. Matthias Vickermann, Vorsitzender der kurstädtischen Einzelhandels-Initiative Baden-Baden-Innenstadt, betonte, dass der Einzelhandel in Hinblick auf eine ausreichende Kundenfrequenz auch geöffnete Gaststätten und Hotels sowie Kongresse und Veranstaltungen brauche.

Wie geht es mit den Impfungen weiter?

Nach wie vor ist nicht genügend Impfstoff vorhanden. „Wir hinken hinterher, weil wir als Kreise nicht genügend Impfstoff bekommen“, klagte Peter. Durch die Ausweitung der für eine Impfung berechtigten Personen in der ersten Kategorie (Lehrer und Erzieher) werde sich diese Problematik weiter zuspitzen. Positiv sei, dass das Vakzin des Herstellers Astrazeneca für alle Altersgruppen freigegeben werden soll. „Wir hoffen, dass die Impfstoffmenge im zweiten Quartal weiter zunehmen wird und wir die versprochenen Impfdosen auch wirklich erhalten“, so Dominik Zoller, Leiter der Taskforce des Landkreises. Erfreulich sei auch, dass man im Impfzentrum in Bühl mittlerweile schon an vier Tagen die Woche Termine anbiete, im Impfzentrum in Baden-Baden sogar an sechs Tagen die Woche. Am 21. März sollen auch im Landkreis alle Pflegeheimbewohner geimpft sein. „Dann haben die mobilen Impfteams wieder freie Kapazitäten“, kündigte Zoller an. Im nächsten Schritt sollen dann Menschen in der Tagespflege, im Betreuten Wohnen und später auch in Einrichtungen für Behinderte geimpft werden. Außerdem sei angedacht, dass Gemeinden eigene Impfzentren einrichten. Zudem probt das Land mit einem Pilotprojekt die Impfung in Hausarztpraxen (wir berichteten).

Wie hat sich die Lage im Klinikum Mittelbaden (KMB) entwickelt?

Das KMB war in der ersten Welle stark betroffen. Im Mai folgte ein Rückgang der Patientenzahlen und von Juni bis Ende September waren keine Covid-Patienten mehr in stationärer Behandlung. Mit der zweiten Corona-Welle stiegen die Patientenzahlen jedoch wieder an und erreichten Anfang Januar einen erneuten Höchststand mit 54 Patienten. Anschließend folgte laut Dr. Thomas Iber, Medizinischer Geschäftsführer des KMB, ein kontinuierlicher Rückgang, den er als Folge des Lockdowns vom 16. Dezember deutet. Strengere Maßnahmen hätten demnach immer zu einem Rückgang der stationären Covid-Patienten geführt. Im Umkehrschluss stellt sich Iber mit den geplanten Lockerungen nun wieder auf einen Anstieg der Patienten ein. „Die Impfungen sind noch nicht weit genug vorangeschritten, um das zu verhindern“, sagte er.


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