Stiko-Empfehlung als logistische Herausforderung

Rastatt/Baden-Baden (for) – Die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) zur Kombiimpfung zwingt Arztpraxen und Impfzentren in Mittelbaden zum Umplanen.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Kreuzimpfung aus Astrazeneca als Erst- und Biontech oder Moderna als Zweitimpfung. Foto: Peter Kneffel/dpa

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Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Kreuzimpfung aus Astrazeneca als Erst- und Biontech oder Moderna als Zweitimpfung. Foto: Peter Kneffel/dpa

Mit einer sogenannten Kombiimpfung wollen Bund und Länder der ansteckenderen Delta-Variante nun den Kampf ansagen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt eine Kreuzimpfung in Form einer Erstimpfung mit Astrazeneca in Kombination mit einem mRNA-Impfstoff, also Biontech oder Moderna. Für die Arztpraxen und Impfzentren ist die geänderte Empfehlung aber mit einem enormen logistischen Aufwand verbunden.

Enormer Planungsaufwand

In der Praxis von Dr. Jürgen Schönit, Vorsitzender der Ärzteschaft Rastatt, hätten am Montag eigentlich zehn Zweitimpfungen mit Astrazeneca stattfinden sollen. Aufgrund der neuen Stiko-Empfehlung habe er aber innerhalb kurzer Zeit umplanen müssen. „Wir könnten auch einfach weiterhin Astrazeneca für die Zweitimpfungen verwenden, schließlich ist die Empfehlung ja kein Muss. Aber natürlich macht es Sinn, sich an die Empfehlung der Stiko zu halten“, so Schönit gegenüber dem BT. Gleichzeitig sei damit aber ein enormer Planungsaufwand verbunden. Alleine am Montagmorgen sei eine seiner Mitarbeiterinnen rund eine Stunde damit beschäftigt gewesen, alle zehn Patienten anzurufen, die an diesem Tag für die Zweitimpfung eingeplant waren. Manche Termine hätten verschoben werden müssen. „Momentan kommen wir mit dem Biontech-Vorrat zwar noch gut hin, allerdings weiß ich noch nicht, wie das in den kommenden Wochen aussehen wird“, sagt Schönit. Der Rastatter Arzt befürchtet zudem, dass er nun die Astrazeneca-Dosen nicht mehr alle verwerten kann. „Ich weiß nicht, ob ich die Dosen, die ich jetzt noch im Kühlschrank habe, noch rechtzeitig losbekomme“, sagt er.

Zwar könnten die Patienten auf freiwillige Basis auch weiterhin Astrazeneca als Zweitimpfung auswählen, dazu habe sich in seiner Praxis bisher aber keiner entschieden, meint Schönit. Und selbst wenn einige Patienten künftig doch Astrazeneca als Zweitimpfung wollen, sei das schwierig. „Ich bekomme aus einer Astrazeneca-Ampulle etwa zehn Dosen. Wollen nun zwei Patienten weiterhin Astrazeneca als Zweitvakzin, bleiben trotzdem acht Dosen liegen“, rechnet Schönit vor. Dann müsse er schauen, wie er die übrigen Dosen losbekomme, bevor diese entsorgt werden müssen.

Verkürzter Mindestabstand

In zwei bis drei Wochen hatte Schönit eigentlich einen Großimpftag für Zweitimpfungen mit Astrazeneca eingeplant. „Das müssen wir jetzt alles umstrukturieren und rund 40 Leute telefonisch erreichen, um sie über das weitere Vorgehen zu informieren“, sagt er. Neben dem normalen Praxisalltag sei das ein zusätzlicher Aufwand, der sehr viel Zeit in Anspruch nehme.

Hinzukomme eine weitere Problematik: Der Mindestabstand zwischen der Erstimpfung mit Astrazeneca und der Zweitimpfung mit einem mRNA-Vakzin verkürzt sich. Bei zweimal Astrazeneca betrug er bislang neun bis zwölf Wochen, bei der Zweitimpfung mit Biontech und Moderna wird ein Mindestabstand von nur vier Wochen empfohlen. „In der Theorie klingt das logisch, in der praktischen Umsetzung ist das aber sehr schwierig“, so Schönit. Es sei kaum möglich, die bereits geplanten Zweitimpfungstermine einfach alle vorzuziehen.

Auch für das Kreisimpfzentrum (KIZ) in Baden-Baden stellt der verkürzte Mindestabstand eine Herausforderung dar. Aufgrund der begrenzt vorhandenen mRNA-Impfstoffe sei ein Vorziehen von Zweitimpfterminen bislang noch nicht möglich, teilt Jürgen Jung, Leiter des Impfzentrums, mit. „Sobald ausreichend mRNA-Impfstoff zur Verfügung gestellt wird, geht das Impfzentrum auf Personen, die vorgezogen geimpft werden können, direkt zu“, kündigt er an.

„Vorlaufzeit wäre sinnvoll“

Im Kreisimpfzentrum Bühl ist die Situation ähnlich. Auch dort werde es vorerst rein mengenmäßig wenig Spielraum für ein zeitliches Vorziehen von Zweitimpfungen geben, wie Michael Janke, Pressesprecher beim Landratsamt Rastatt, mitteilt. Künftig solle dies aber möglich sein. „Wir arbeiten derzeit an verschiedenen Konzepten, um flexiblere Terminangebote anbieten zu können“, so Janke weiter.

Schönit sieht es generell immer als positiv an, wenn neue Erkenntnisse, die im Kampf gegen die Pandemie von Vorteil sein könnten, auch schnellstmöglich umgesetzt werden. „Aber eine gewisse Vorlaufzeit für Ärzte und Impfzentren wäre dennoch sinnvoll“, sagt er. Andererseits hätten er und seine Kollegen sich im Laufe der Pandemie daran gewöhnt, relativ schnell zu reagieren und umzuplanen – auch wenn dies oft „eine absolute Herausforderung“ sei, die viel Zeit und Energie koste, aber nicht entsprechend honoriert werde.


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