Stolpersteine für Baden-Baden in digitaler Form

Baden-Baden (fvo) – SPD-Stadtrat Kurt Hochstuhl arbeitet zusammen mit Heike Kronenwett vom städtischen Fachbereich Archiv und Museen an einem digitalen „Opferbuch“ für die Kurstadt.

Hinter jedem Namen ein Schicksal: Das Gräberfeld beim ehemaligen Internierungslager in Gurs. Foto: Alois Huck

© ALOIS HUCK

Hinter jedem Namen ein Schicksal: Das Gräberfeld beim ehemaligen Internierungslager in Gurs. Foto: Alois Huck

Das Grauen hatte viele Gesichter – und die Details sind immer noch erschütternd: Da wäre jener jüdische Kinderarzt Franz Lust aus der Meisenkopfstraße 1, der seiner Frau nicht mehr zur Last fallen wollte und „in großer Niedergeschlagenheit“ den Freitod wählte. „Meine Kraft erlahmt. Ich sehe täglich mehr, wie wenig ich all dem gewachsen wäre, was uns draussen bevorstände“, schreibt er seiner Frau. Worte, die von Dietrich Bonhoeffer stammen könnten und die umso tragischer waren, als zwei Tage später seine Ausreiselizenz eintrudelte. Andere haben ihr Leben erst im KZ verloren, wieder andere sind mit dem Verlust ihrer Habseligkeiten oder der Heimat, wenn auch seelisch deformiert, „davongekommen“.
Was sie alle vereint: Sie kommen aus Baden-Baden oder wohnten hier und sind Verfolgte und Opfer des Nazi-Regimes. Und da es nicht gerade wenige sind, ist es mehr als angebracht, dieser Schicksale in einem Gedenkbuch zu erinnern. „Wir wollten aber bewusst kein Buch, das immer ja was Abgeschlossenes bedeutet, sondern eine lebende, für neue Quellen offene Internetplattform“, sagt Initiator und SPD-Stadtrat Kurt Hochstuhl, der zusammen mit Heike Kronenwett vom städtischen Fachbereich Archiv und Museen aktuell ein digitales „Opferbuch“ für Baden-Baden erstellt: Eine Datenbank in Analogie zu Opferbüchern, wie sie es in vielen Städten gibt.

Das erklärte Ziel ist ähnlich wie bei den Stolpersteinen: Den Entrechteten mit der Nennung ihres Namens und ihren Biogrammen ihr Gesicht und ihre Würde zurückgeben, soweit man der Infos eben habhaft werden kann.

Markantes Datum bei diesen „digitalen Stolpersteinen“ ist der 22. Oktober 1940. „Insgesamt 122 Menschen wurden an diesem Tag aus Baden-Baden nach Gurs deportiert“, berichtet Hochstuhl. Sie erhielten den Befehl, alles stehen und liegen zu lassen und sich beim Sammelpunkt am Alten Bahnhof (heutiges Festspielhaus) einzufinden: Von da ging es in Eisenbahnzügen ins Internierungslager Gurs in den Pyrenäen, bevor die Reise Monate später via Sammellager Drancy (bei Paris) nach Auschwitz oder Birkenau führte.

Doch das Leiden beginnt schon jenseits der Deportation. Insgesamt sind rund 850 Fälle in der Kurstadt bekannt, die man unter dem Begriff „Nazi-Opfer“ subsumieren kann. Allerdings geht Hochstuhl von einer hohen Dunkelziffer aus, auch weil viele Betroffene vorher umgezogen sind. „Viele konnten 1938/39 auswandern“, berichtet der 66-jährige Historiker. Viele befanden sich aber auch in Schockstarre wegen der bitteren Gewissheit, dass es in einem kulturell so reichen Land wie Deutschland keine Rettung mehr für sie gab.

