Stream geht unter die Haut

Karlsruhe (patz) – Anna Bergmann verfilmt ihre Inszenierung von „Szenen einer Ehe“ im Badischen Staatstheater. Auch als Film ist es ein eindringliches Kammerspiel mit Timo Tank und Sina Kießling.

Wut und Hass, Zärtlichkeit und Sex: Timo Tank und Sina Kießling spielten bereits vor drei Jahren in dem eindringlichen Kammerspiel von Anna Bergmann. Foto: Felix Grünschloß/Staatstheater

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Wut und Hass, Zärtlichkeit und Sex: Timo Tank und Sina Kießling spielten bereits vor drei Jahren in dem eindringlichen Kammerspiel von Anna Bergmann. Foto: Felix Grünschloß/Staatstheater

Mit Wucht und Wut tritt er auf sie ein, als sie längst auf dem Boden liegt, sie tackert ihm das Hemd an die Brustwarzen, sie würgen sich, bis sie kaum noch Luft bekommen, es ist eine einzige Hass- und Blutorgie: Szenen einer Ehe. Nach langer Zeit entlädt sich bei ihnen alles, was sich angestaut hat. „Das hätten wir mal früher machen können“, sagt sie hinterher. Und mit gebrochenem Finger unterschreibt er die Scheidungspapiere.

Schon lange stimmt es nicht mehr zwischen den beiden. Als Marianne in einem Frage- und Antwortspiel sagt, „Konflikte im engeren Sinn hat es bei uns noch nie gegeben“ und „ich will, dass das immer so bleibt“, weicht Johan aus und meint, es solle statt dem „Immer“ besser Fünf-Jahres-Verträge geben. Als sie ihm erzählt, dass sie schwanger ist, versteinert er und ringt sich nur zu einem „das kann auch ganz nett sein“ durch. Sie lässt abtreiben und leidet darunter, aber sie reden über eine Reise zum Ferienhaus und dass man es etwas renovieren müsste. Und etwas später gesteht er, dass er schon lange eine Affäre mit einer halb so alten Frau hat und sich von Marianne trennen will, dass er das Boot verkauft hat und mit Paula ein halbes Jahr in Paris leben wird.

Grob und subtil, platt und floskelhaft

„Szenen einer Ehe“ ist ein berühmter Film von Ingmar Bergman, der in einer auf zwei Personen konzentrierten und in großen Teilen umgeschriebenen Fassung vor drei Jahren im Badischen Staatstheater von Anna Bergmann inszeniert und von Timo Tank sowie Sina Kießling sehr intensiv und mit großem Körpereinsatz gespielt wurde. Jetzt hat Bergmann ihre Inszenierung als zwei Stunden langen Streaming-Film mit den beiden Schauspielern produziert, der die Aufführung einfach wiederholt, auch die Szenenwechsel zwischen Foyer, Depot und Studiobühne – damals mussten die Zuschauer längere Wege quer durch das Theater und über die Straße auf sich nehmen.

Auch als Film ist es ein eindringliches Kammerspiel, die Kamera meist so nah, dass man die abrupten Wechsel zwischen Wut, Hass, Verzweiflung, Sehnsucht und Indifferenz schon in der Mimik sehen kann. So wie die Charaktere zwischen den Gefühlen wechseln, sie ängstlich überspielen oder heftig ausleben, mal zärtlich, mal ausweichend, mal offen sexuell, mal aggressiv sind, so wechselt auch die Inszenierung zwischen grob und subtil, platt und floskelhaft. Insgesamt geht sie unter die Haut und regt (im guten Sinn) auf.

Nicht ganz verständlich ist, warum das Staatstheater dieses Zweipersonenstück nicht live aufführt, wenn es schon einstudiert ist. Seltsam auch, dass das Streaming nur noch ein einziges Mal gezeigt wird, am 23. Juli. Da würde die Technik andere Möglichkeiten bieten.

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Erstellt:
11. Juli 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 23sec

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