Sterben die Blonden aus?

Karlsruhe (BNN) – Unsere natürliche Haarfarbe wird grundsätzlich durch die Gene bestimmt. Die Farbe Blond basiert auf einem Defekt, erklärt Genetiker Jörg Kämper, der am KIT forscht und lehrt.

Ganz schön bunt: Menschen mit dunklen Pigmenten leben meist in südlichen Regionen der Welt, hellere und blonde Zeitgenossen im Norden. Foto: rawpixel.com/Teddy Rawpixel/stock-adobe.com

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Ganz schön bunt: Menschen mit dunklen Pigmenten leben meist in südlichen Regionen der Welt, hellere und blonde Zeitgenossen im Norden. Foto: rawpixel.com/Teddy Rawpixel/stock-adobe.com

Blond und blond gibt wieder blond? Nicht unbedingt. Aber das Kind wird dunkelhaarig, wenn Vater und Mutter braune Haare haben? Möglich – aber auch nicht gewiss. Und bleiben helle Haare eines Kindes hell, wenn es älter wird? Vielleicht. Vorhersehbar bei der Farbe unserer Haare ist eigentlich nur, dass sie sich mit zunehmendem Alter Richtung grau oder weiß verändert. Ansonsten sind Prognosen prinzipiell nur auf der Basis von Gentests möglich.

Denn klar ist: Unsere Haarfarbe hängt mit unseren Genen zusammen. Und die verschiedenen Farben sind durch genetische Veränderungen entstanden, denn Homo sapiens war ursprünglich dunkelhaarig und dunkelhäutig. „Es musste also etwas unterbrochen werden und etwas nicht mehr gebildet werden“, erklärt Genetiker Jörg Kämper, der am Karlsruher Institut für Technologie lehrt und forscht. Gen-Defekte im Laufe der Evolution sind also die Ursache für die Abweichungen.

Farbe hat immer etwas mit der Einlagerung von Pigmenten zu tun, erklärt der Professor, und bei den Haaren ist es die Einlagerung von Eumelanin und Phäomelanin. Mehrere Gene sind an der Produktion beteiligt, so etwa das Gen MC1R (Melanocortin 1 Rezeptor), das am besten erforscht sei. „Fällt es aus, wird kein dunkles Pigment gebildet“, erklärt der Experte.

Viele blonde Kinder dunkeln nach

Dann entsteht aus dem Ausgangsstoff Tyrosin mehr Phäomelanin, was zu einer rötlichen Haarfarbe führt. Haben beide MCR1-Gene eines Menschen diesen Funktionsverlust, wird das Haar feuerrot. Blonde Haare hingegen entstehen durch eine Veränderung in anderen Genen, die dann die Menge an produziertem Eumelanin deutlich reduzieren, ohne dass vermehrt Phäomelanin entsteht. Einmal angelegt, muss die Haarfarbe aber nicht so bleiben. So haben vor allem Kinder europäischer Abstammung oft helle Haare und dunkeln nach. Ein Phänomen, das auch im Tierreich verbreitet ist, erklärt Kämper. Dass Vogelbabys weißflauschig sind und Affenbabys eine hellere Hautfarbe haben, signalisiere ihre Schutzbedürftigkeit. Bei den Affen auch, dass sie sich innerhalb ihrer Gruppe mehr rausnehmen dürfen als ältere Mitglieder, die dieses Merkmal verloren haben. Ähnlich verhalte es sich bei den Menschen.

„Die Kinder haben zwar die Proteine, die die Farben machen, sie sind aber noch nicht angeschaltet“, erklärt der Genetiker. Im Laufe ihrer Entwicklung und insbesondere durch die hormonellen Veränderungen in der Pubertät werden dann die Enzyme aktiviert, die für die Produktion des dunklen Melanins erforderlich sind. „Und das überdeckt dann eben die blonde Färbung.“.

