Störgeräusche vom historischen Mischpult

Donaueschingen (rud) – Ein echtes Hörabenteuer wird derzeit in Donaueschingen geboten, die Donaueschinger Musiktage feiern Jubiläum. Zu hören gibt es neue Musik aus Afrika, Lateinamerika und Asien.

Das Quatuor Diotima aus Paris eröffnet den Festakt. Foto: Ralf Brunner

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Das Quatuor Diotima aus Paris eröffnet den Festakt. Foto: Ralf Brunner

Die Verrückten sind wieder da. Sie kommen aus den Metropolen in das Schwarzwaldstädtchen, um sich in einer Turnhalle auf engen Klappstühlen geduldig und aufmerksam seltsame Klänge und Geräusche anzuhören und wie in diesem Jahr 27 Uraufführungen in vier Tagen zu erleben. Sie haben Lust auf Hörabenteuer und finden gerade das Ungewohnte aufregend. Die Donaueschinger Musiktage feiern bei strahlendem Sonnenschein ihren 100. Geburtstag. Und die „Verrückten“, wie die Künstler und Besucher laut Moderator Markus Brock von einigen Donaueschingern genannt werden, haben sich wie bei einem großen Klassentreffen in den Donauhallen zum Festakt eingefunden. Der Glamourfaktor tendiert gegen Null. Im eiskalten Partyzelt vor dem Gebäude gibt es nach Personalausweiskontrolle nur Butterbrezel und etwas Kuchen. Aber die Donaueschinger Musiktage waren schon immer etwas anders als andere Festivals.

Faszination des konzentrierten Zuhörens

Der Festakt beginnt mit dem ersten Satz aus Pauls Hindemiths 3. Streichquartett Nr. 3 op.16, mit dem die allerersten „Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ vor hundert Jahren zum Leben erweckt wurden. Das Quatuor Diotima aus Paris lässt die Energie des Satzes frei. Die aufsteigenden Figuren werden wie Raketen abgeschossen, die Schweller gleichen Vitaminspritzen. In ihrer geflüsterten Laudatio berichtet die Schriftstellerin und Performerin Mara Genschel aus der Groupie-Perspektive von der Faszination des konzentrierten, ungeduschten Zuhörens.

Donaueschingen „trainiert den demokratischen Muskel“. Der Blick geht beim Festakt nicht nur in die ruhmreiche Vergangenheit, sondern man zeigt auch auf, welche Themen künftig noch stärker eine Rolle spielen sollen. Bereits der 2014 verstorbene künstlerische Leiter Armin Köhler hat mit den Klanginstallationen die Stadt geöffnet. Dieses Jahr holt Nachfolger Björn Gottstein für seine letzte Festivalausgabe mit dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekt „Donaueschingen global“ neue Musik aus Afrika, Lateinamerika und Asien ins Programm. Die Erhöhung der Förderung durch die Bundeskulturstiftung ist an eine weitere Verstärkung von kultureller Teilhabe und Diversität geknüpft. Und von der neuen künstlerischen Leiterin Lydia Rilling erhofft sich der SWR ab nächstem Jahr, mit dem Festival neue Zielgruppen zu erreichen.

Komponistinnen setzen Akzente

Und was passierte musikalisch am ersten Tag? Hier setzten vor allem Komponistinnen Akzente. Chaya Czernowins fast einstündiges Werk „Unhistoric Acts“ für Streichquartett und 24-stimmiges Vokalensemble zerfällt etwas in seine fragmentierten Einzelteile, aber schafft am Ende doch noch eine emotionale Verdichtung, wenn aus dem Zischen des Chors allmählich Textfragmente entstehen und die Erinnerung an den durch Polizeigewalt getöteten George Floyd lebendig wird. Das Jack Quartett spielt die spektakulären Glissandi mit traumwandlerischer Sicherheit, das SWR Vokalensemble ist unter der präzisen Leitung von Yuval Weinberg mehr Geräuschkulisse als Klangkörper. Schön verrückt wird es im Abendkonzert in der Baar Sporthalle mit Annesley Blacks Konzert für Lupofon und No-Input-Mixer mit dem Titel „Abgefackelte Wackelkontakte“. Aus Störgeräuschen, die durch bewusste Rückkopplungen entstehen, macht Mark Lorenz Kysela an seinem historischen Mischpult virtuose Figuren, die in Kontakt treten mit den Geräuschen und Klängen von Peter Veale am oboenähnlichen Lupofon. Auch das SWR Symphonieorchester spiegelt unter der souveränen Leitung von Brad Lubman diese mal an Tierstimmen, dann an Spielautomaten oder Gewehrfeuer erinnernden Figuren, wenn es nicht Pause hat und den Solokadenzen dieses speziellen Doppelkonzertes lauscht. Maja S.K. Ratkjes „Considerung Icarus“ für Posaune (großartig: Stephen Menotti) und kleines Orchester ist ein klangsinnlicher Höhenflug mit wunderbaren Farbwechseln, sensiblen Übergängen, einem traditionellen Schönklang und immer wieder tonalen Passagen, die die herrlich singende Posaune auch mal ganz weich betten können. Mit Beat Furrers „Tableaux
I-III“ wird es wieder spröder. Die Wärme der Streicher weicht hier einem kalten Flirren. Die Klangflächen reiben.


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