Steigen jetzt auch die Mieten?

Karlsruhe (BT) – Auf dem Wohnungsmarkt herrscht Verunsicherung: Steigen nach den Nebenkosten auch die Mieten? Vonovia-Chef Buch geht davon aus. Die Mieterschützerin befürchtet „Trittbrettfahrerei“.

Die Geschäftsführerin des Mietervereins Karlsruhe, Ruth Zöller, beobachtet derzeit eine „Trittbrettfahrermentalität“ beim Erhöhen der Mietpreise.  Foto: Monika Skolimowska/dpa

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Die Geschäftsführerin des Mietervereins Karlsruhe, Ruth Zöller, beobachtet derzeit eine „Trittbrettfahrermentalität“ beim Erhöhen der Mietpreise. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Am Tag, bevor der Wohnungskonzern Vonovia eine Ausschüttung von 1,3 Milliarden Euro an seine Aktionäre beschloss, tat sein Chef Rolf Buch kund: Er gehe davon aus, dass demnächst die Mieten steigen. Das gehe gar nicht anders, sagte er in einem Spiegel-Interview. Buch begründete das mit der hohen Inflation und den stark gestiegenen Baukosten.

Mieterschützerin Ruth Zöller findet das schlicht „dreist“. Die Geschäftsführerin des Mietervereins Karlsruhe beobachtet derzeit eine „Trittbrettfahrermentalität“ beim Erhöhen der Preise. Dabei bergen die derzeitigen Preissteigerungen nach ihrer Ansicht viel sozialen Sprengstoff. „Ich sehe das mit großer Sorge“, sagt Zöller. „Wie das manche bezahlen sollen, ist mir rätselhaft.“ Zudem sei „Vonovia schon die ganze Zeit munter dabei, Mieten zu erhöhen.“ Der Konzern hat nach eigenen Angaben in der Region mehr als 2.600 Wohnungen, 1.450 davon in Karlsruhe.

Rechtlich gesehen sind Mieterhöhungen – ohne besondere Regelung im Vertrag – nur bis zur ortsüblichen Vergleichsmiete möglich. Mieter haben dann noch die beiden folgenden Monate Zeit, die Ankündigung überprüfen zu lassen. Das sollten sie tun. Denn Mieterhöhungen müssen sauber begründet sein – über den Mietspiegel, oder, wenn es keinen gibt: über Nennung von drei Vergleichswohnungen oder ein Sachverständigengutachten. „Aktuell wird sich da wegen der Inflation noch nicht viel tun“, sagt der Vorsitzende des Eigentümerverbandes Haus und Grund in Karlsruhe, Marc Wurster. „Der aktuelle Mietspiegel in Karlsruhe wird zum 1.1.2023 fortgeschrieben. Da wird natürlich die Inflation dann eine Rolle spielen.“

Fachmann rät: Mietspiegel einsehen

In kleineren Gemeinden ohne Mietspiegel kann eine Mieterhöhung häufig nur mit Vergleichswohnungen oder Gutachten begründet werden. Hier werde sich die Inflation erst mit Verzögerung bemerkbar machen. Wurster rät daher, „bei Modernisierungen die Mieterhöhungsmöglichkeiten auszuschöpfen“.

Das Vorgehen großer Wohnungskonzerne mit eher anonymem Verhältnis zum Mieter sehe er „mit einer gewissen Skepsis“, sagt Wurster. „Aber genauso skeptisch bin ich, wenn Mieten künstlich nach unten gedrückt werden durch städtische Wohnbaugesellschaften.“ Dies fließe auch in den Mietspiegel ein. „Wir stehen hier dazwischen“, sagt Wurster. Sein Verband vertritt die privaten Eigentümer, die in Deutschland rund 70 Prozent der Mietwohnungen bereitstellen.

Und die haben jetzt ein doppeltes Problem: Zum einen sind Vermieter etwa bei Handwerkern mit „massiv steigenden Kosten“ konfrontiert, so Wurster. Die Möglichkeit, die Mietpreise zu erhöhen, sei dagegen erst sehr viel später da.

Schaffung neuer Nebenkosten

Zum anderen tragen meist die Vermieter allein das Zahlungsrisiko bei den Nebenkosten. Hier sind sich alle Beteiligten am Mietmarkt einig: Es ist derzeit angesichts der enorm erhöhten Kosten absolut sinnvoll, wenn Mieter und Vermieter aufeinander zugehen, um höhere Abschlagszahlungen zu vereinbaren. Zöller geht wie Wurster von rund einem Drittel mehr bei den Heizkosten aus. Der Vermieter darf zwar rechtlich gesehen Abschlagszahlungen erst nach der nächsten Abrechnung erhöhen. Jetzt schon mehr zu zahlen sei aber zum Schutz vor bösen Überraschungen sinnvoll.

Vor denen sind Mieter von Vonovia in Karlsruhe offenbar nicht gefeit. Zöller sagt, der Konzern sei „sehr kreativ bei der Schaffung neuer Nebenkosten“. Zusatzgebühren beispielsweise für Mülldienstleistungen, die fast so hoch wie die eigentlichen Müllgebühren sein können. „Wir raten Mitgliedern, da nicht zu zahlen.“ Bei einer Klage rechnet sie sich gute Chancen aus. Doch nicht alle Betroffenen wollen sich einem solchen Stress aussetzen und zahlen aus Angst um ihre Wohnung am Ende doch. Einige blieben hart – bislang habe Vonovia da keine rechtlichen Schritte unternommen.

Ein anderes Problem sieht Zöller in sogenannten Indexmietverträgen, von denen auch hier in der Region immer mehr Vermieter Gebrauch machen. Sie erlauben es Vermietern, die Mietpreise an die Inflation anzupassen. Angesichts einer Teuerung von aktuell 7,4 Prozent aber haben diese Mieterinnen und Mieter jetzt ein Problem, „das kann schon erheblich werden“, sagt die Geschäftsführerin des Mietervereins. Dagegen vorgehen könne man später nicht.

Wurster rät Vermietern von Wohnungen durchaus, sich über die Vereinbarung einer Indexmiete Gedanken zu machen. „Dann hat man zumindest eine Erhöhungsmöglichkeit an der Hand.“ Ob und in welcher Höhe er dann später auch tatsächlich eine Mieterhöhung anhand des Index vornimmt, bleibe jedem Vermieter selbst überlassen.

Ihr Autor

Von unserer Mitarbeiterin Erika Becker

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Erstellt:
3. Mai 2022, 09:20 Uhr
Lesedauer:
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