Steiler Weg nach Tokio

Baden-Baden (naf) – Der Sinzheimer Physiotherapeut Martin Schlageter betreut die Olympia-Kletterer in Tokio und erfüllt sich damit einen eigenen großen Traum.

Pure Freude: Als Martin Schlageter – hier rechts neben Olympionike Alexander Megos – erfährt, dass er mit nach Tokio kann, geht ein Traum in Erfüllung.Fotos: Privat

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Pure Freude: Als Martin Schlageter – hier rechts neben Olympionike Alexander Megos – erfährt, dass er mit nach Tokio kann, geht ein Traum in Erfüllung.Fotos: Privat

Der große Traum von Olympia – Martin Schlageter begleitet er schon lange. Dabei ist der Sinzheimer weder Profisportler noch Trainer, und trotzdem hat er in diesem Jahr die fünf berühmten Ringe im weit entfernten Japan vor Augen. „Ich setze mich in den Flieger und grinse, bis wir ankommen“, sagt er kurz vor seinem Flug nach Tokio. Der Physiotherapeut begleitet die deutschen Kletterolympioniken – und erfüllt sich damit einen eigenen großen Wunsch.

Bereit war Schlageter – von seinen Kletterern nur Schlagi genannt – schon lange, genauer gesagt: seit über 20 Jahren. Damals bildete er sich für die DOSB-Lizenz zum Sportphysiotherapeuten weiter und qualifizierte sich damit für eine Begleitung zu den Olympischen Spielen. Seither hat Schlagi viele Seminare besucht, Prüfungen abgelegt und die Lizenz Jahr für Jahr verlängert – selbst ohne eine Teilnahme in Aussicht. „Weil ich immer diesen Traum hatte, mal nach Olympia mit zu dürfen“, erzählt er, „weil das ja das Größte ist“.

Sport bedeutet „Lebendigkeit und Freude“

Der Höhepunkt auf einer Karriere, die sich von Anfang an auf den Sport konzentrierte. Denn für den 55-Jährigen bedeutet das körperliche Auspowern „Lebendigkeit und Freude“. Mit Ausbildungen zum Sportlehrer, -therapeut und im Bereich der Krankengymnastik wollte er das ganze Spektrum abdecken, „um jeden vom Tag nach der Operation bis zurück zum Arbeits- oder Fußballplatz begleiten zu können“. Aus der Begeisterung für den Sport („Ich war immer auf Vollgas.“) wurde die Passion fürs Therapieren. Schnell war klar, dass er eine eigene Praxis mit Schwerpunkt Sporttherapie eröffnen möchte, „um genau das umzusetzen, was mir am meisten Spaß machte“.

Vor rund 24 Jahren kam Schlagi dann über einen befreundeten Therapeuten zum ersten Mal mit der damals neu entstandenen deutschen Kletter-Nationalmannschaft in Berührung – und begleitet sie seither. „Ich habe diese wachsende Mannschaft die ganzen Jahre, jahrzehntelang mit betreut. Das ist schon faszinierend zu sehen, was daraus jetzt geworden ist.“

Auch der Klettersport hat sich seither verändert, die neue olympische Disziplin hat Signalwirkung. „Die Sorge bei den Kletterern ist schon groß, dass es dadurch kommerzialisiert wird und dieses Friedliche und Freundschaftliche auf der Strecke bleiben könnte“, weiß der Therapeut. Unter Kletterern hilft man sich, egal ob Konkurrenten oder nicht. „Das sind einfach so tolle bodenständige Menschen, die auch kein Problem damit haben, einfach mal ein paar Wochen im Zelt zu leben“, sagt der Sinzheimer. Olympionike Alexander Megos lasse sich vor den Wettkämpfen beispielsweise die Haare von seiner Freundin schneiden. Man bilde sich nicht viel aufs Äußere ein. Ruhm und Geld seien in der Welt der Kletterer eher Nebensache, die Gemeinschaft sowie die Freude am Felsklettern und an der Natur stehen im Vordergrund.

