Sterbehilfe: Diakonie Baden meldet sich

Karlsruhe (kli) – Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe wird heftig darüber diskutiert, wie man das Urteil umsetzen kann. Nun meldet sich die Diakonie Baden im BT-Interview.

Urs Keller, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Baden.     Foto: Diakonie Baden

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Urs Keller, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Baden. Foto: Diakonie Baden

Darf man jemandem zum Tod verhelfen, wenn dieser es unbedingt möchte? Wann und in welcher Form sollte das statthaft sein? Welche Reglen gelten dafür? Seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidbeihilfe aus dem Februar 2020 wird über diese Frage kontrovers diskutiert (siehe Zum Thema). BT-Redakteur Dieter Klink hat den Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Baden, Urs Keller, befragt, wie er zu dem Thema steht. Keller ist Oberkirchenrat in Karlsruhe.

BT: Herr Keller, Bundes-Diakonie-Chef Ulrich Lilie hält es für vorstellbar, dass in den Einrichtungen der Diakonie ein assistierter Suizid möglich wird. Sie auch?

Urs Keller: Ich bin der festen Überzeugung, das ist eine Falschinterpretation der Aussagen von Herrn Lilie, dass er es für vorstellbar hält, dass assistierter Suizid in den Einrichtungen der Diakonie zugelassen wird. Es ist wichtig, dass die Debatte öffentlich geführt wird. Dazu müssen wir miteinander reden und auch mit den Menschen, die Verantwortung in den Einrichtungen tragen. Das tun wir. Dabei wollen wir unsere Sicht als Diakonie einbringen, das hat Herr Lilie versucht.

BT: Als da wäre?

Keller: Uns ist wichtig, die Menschen in unseren Einrichtungen zu begleiten, dass sie bei uns aufgehoben sind in all ihren Lebenslagen, dass ihnen die Zusage gilt: Wir lassen sie nicht allein. Für uns gilt das aus der Haltung der Nächstenliebe heraus.

BT: Dennoch lässt Herr Lilie anklingen, dass sich die Diakonie auf verantwortbare Lösungen zubewegen müsse, die auch die Möglichkeit des assistierten Suizids beinhalten.

Keller: Wir sind alle der Auffassung, dass assistierter Suizid kein Angebot in unseren Einrichtungen sein kann, wie es andere Angebote gibt. Von daher verbieten sich jegliche Verkürzungen. Wir stehen auf der Seite des Lebens. Wir werden in unseren Einrichtungen alles tun, damit die Menschen auch gut mit ihrem Leid zurechtkommen. Wir fordern schon seit Langem eine flächendeckende durchfinanzierte Palliativversorgung, dass die Rahmenbedingungen sich verbessern.

BT: Wenn Sie sagen, der Vorstoß von Ulrich Lilie sei falsch verstanden worden: Er hat sich aber explizit auch als evangelischer Theologe in der Sache geäußert. Was bezweckt er damit?

Keller: Er argumentiert sehr differenziert, aber es ist eben eine komplizierte Problematik. Wenn man nur einzelne Begriffe wie „Angebot“ herausnimmt, greift das zu kurz. Das Ganze geht ja tiefer. Das große Anliegen von uns ist, dass das Thema assistierter Suizid öffentlich diskutiert wird. Der Gesetzgeber ist aufgerufen, Schutzkonzepte zu erarbeiten. Wir treten dafür ein, dass es flächendeckende Schutzkonzepte gibt, dazu gehört Palliativversorgung. Auch eine Ethikberatung muss für den Einzelnen als Standard stattfinden, und zwar interdisziplinär. Das bringen wir mit ein. Geschäftsmäßige Suizidbeihilfe lehnen wir grundsätzlich ab.

BT: Wie sehen Sie persönlich das Urteil aus Karlsruhe?

Keller: Das Urteil argumentiert mit der Selbstbestimmung, das kann ich gut nachvollziehen. Selbstbestimmung ist ein sehr hohes Gut, auch in unserer Verfassung und Kultur. Aber die Selbstbestimmung ist nie solitär, sondern sie steht immer in Beziehung. Ich muss immer auch die anderen im Blick haben, die Verwandten, die Ärzte und das Pflegepersonal. Es ist nicht so, dass sich alle und alles meiner Selbstbestimmung unterzuordnen haben.

BT: Wie oft kommt es in Ihren Einrichtungen vor, dass Menschen sagen: Helft mir bitte beim Suizid?