Grundsätzlich gibt es auch bei den Genen, die die Haarfarbe bestimmen, solche, die anderen übergeordnet sind, erläutert der Wissenschaftler. So ist das Gen, das für die Einlagerung der Farbe ins Haar zuständig ist, dem überlegen, das die Farbe herstellt. Klar: Wird nichts eingelagert, ist es egal, welche Pigmente produziert werden – das Haar bleibt hell.

Vererbt werden Haarfarben dominant-rezessiv. Bekommt ein Kind von einem Elternteil das blonde und vom anderen das dunkle Gen, wird es dunkelhaarig – das dunkle Gen ist dominant. Blond wird das Kind nur, wenn es von beiden Elternteilen das blonde – rezessive – Gen erhält. Das kann aber in den Erbanlagen der Eltern vorhanden sein, auch wenn sie dunkelhaarig sind, sagt Kämper. „Ich habe von jedem Gen zwei Kopien, nämlich je einen Chromosomensatz von der Mutter und vom Vater.“ Wobei aber ein Gen für die volle Funktion ausreiche.

Viele Menschen seien bei der Haarfarbe „heterozygot“, haben also sowohl das dunkle als auch das blonde Gen in ihren Anlagen. Und wenn beide Elternteile das blonde und das dunkelhaarige Gen in sich tragen, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass beide das blonde Gen an ihren Nachwuchs weitergeben, bei 1:4 – die Chance auf blonden Nachwuchs liegt damit bei 25 Prozent, rechnet Kämper vor.

Aber trotz der rezessiven Vererbung und der damit verbundenen geringen Wahrscheinlichkeit, als Blondschopf durchs Leben zu gehen: Aussterben werden die Blonden nicht, obwohl dieses Szenario immer wieder heraufbeschworen wird. Schließlich sei die Erbanlage weiter vorhanden, auch wenn sie oft verdeckt sei.

„Blond entspricht dem Schönheitsideal“

„Aussterben würden die Blonden nur, wenn sie einen gravierenden Selektionsnachteil hätten“, sagt Kämper. Dass sei nur in Gegenden mit großer Sonnenintensität der Fall: Mit dunklen Pigmenten in Haaren und Haut ist man deutlich besser vor der Sonne geschützt. Daher haben sich Gen-Mutationen, die zu hellen Haaren und heller Haut führen, eben nicht in Äquator-Nähe durchgesetzt, sondern im Norden.

Dort sind blasse Menschen sogar im Vorteil: Die Produktion des wichtigen Vitamins D3 hängt von der UV-Strahlung auf die Haut ab. Während Hellhäutigen die trübe europäische Wintersonne dafür weitgehend ausreicht, haben Menschen mit viel Pigment, so der Biologe, dort oft einen eklatanten Mangel. Die Folgen können Störungen im Knochen- und Muskelaufbau sein. Und noch etwas spreche gegen das Aussterben der Blonden: „Blond entspricht schließlich unserem Schönheitsideal“, sagt er schmunzelnd. „Damit ist es im Zuge der Partnerwahl wieder ein Vorteil, blond zu sein.“

In eine ähnliche Richtung ging Anfang des Jahrtausends die These des Kanadischen Forschers Peter Frost: Ende der letzten Eiszeit, als das jagdbare Großwild knapp war und das Überleben der Menschen immer schwieriger wurde, hätten sich die verbliebenen Männer die Frauen ausgesucht, die aus der Menge herausstachen – die blonden mit dem Gen-Fehler, der sich damit schnell ausbreitete. Heute wissen Populationsgenetiker, dass die diversen Mutationen sehr viel länger zurückliegen – und eher nichts dran ist an der These von der sexuellen Selektion am Ende der Eiszeit, die die Blondinen in Position gebracht haben soll.

Zur Person

Professor Jörg Kämper leitet die Abteilung Genetik am Institut für Angewandte Biowissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie. Sein Spezialgebiet ist die molekulare Phytopathologie; die Wechselwirkung von Pflanzen und Schadorganismen.

Ihr Autor

BNN-Mitarbeiterin Susanne Jock

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Erstellt:
3. April 2022, 12:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 53sec

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