„Wahnsinns-Belastung“ für Athleten


Mit Olympia macht sich nun aber auch ein „gewaltiger Druck“ für Megos und den zweiten deutschen Athleten, Jan Hojer, bemerkbar. „Sie müssen auf einen Punkt alles abliefern“, sagt Schlageter, „das ist eine gewaltige Belastung“. Seine Aufgabe wird sein, die beiden mit seiner Behandlung „so gut wie möglich runter zu bekommen. Diesen Punkt zu erwischen, die Athleten so zu betreuen, dass sie ihre optimalen Leistungen abrufen können, unter dieser Wahnsinns-Belastung, das sind Nuancen, die ich hoffe zu treffen.“

Auch der Therapeut wird in Japan vermutlich an seine Grenzen gelangen. Lange Arbeitstage, eine fremde Zeitzone und viele Behandlungen warten auf ihn. Dem Glück, dabei sein zu können, tut das aber keinen Abbruch – vor allem, weil Schlageters Teilnahme noch lange unsicher war. Normalerweise begleitet nur ein Nationaltrainer die Sportler, Physiotherapeuten sind erst ab drei Athleten dabei. Doch „das Team hat sich für mich eingesetzt“, sagt Schlageter. Außerdem kenne er sich mit den speziellen Kletterverletzungen aus und betreut sowohl Megos als auch Hojer schon seit langer Zeit.

Beim Felsklettern gehört Alexander Megos zur Weltelite. Olympia ist seine nächste große Herausforderung. Foto: Privat

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Beim Felsklettern gehört Alexander Megos zur Weltelite. Olympia ist seine nächste große Herausforderung. Foto: Privat

Seit knapp zwei Wochen macht er das nun im fernen Asien. Nach mehreren PCR-Tests sowohl in Deutschland als auch in Japan sowie einer 14-tägigen Quarantäne können er und sein Team am Sonntag endlich ins olympische Dorf einziehen, die Wettkämpfe starten am Dienstag. Bis dahin heißt es wohl ruhig bleiben, abkühlen – in Japan herrschen aktuell Temperaturen über 30 Grad – und Nerven bewahren. Für Schlageter, der selbst seit Jahren klettert, hat der Sport schließlich auch etwas Friedliches. „Sie sind hart, aber auch friedvoll“, beschreibt er die Bewegungen an der Wand.

Gemeinschaft wichtiger als Erfolg

Vielleicht kann er die „innere Zufriedenheit“ auch an seine Athleten weitergeben. Schließlich gehöre sie mittlerweile zu den größten Zielen im Leben des Therapeuten – sowohl im Beruf als auch im Sport. „Ich liebe den Sport weiterhin, bin aber nicht mehr so erpicht darauf, gegen andere zu gewinnen.“ Vielmehr gehe es ihm um alles drum herum, die Gemeinschaft und gerade jetzt um die einmalige Erfahrung in Japan.

„Es gibt Wichtigeres im Leben, aber es ist ein Erlebnis, das ich mitnehmen möchte“, sagt Schlageter kurz vor seinem Abflug. Ob seine Reise von einer Medaille für das deutsche Team gekrönt wird, bleibt abzuwarten. Doch ganz egal wie die Wettkämpfe ausgehen, mindestens ein Traum wurde in Tokio bereits erfüllt.

Zum Thema: Zum ersten Mal Olympic Combined

Das Sportklettern feiert bei den diesjährigen Olympischen Spielen seine Premiere. Gerade mal 20 Männer und 20 Frauen aus der ganzen Welt treten am kommenden Dienstag in drei Disziplinen gegeneinander an. Olympic Combined nennt sich der Wettbewerb der Kletterer und setzt sich aus dem Speed, Bouldern (ohne Seil) und Lead (Vorstiegsklettern) zusammen. Für die Punktevergabe werden die Platzierungen der drei Teildisziplinen miteinander multipliziert – je weniger Punkte, umso besser ist die Platzierung. Die besten acht Athleten treten dann am Freitag im Finale gegeneinander an. Aus Deutschland haben sich die Athleten Jan Hojer und Alexander Megos, einer der besten Felskletterer der Welt, qualifiziert.


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