Stadtverkehr: Kutschpferde brauchen starke Nerven

Baden-Baden (BNN) – Baulärm, viel Verkehr und neugierige Blicke in der Baden-Badener Innenstadt: Für Kutschfahrerin Sabrina Möller ist das normal. Wir werfen einen Blick in ihren Alltag.

Fahrt zu zweit: Sabrina Möller kutschiert am Mittwoch ein junges Paar durch die Lichtentaler Allee. Foto: Karoline Scharfe/BNN

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Fahrt zu zweit: Sabrina Möller kutschiert am Mittwoch ein junges Paar durch die Lichtentaler Allee. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Autos fahren dicht an der Kutsche vorbei. Arbeiter baggern einen Gehweg auf. Schimmel Aron macht einen Satz nach links – er erschrickt vor dem Bohrgeräusch. Sofort greift Sabrina Möller in die Leine und zieht das Gespann an den Straßenrand zurück. Es geht weiter. Im Baden-Badener Stadtverkehr brauchen Mensch und Tier starke Nerven.

Gegen 10.20 Uhr holt Möller das Pferd aus seiner Box. Ihr Telefon klingelt. Sie bindet das Tier an und nimmt ab. Ein Gast will die Kutsche schon um 11.30 Uhr nutzen. „Puh, das wird zu knapp“, sagt Möller. Sie vertröstet ihn auf 13 Uhr. Mit zwei Pferdestärken braucht sie etwa eine halbe Stunde zum Goetheplatz beim Theater. Dort startet sie derzeit ihre Touren. In diesem Frühjahr läuft das Geschäft der Kutscherin wieder besser. Die Nachfrage ist gestiegen. Das liegt vor allem an der Lockerung der Corona-Regeln, sagt Möller. Am Wochenende sind mittlerweile zwei Kutschen unterwegs.

Pandemiezeiten durch Spendenaktion überstanden

Die Pandemie hat den Betrieb enorm belastet. Monatelang parkten die Kutschen im Stall. Sie durften nicht fahren. Eine Spendenaktion half Möller zu überleben. Auch die Stadt setzte sich ein. Nun will Möller vorsorgen. Sie plant, den Stall am Gunzenbach umzubauen, um die Arbeitsabläufe zu verbessern. Das spare im Alltag Zeit, sagt sie. Zudem will sie eine Kutsche aufrüsten. Ein Motor soll die Pferde unterstützen. Dadurch könnte sie auch bergige Ziele anfahren. Das Vorhaben unterstützt die Europäische Union über das Programm „Leader“. Das übernimmt 80 Prozent der Kosten.

Gäste kommen bald: Für Striegeln, Putzen und Anspannen bleibt dem Kutschteam nur etwa eine Stunde. Deshalb muss jeder Handgriff sitzen. Foto: Karoline Scharfe/BNN

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Gäste kommen bald: Für Striegeln, Putzen und Anspannen bleibt dem Kutschteam nur etwa eine Stunde. Deshalb muss jeder Handgriff sitzen. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Ein junges Paar hat Möller am Mittwoch um 12 Uhr gebucht. Für Striegeln, Putzen und Anspannen bleibt etwa eine Stunde. Alle packen mit an. Stefanie Zirbes spritzt den Wallach Indigo ab, während Möller mit beiden Händen die Kutsche aus dem Stall zieht. Langsam rollt das Gefährt auf den Hof. Heike Hoffmann-Plathe wartet mit einem Sauger. Sie reinigt die Sitze. Möller reibt unterdessen die Türen mit einem Lappen ab. Danach legt sie Aron und Indigo Gurte und Trensen an. Damit spannt sie die Tiere vor die Kutsche. Die fünfjährigen Tiere zählen als jüngere Pferde. Im Schnitt schickt Möller ihre Tiere mit 15 oder 16 Jahren in Rente. Das hänge von ihrem körperlichen Zustand ab. Sie verkauft die Pferde weiter. „Ich vermittle sie, wenn es ihnen noch gut geht“, sagt sie.

„Die Baustelle fordert die Tiere“

Kurz vor 12 Uhr kommt die Kutsche am Goetheplatz an. Es ist viel los. Spaziergänger laufen durcheinander. Radfahrer schlängeln sich vorbei. Der Bagger auf der Fieserbrücke lässt Bauschutt zu Boden fallen. Ein Stresstest für die Tiere. Möller bleibt ruhig. Sie kennt sich aus. Seit etwa sieben Jahren fährt sie durch Baden-Baden. „Die Baustelle fordert die Tiere. Aber sie sind gut ausgebildet“, sagt sie. Kutschpferde müssen nervenstark sein. Sie dürfen sich nicht leicht erschrecken.

•Kleiner Snack: Stefanie Zirbes füttert Aron und Indigo vor der Fahrt mit kleinen Pellets. Die Pferde müssen mehrere Mahlzeiten am Tag fressen. Foto: Karoline Scharfe/BNN

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•Kleiner Snack: Stefanie Zirbes füttert Aron und Indigo vor der Fahrt mit kleinen Pellets. Die Pferde müssen mehrere Mahlzeiten am Tag fressen. Foto: Karoline Scharfe/BNN

Dann kommen die Gäste. Es sind Eike Rücker-Klapper und Yasmin Reusing. Das Paar macht Urlaub. „Wir haben uns kurzfristig entschieden, mit der Kutsche zu fahren“, sagt Rücker-Klapper. Er steigt ein und die Kutsche rollt los. Zirbes steht an der linken Tür. Sie unterstützt Möller beim Wenden. Bei der Fahrt erzählt sie den Gästen von der Stadt. Möller fährt wegen der Baustelle nicht ihre übliche Strecke. Sie bleibt auf der Lichtentaler Allee. Die Poller öffnet sie mit einer Fernbedienung. Am Ende wendet sie über einige Straßen. Immer wieder bleiben Passanten stehen. Sie machen Fotos oder sprechen Möller an. Eine Seniorin fragt sie vorm Burda-Museum, wie viel eine Fahrt kostet. Für eine Schnuppertour berechnet sie 65 Euro. „Dann muss ich erst ins Casino gehen“, scherzt die Dame.

Manchmal rufen Passanten „Tierquäler“

Nicht alle Passanten seien so freundlich. Manchmal riefen ihr Menschen „Tierquäler“ hinterher, sagt Möller. Auch online griffen sie angebliche Tierschützer an. „Solchen Menschen sage ich, dass sie vorbeikommen und sich meine Tiere anschauen können“, sagt Möller. Ihre Pferde seien gesund. Denn: Sie trainiert ihre Tiere. „Beim Fahren belasten die Pferde ihre Vorderfüße. Im Training fokussiere ich die Hinterhand“, sagt sie. Zudem wechseln sich die sechs Pferde ab. Sie haben mehrmals in der Woche frei und arbeiten maximal zwei Tage am Stück.

Nach einer halben Stunde macht die Kutsche vorm Theater halt. Die Fahrt ist zu Ende. Zirbes steigt ab. „Soll ich noch ein Foto machen?“, fragt sie Rücker-Klapper und Reusing. Beide sagen ja. Die Schimmel haben nun Pause. Sie mampfen ihre Futter-Pellets.

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Ihr Autor

BNN-Volontärin Karoline Scharfe

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Erstellt:
16. April 2022, 19:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 28sec

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