Stadtverwaltung Rastatt will Kolonial-Denkmal umdeuten

Rastatt (sl) – Achtung der Menschenwürde statt Verherrlichung von Machtstreben: Das Denkmal in der Lützowerstraße soll eine erklärende Texttafel erhalten.

Das Regiment „von Lützow“ errichtete für in Afrika gefallene Kameraden diesen Gedenkstein. Foto: Rainer Wollenschneider

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Das Regiment „von Lützow“ errichtete für in Afrika gefallene Kameraden diesen Gedenkstein. Foto: Rainer Wollenschneider

Als Zeugnis deutscher Kolonialmacht und deutschen Weltmachtstrebens ist das Soldatendenkmal an der Ecke Lützowerstraße/Friedrich-Ebert-Straße in Rastatt 1907 errichtet worden. Jetzt soll das Monument durch eine Erläuterungstafel eine neue Bedeutung und einen Platz in der Erinnerungskultur erhalten. Das möchte die Stadtverwaltung am Montag dem Gemeinderat vorschlagen. Auch andere problematische Denkmäler will man künftig mit zusätzlichen Erläuterungen ergänzen.
In den ehemaligen Kasernen der Lützowerstraße waren in der Zeit des deutschen Kaiserreichs Soldaten des gleichnamigen Regiments untergebracht. Einige von ihnen meldeten sich freiwillig zu den sogenannten Schutztruppen in den deutschen Kolonien in Afrika. Sowohl im damaligen Deutsch-Südwestafrika als auch im ehemaligen Deutsch-Ostafrika fielen einige von ihnen im Kampf oder starben aufgrund von Verwundungen und Krankheiten. Über besondere Taten oder Verbrechen der auf dem Denkmal erwähnten Personen ist nichts bekannt, berichtet die Rastatter Stadtverwaltung. Das Denkmal sei heute in der Erinnerungskultur, wie auch bis vor Kurzem die koloniale Vergangenheit Deutschlands überhaupt, wenig verankert. Viele Rastatter dürften den Gedenkstein gar nicht kennen.

Stadt will Diskussion anstoßen

„Der Umgang mit den Kolonialdenkmälern in Deutschland ist oftmals problematisch, eine Diskussion jedoch wichtig“, findet man im Rastatter Rathaus. Grundlage für einen öffentlichen Austausch sei die Erläuterung des Denkmals im Zusammenhang seiner Zeit und dessen Wirkung bis heute. Diese Vorgehensweise werde auch in anderen Kommunen so gehandhabt. Das kritische Hinterfragen der eigenen Vergangenheit solle heute dazu anregen, für die Achtung der Menschenrechte und die Menschenwürde einzutreten. Hierzu könne das heute als „anstößig“ empfundene Denkmal in Zukunft dienen, indem es zum Anlass für die Auseinandersetzung auch mit problematischen Feldern der deutschen Geschichte wird, argumentiert das Rathaus.

Weiteres Denkmal am Westring im Visier

Die Stadtverwaltung hat aber noch ein weiteres problematisches Denkmal im Stadtgebiet ausgemacht: So erinnert am Westring ein Gedenkstein an die durch den Freiwilligen Arbeitsdienst dort durchgeführten Arbeiten zur Bodenverbesserung beziehungsweise Entwässerung. Der Freiwillige Arbeitsdienst wurde bereits während der Weimarer Republik vom Vorläufer der heutigen Agentur für Arbeit als Beschäftigungsprogramm eingeführt. Die Teilnahme war zunächst freiwillig und war auf zehn bis 20 Wochen beschränkt. Die Nationalsozialisten bauten das Programm in ihrem Sinn aus zum Reichsarbeitsdienst, der ab 1935 für alle Männer verpflichtend war, teilt die Stadt mit.

Das Rastatter Denkmal ist zwar von der nationalsozialistischen Symbolik befreit, könnte aber ebenfalls eine historische Einordnung benötigen, so die Auffassung im Rathaus. Hierzu seien aber noch weitere Archivrecherchen notwendig. Die Verwaltung möchte für das Denkmal am Westring und gegebenenfalls weitere ähnlich problematisch gelagerte Denkmäler ebenfalls Erläuterungstafeln zu den historischen Hintergründen in die Wege zu leiten. Derzeit seien aber keine weiteren bekannt.

Aus der Geschichte lernen

Für die Tafel zur Einordnung des Soldatendenkmals schlägt die Stadtverwaltung folgenden Text vor:

„Die Errichtung eines Denkmales für in Afrika verstorbene ehemalige Regimentsangehörige wurde durch das Regiment ,von Lützow‘ angeregt und das Denkmal am 30. November 1907 eingeweiht. Die sogenannte ,Schutztruppe‘ in den deutschen Kolonien war ein von Reichsheer und Marine unabhängiger Truppenteil. Nachdem in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, die Völker der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft aufbegehrten, wurde die Schutztruppe unter ihrem Kommandeur Lothar von Trotha erheblich aufgestockt. Die Kriegsführung der Schutztruppe hatte die Vernichtung der Aufständischen zum Ziel und führte zum Völkermord an den Herero und Nama. Der Kolonialismus mit seinen bis heute reichenden Auswirkungen auf die betroffenen Länder und die dort lebenden Menschen ist in der Erinnerungskultur Deutschlands bisher wenig präsent. Das Denkmal, welches 1907 als Zeugnis deutscher Kolonialmacht errichtet wurde, soll daher heute Aufforderung sein, aus der Geschichte zu lernen und stets für die Achtung der Menschenrechte und Menschenwürde einzutreten.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
15. Oktober 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

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