„State and Nature“: Neue Kunsthalle-Schau startet

Baden-Baden (cl) – Ein komplexes Thema und viele, kleine Ideen: Mit der Schau „State and Nature“ stellt sich das neue Leitungsteam der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden vor. Am Freitag wird eröffnet.

Eine Performance von Yael Bartana hat die Ausstellung „State and Nature“ bereits im Frühjahr vor der Kunsthalle Baden-Baden eingeläutet. Jetzt befinden sich auch Werke der Künstlerin im Foyer.  Foto: Yael Bartana

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Eine Performance von Yael Bartana hat die Ausstellung „State and Nature“ bereits im Frühjahr vor der Kunsthalle Baden-Baden eingeläutet. Jetzt befinden sich auch Werke der Künstlerin im Foyer. Foto: Yael Bartana

Mit „State and Nature“ – über das sich wandelnde Verhältnis zwischen Staat und Natur – haben sich die neuen Baden-Badener Kunsthallen-Leiter Cagla Ilk und Misal Adnan Yildiz ein großes, schwer zu fassendes Ausstellungsthema gesetzt. Ausgangspunkt soll die Kunsthalle des Landes als staatliche Institution sein inmitten der illustren Geschichte Baden-Badens und der Lichtentaler Allee. Darüber hinaus ist die Schau politisch und deutet mit Statements für Multikulturalismus genauso türkische, zypriotische wie lateinamerikanische Geschichte aus Sicht der Unterdrückten und von Globalisierung Geschädigten an. Es ist die erste große Schau der Doppelspitze, die im Mai 2020 das Amt antrat – am Freitagabend ist Eröffnung.

Eulen nach Athen getragen – lässt sich da vorab bemerken: Mit an einen Ort gebundener, sich auf einen Ort beziehender Kunst, die auch gesellschaftlich virulente Fragen aufgreift, ist die Kunsthalle seit Jahrzehnten gesegnet gewesen – kultiviert worden schon in den 1970er Jahren mit spektakulären Aktionen der legendären „14x14“-Reihe unter dem damaligen Direktor Klaus Gallwitz, der jungen Wilden eine Plattform gab, die heute zu den arrivierten Künstlern gehören – Klaus Rinke etwa hat die Oos in die Kunsthalle in dicken Röhren umgeleitet, Gerhard Richter und Günther Uecker haben in den Ausstellungsräumen übernachtet und hier ihre ganz privaten Performances im Schlafanzug gefeiert. Dieser progressiven, provokativen Geschichte der Kunsthalle wird nun eine arg didaktische, brav zusammenstellte Ausstellung als „Neuausrichtung“ hinzugefügt.

Künstler aus der Türkei, Zypern, türkische Künstler aus Berlin, Mexiko und Guatemala sind beteiligt – eine Community, die die aus der Türkei stammende, frühere Berliner Dramaturgin Ilk und Kurator Yildiz aus Istanbul nach eigener Aussage in der Kunsthalle längerfristig um sich scharen wollen. Konkret geht es um Kapitalismus- und Kolonialismuskritik, Zerstörung jahrhundertealter Siedlungsstrukturen, geopolitische Interessen, Expansionspolitik und Umweltschäden durch Staaten wie Wirtschaftsinteressen. Umgesetzt werden die komplexen Fragestellungen in vielen, kleinen kreativen Ideen, die sich aneinanderreihen.

Achenbach-Gemälde stehen für Gewalt der Natur

So soll die Großinstallation der iranischen Künstlerin Neda Saeedi „Two Shades of Green“ für den großen Oberlichtsaal Gebautes und Gewachsenes miteinander verbinden: Zweige aus dem Blätterwald der Allee werden in einer Art Riesenherbarium aus Glas gepresst und mit grünen Figürchen aus der Videospiele-Welt in vielen Schneekugeln bevölkert – eine ästhetisch sauber gebändigte Versuchsanordnung. Berlins Mitte und seine Geschichte rund um zwei ehemalige Ruinen, des Palastes der Republik und des Stadtschlosses, wo das Humboldt-Forum errichtet wurde, kommen vor. Dann wird Zypern als britischer Militärstützpunkt für den Mittleren Osten in Fotos aufgegriffen. Der Neuseeländer Simon Denny konfrontiert – mit einem Riesenballon samt dokumentarischem Relief – mit den Geschäftsinteressen von Amazon, weil der Versandhändler mittels Drohnen global nach Bodenschätzen suchen lässt. Mehtap Baydu setzt sich mit der selbstgenähten Fruchtbarkeitsgestalt Sahmaran aus der anatolischen Kultur für die Frauenrechte ein, die in der Türkei aktuell mit Füßen getreten werden. Gezeigt wird, wie eine italienische Community ihre Natur schützt und jedes Jahr den Baum feiert, auch die Verwurzelungen aus Werkgruppen der Baden-Badener Fotografin Simone Demandt.

Und noch ein Griff in die Kunstgeschichte: Um den Naturraum mit gewaltiger Wasserkraft zu zeigen, ziehen die Kuratoren den hier bestens bekannten Landschaftsmaler Andreas Achenbach aus dem 19. Jahrhundert aus einer Baden-Badener Privatsammlung heran, der im Umfeld des benachbarten Museums LA8 rund um den ehemaligen Kunsthallen-Leiter Matthias Winzen, der das Ausstellungshaus des Landes seit seinem unschönen Weggang nie aus den Augen gelassen hat, sowieso immer wieder ins Blickfeld gerückt wird. Nun also wird Achenbach auch von den Nachbarn entdeckt.

Eine unscheinbar gehängte Entdeckung sind dafür zwei Großformate des in Stuttgart lebenden Malers Mahmut Celayir über den iranisch-griechischen Gebirgszug – zwei Gemälde, die sich in der Sammlung Baden-Württembergs befinden. Vor sein Großformat „Die Straße des Königs“ (2004) in altmeisterlicher Manier hat Celayir einen modernen Vermessungsstab gestellt.

Immerhin die beteiligten Künstler suchen das Experimentelle, wollen die schöne Optik Baden-Badens mit gesellschaftskritischen Fragen konfrontieren, doch das Ausstellungskonzept lässt die große Linie vermissen, erscheint beliebig. In seit Corona leer stehenden Geschäften Baden-Badens und in der Allee gibt es weitere kleine Statements – bis 31. Oktober.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
15. Juli 2021, 05:30 Uhr
Lesedauer:
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