Stille bis stürmische Nacht auf hoher See

Forbach (mhr) – Der Bermersbacher Daniel Wunsch verbringt die Weihnachtstage auf einem Versorgungsschiff der EnBW.

Das Versorgungsschiff inmitten des Offshore-Windparks Hohe See. Foto: EnBW

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Das Versorgungsschiff inmitten des Offshore-Windparks Hohe See. Foto: EnBW

Nordschwarzwald und Nordsee. Ein Bergdorf und ein Versorgungsschiff. Ruhig und idyllisch das eine, von Windrädern flankiert und je nach Wetterkapriolen von meterhohen Wellen umgeben das andere. Gegensätzlicher könnten (Lebens-)Welten nicht sein. Doch Daniel Wunsch hat sich längst an diese Gegensätze gewöhnt. Und damit auch an eine stille bis stürmische Nacht auf hoher See. Zum zweiten Mal verbringt der 21-jährige Bermersbacher die Weihnachtstage auf einem Versorgungsschiff der EnBW und im Dienste zweier Offshore-Windparks in der Nordsee.

Alles Elektrische und Technische habe ihn früh interessiert, da hat die Ausbildung zum Industriemechaniker am EnBW-Standort Rudolf-Fettweis-Werk in Forbach bestens gepasst. Nach dem Abschluss 2018 zeigte ihm sein Ausbilder Karl-Heinz Wacker weitere berufliche Perspektiven auf. „Und ich wollte was Neues erleben, neue, auch ungewöhnliche Herausforderungen annehmen“, begründet Daniel Wunsch seine Entscheidung für einen Arbeitsplatz auf See.

EnBW Baltic 1, der erste deutsche kommerzielle Offshore-Windpark in der Ostsee, war seine erste Station: Arbeiten im Fünf-Tages-Rhythmus, morgens rausfahren zum Schiff, abends zurück nach Stralsund, wo eine kleine Wohnung auf ihn wartete. Das sei alles okay gewesen – bis aufs Heimweh. „Ich habe die Heimat vermisst, die Berge, den Schwarzwald.“

Daheim in Bermersbach: Daniel Wunsch vor seinem zweiten Offshore-Einsatz über Weihnachten auf See. Foto: Margrit-Haller-Reif

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Daheim in Bermersbach: Daniel Wunsch vor seinem zweiten Offshore-Einsatz über Weihnachten auf See. Foto: Margrit-Haller-Reif

Deshalb hat er sich für einen Zwei-Wochen-Rhythmus entschieden, wie er bei den Offshore-Windparks EnBW Hohe See und Albatros gegeben ist. Mit der Verlegung seines Arbeitsplatzes hat der junge Offshore-Techniker zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Zwei Wochen verbringt er auf der Nordsee, zwei Wochen daheim, auch um Freundschaften zu pflegen, etwa mit einem engen Kumpel seit Schultagen. Seither pendelt Daniel Wunsch zwischen Bermersbach und dem EnBW-Standort Emden. Von dort startet die Crew zu den zwei Windparks rund 100 Kilometer vor der Küste.

Daniel Wunsch arbeitet und wohnt an Bord eines Spezialschiffs. Knapp 90 Meter lang, eine Art schwimmende Werkstatt, Ersatzteillager, Büro und Hotel in einem. Für Service-Einsätze auf hoher See optimal ausgestattet mit allem, was für die Wartung, Instandhaltung und Reparatur der Windkraftanlagen notwendig ist. Das Schiff kann bis zu 60 Personen aufnehmen. Eine 20-köpfige Crew ist für den Schiffsbetrieb zuständig, 40 Technikern und Fachleuten obliegen Instandhaltung und Wartung der beiden Windparks.

Alkohol ist strengstens verboten

„Wir können bis zu 30 Tage auf See verbringen, da steckt eine gewaltige Logistik dahinter“, ist Wunsch beeindruckt.

Auch vom Freizeitangebot an Bord: Neben einem zweistöckigen Fitnessraum stehen der Besatzung ein kleines Kino und ein Aufenthaltsraum mit Tischtennis, Dartspiel und Tischkicker zur Verfügung. „Aber nach zwölf Stunden Arbeit freue ich mich, ehrlich gesagt, manchmal auch einfach nur auf Ruhe“, sagt er mit einem leicht verlegenen Grinsen.

Wie geht er mit den wechselhaften Wetterbedingungen um? Etwa im Winter, wenn das Schiff von bis zu zehn, zwölf Meter hohen Wellen umtost wird? Seekrank werde er höchst selten, sagt er achselzuckend. „Da hab‘ ich zum Glück keine Probleme, das musst du aushalten können, sonst musst du es lassen.“ Und eine Faustregel gilt immer: Wenn der Teller vom Tisch rutscht oder gar fällt, „dann fahren wir aus Sicherheitsgründen zwischen die Inseln bei Borkum, in einen wellengeschützten Bereich“. Bei seinem zweiten Offshore-Einsatz über Weihnachten auf See ist Daniel der jüngste in der Crew, einem guten Team, wie er betont. Auf so engem Raum müsse man gut miteinander klarkommen. Die Weihnachtsfeier findet in der eigens dekorierten Mensa statt, mit Weihnachtsbaum und allem, was an Weihnachten dazugehört. Auf das tolle Buffet freut er sich schon. Alkohol ist allerdings strengstens verboten: „Wir müssen einsatzfähig sein.“ Natürlich sei Weihnachten offshore anders und natürlich denke man zwischendurch an Familie und Freunde.

„Aber mein Job da draußen ist auch wichtig, gerade an Weihnachten.“ Zumal die Internetverbindung in der Regel gut ist und man damit die rund 900 Kilometer Luftlinie vom Schiff nach Forbach ähnlich gut überbrücken kann.

Zum Thema: Offshore-Windparks

Mit gleich zwei Offshore-Windparks ist die Energie Baden-Württemberg (EnBW) in der Nordsee aktiv. Seit Oktober 2019 und Januar 2020 sind die Windparks EnBW Hohe See und Albatros und damit ein 639,45-Megawatt starkes Projekt mit insgesamt 87 Windrädern am Netz. Die mittlere Windgeschwindigkeit beträgt circa 10,1 Meter/Sekunde, die CO2-Einsparung des Gesamtprojekts beläuft sich auf rund 1,9 Millionen Tonnen/Jahr. Hohe See liegt rund 95 Kilometer nördlich von Borkum und rund 100 Kilometer nordwestlich von Helgoland. Jeweils 105 Kilometer von beiden Küsten entfernt liegt Albatros. Auf rund 42 beziehungsweise elf Quadratkilometern produzieren beide Windparks seit Januar 2020 mit 2,5 Milliarden Kilowattstunden grünen Strom für rechnerisch rund 710.000 Haushalte, vergleichbar einer Stadt in der Größenordnung von München.

Ihr Autor

Margrit Haller-Reif

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Erstellt:
24. Dezember 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

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