Informationsdichte sehr inhomogen

Bei den Deportierten wurde in der Regel Wohnung und Eigentum konfisziert und – wie es zynisch hieß – „der weiteren Verwertung zugeführt“, sprich versteigert. Minderwertige Hausratsgegenstände wurden laut Hochstuhl in der Stadthalle veräußert. Höherwertiges – darunter manch Steinway-Flügel, Liebermann-Gemälde oder hochwertige Briefmarkensammlung – fand im Hotel Central in der Stephanienstraße neue Besitzer. Von daher sei nicht auszuschließen, dass so manch späteres angebliches „Familienerbstück“ aus ganz anderer Quelle stammt. Und auch bei den Wohnungen oder Häusern gab es mitunter fliegenden Wechsel: Die „Nachfolger“ standen nicht selten quasi schon im Hausflur.

Wobei sich das Opfersein nicht nur auf Juden konzentrierte. Die Bandbreite reichte von Zeugen Jehovas bis hin zu renitenten Pfarrern. Beispielhaft hierfür etwa Ernst Behrendt. Der Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche und Vater von Musikjournalist Joachim-Ernst Behrendt starb 1942 an Erschöpfung im KZ Dachau. Aber auch politische Widerständler waren im Visier der NS-Schergen. So durfte etwa Otto Büchler, Direktor des Pädagogiums, leidvoll erfahren, dass allein schon der öffentliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Krieges einen schnell vor die Schranken der Justiz bringen konnte.

Allerdings ist nicht nur die soziale Herkunft, sondern auch die Informationsdichte sehr inhomogen. So gibt es von manchen lediglich vereinzelte Stichpunkte, andere Viten sind indes ausführlich dokumentiert. Als Quelle dient neben dem Stadtarchiv Baden-Baden mit seiner verdienstvollen NS-Dokumentation in erster Linie die im Staatsarchiv Freiburg verwahrte Überlieferung des Landesamts für Wiedergutmachung, ergänzt durch die des Sondergerichts Mannheim im Generallandesarchiv in Karlsruhe – letztere vor allem für den politischen Widerstand.

Stadtrat und Historiker: Kurt Hochstuhl.  Foto: privat

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Stadtrat und Historiker: Kurt Hochstuhl. Foto: privat

Besonders eindringlich dabei die sogenannten „Ego-Dokumente“, private Briefe, selbstverfasste Lebensläufe oder Denunzierungen durch Nachbarn, die sich in der Überlieferung der Polizeidirektion Baden-Baden, heute verwahrt im Stadtarchiv, erhalten haben. Diese letzten und oftmals einzigen Zeugnisse der Opfer sind laut Hochstuhl besonders geeignet, Empathie zu vermitteln und einen Willen des „Nie Wieder“ zu erzeugen.

„Jäger und Sammler von Quellen“

Bemerkenswert ist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Deportation nach Gurs quasi der Prototyp, sprich die Blaupause für alle späteren Operationen dieser Art waren: eine traurige Pionierleistung. SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann hatte sich persönlich bereits am zweiten Tag ein Bild gemachtund vonder Reibungslosigkeit der Durchführung vor Ort überzeugt, so Hochstuhl.

Sonderlich vergnügungssteuerpflichtig ist das Thema jedenfalls nicht. Für Hochstuhl eher eine Art berufsbedingte Passion, war er doch in seiner langjährigen Tätigkeit als Direktor des Staatsarchivs Freiburg häufig mit Verfolgten und NS-Opfern in ganz Südbaden beschäftigt. „Irgendwann habe ich dann angefangen, mich aus Baden-Badener Perspektive näher damit zu befassen.“ Als Historiker und Archivar sei man „ohnehin immer Sammler und Jäger, gerade was neue Quellen angeht“, so Hochstuhl, der als frischgebackener Pensionär natürlich dankbar für eine derart sinnvolle Aufgabe ist – neben dem Trainerjob bei der Handball-Jugend des TV Sandweier.

Bis April 2021 soll die Datenbank fertig sein, kündigt Hochstuhl an, sofern Corona nicht nochmal einen Strich durch die Planung macht. „Ich liefere nur das Gerüst, sprich bestücke die Datenfelder“, den technischen Support wird die Stadt übernehmen, auf deren Homepage die Datenbank auch landen soll. Das Badische Tagblatt wird in einer losen Folge einzelne Schicksale von Baden-Badener Opfern des Nazi-Regimes veröffentlichen.

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Erstellt:
6. November 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 52sec

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