Osterfestspiele: Strawinsky at its best

Baden-Baden (rud) – In Baden-Baden fand am Wochenende im rahmen der Osterfestspiele das Orchesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Andris Nelsons statt.

Glasklarer Trompetenton: Hakan Hardenberger meistert die Herausforderungen des Stücks. Foto: Monika Rittershaus

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Glasklarer Trompetenton: Hakan Hardenberger meistert die Herausforderungen des Stücks. Foto: Monika Rittershaus

Zwei Werke aus dem vergangenen Jahrhundert und eines gar von 2021. So modern war ein Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden noch nie. Die Öffnung des Repertoires tut dem Festival gut – und das Spitzenorchester zeigt auch hier seine Exzellenz mit außergewöhnlichen Solisten, Mut zu Extremen und einer unfassbaren Homogenität in den Streichern, die sicherlich der kontinuierlichen Arbeit mit ihrem detailbesessenen Chefdirigenten Kirill Petrenko zu verdanken ist.

Nebenraum zur großen Bühne

Am Pult steht aber wie bereits bei der Gala der Lette Andris Nelsons, der den groß besetzten Klangkörper souverän führt, ohne ihm die Freiheit zu nehmen. Ein gemeinsames Atmen ist jederzeit spürbar.

Jüri Reinveres „Maria Anna, wach, im Nebenzimmer“, im vergangenen Jahr von Andris Nelsons beim Mozartfest Würzburg uraufgeführt, beschreibt musikalisch einen Dämmerzustand und ist der im Schatten von Wolfgang Amadeus Mozart stehenden Schwester Nannerl gewidmet. Es zeigt im Verständnis des estnischen Komponisten einen Nebenraum zur großen Bühne.

Der Streicherklang kommt im Festspielhaus Baden-Baden aus dem Nichts und wächst langsam an. Die austarierten Akkorde im Blech erscheinen wie Klangskulpturen. Zart und poetisch ist diese Musik – mit Raum zum Nachklingen, mit raffinierten Farbkombinationen. Sie öffnet die Ohren für das Kommende. Eine Ouvertüre der Nuancen!

Zwischen Zirkuston und Klagegestus

Mieczyslaw Weinbergs ungewöhnliches Trompetenkonzert aus dem Jahr 1967 changiert zwischen Zirkuston und Klagegestus. Statt ausgreifender Melodien gibt es im ersten Satz rhythmisch akzentuierte Motivschnipsel und beruhigende Liegetöne. Der das Konzert eröffnende, vertrackte Trompetenaufgang wird mit der gleichen Energie vom Orchester wiederholt. Wie überhaupt der Dialog zwischen Solist und Tutti lebendig und ganz präzise bleibt. Hakan Hardenberger besitzt einen glasklaren, schlackenlosen Trompetenton, mit dem er die Solostimme veredelt. In der Höhe kann sein Klang auch gleißend werden – mit den verschiedenen Dämpfern zeigt der Schwede noch ganz andere Farbnuancen wie im melodiösen zweiten Satz, in dem Emmanuel Pahud an der Flöte zum Partner auf Augenhöhe wird. Skurril dann das am Ende zerfallende, wie improvisiert wirkende Finale – mit „Carmen“-Anklängen und Hochzeitsmarsch-Parodie.

Strawinskys „Le Sacre du printemps“ war schon unter Sir Simon Rattle ein Paradestück der Philharmoniker. Auch Nelsons dirigiert das rhythmisch extrem komplizierte Werk mit verblüffenden Ökonomie und Klarheit. Nelsons interessieren die subtilen Klangmischungen mehr als die bloßen Effekte.

Bereits der zart musizierte Beginn (Fagott: Stefan Schweigert) lässt aufhorchen in seiner Intimität und Farbigkeit. Die absolute Synchronität der Streicher macht aus einem Achtelpuls einen unerbittlichen Puls. Der Orchesterklang hat Tiefe und Plastizität. Und eine Durchsichtigkeit, die noch jedes kleine Kontrabassgrummeln und Zirpen in der Piccoloflöte hörbar macht. Aber auch dem in der Musik enthaltenen Rausch und der Ekstase widmen sich die Berliner Philharmoniker mit größter Hingabe. Strawinsky at its best!


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