Keller: Darüber haben wir keine Erhebung. Ich weiß allerdings auch aus meiner Erfahrung, als ich für eine Pflegeeinrichtung verantwortlich war und für ein Krankenhaus, dass es Situationen gibt, in denen Menschen ihr Leid nicht mehr aushalten können. Es ist aber in der Regel so, wenn ihnen geholfen wird – palliativ und durch Zuwendung – , ist der Wunsch zu sterben nur ein vorübergehender.

BT: Haben Sie Sorge, dass der Druck auf ältere Kranke zunimmt? Dass der „Wunsch“ zu sterben nicht selbstbestimmt, sondern fremdbestimmt ist?

Keller: Die Debatte ist immer in den gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Wir neigen dazu, unseren Selbstwert immer mit der Leistungsfähigkeit zu sehen, daraus entstehen Probleme. Es ist wichtig zu betonen, dass das Leben an sich einen Wert hat und nicht von der Leistungsfähigkeit abhängt. Im Einzelfall kann es sein, dass Menschen das Gefühl haben, zu nichts mehr zunutze zu sein. Es ist traurig, wenn die Frage entsteht, wieso man noch da sein soll. Da müssen wir sagen: Doch, es ist wichtig, dass Du da bist. Sterbehilfe ist da keine Lösung.

BT: Caritas-Präsident Peter Neher sagte, in katholischen Einrichtungen kann es ein Angebot zum assistierten Suizid nicht geben. Gehen Sie so weit auch für die Diakonie in Baden?

Keller: Ich gehe so weit zu sagen, ein Angebot wie andere kann es nicht sein. Ich glaube auch, dass es in der Diakonie niemanden gibt, der das als ein Angebot wie die anderen sieht.

BT: Sondern?

Keller: Es gibt Grenzfragen menschlicher Existenz. Die manchmal nicht vorhersehbar und nicht zu beheben sind. Dann ist es wichtig, dass man die Menschen begleitet. Ethikberatung und Zuwendung gehören dazu. Dann wird man Wege finden, wie man mit der Situation umgeht, als letzte Option auch Hilfe beim Sterben, was aber keinesfalls mit dem assistierten Suizid gleichzusetzen ist. Eine solche als Angebot oder regelhaft ist für uns nicht vorstellbar.

BT: Was lehrt uns der Blick in die Schweiz und in die Niederlande, wo assistierter Suizid erlaubt ist?

Keller: Ich bin der Meinung, dass das für uns kein Weg sein sollte. Das gesellschaftliche Leben verändert sich durch solche Angebote geschäftsmäßiger Natur. Wir sehen doch in der Schweiz und in den Niederlanden: Wenn man solche Wege beschreitet, kommt eine Erweiterung nach der anderen.

BT: Manche sagen auch, die Gesellschaft verändere sich auch so schon. Viele seien nicht mehr bereit, den letzten Abschnitt zu gehen oder zu erleben, wie die Kräfte schwinden. Ist das auch ihre Beobachtung?

Keller: Ich glaube, das wird überbewertet. Auch durch die Diskurse darüber, die Menschen seien nicht mehr bereit, Leid auf sich zu nehmen. Wir erleben das anders. Unsere Erfahrung ist: Wenn Menschen begleitet werden, hängen sie am Leben. Und dann kann auch gutes Sterben gelingen.

BT: Vereine wie die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben und die Dignitas bauen seit dem Karlsruher Urteil ihre Aktivitäten in Deutschland aus. Wie finden Sie das?

Keller: Das Feld sollte man nicht ausbauen wie andere Geschäftsfelder. Ich halte das für sehr problematisch, aber eben auch eine Folge des Karlsruher Urteils. Für mich hat es aber nichts mit Würde zu tun, meinem Leben mithilfe so eines Vereins ein Ende zu setzen.

BT: Würden Sie für sich selbst einen assistierten Suizid ausschließen?


Keller: Ja. Aber das Leben ist so, dass ich nicht zu jedem Zeitpunkt sagen kann, immer alles ausschließen zu können. Ich wünsche mir aber, wenn ich in eine solche Situation komme, dass Menschen da sind, die mich so auffangen, dass ich diesen Wunsch zu sterben nicht mehr habe.

Ihr Autor

BT-Redakteur Dieter Klink

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Erstellt:
16. Februar 2021, 22:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 29sec

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