Streetworkerin in Baden-Baden unterwegs

Baden-Baden (BNN) – Sabrina Ernst klappert als Streetworkerin Plätze in Baden-Baden ab. Sie weiß: Die Pandemie erschwert ihre mobile Jugendarbeit.

Small Talk auf der Straße: Streetworkerin Sabrina Ernst geht offen auf die Jugendlichen zu. Sie versucht, mit den jungen Leuten locker ins Gespräch zu kommen. Foto: Karoline Scharfe

© red

Small Talk auf der Straße: Streetworkerin Sabrina Ernst geht offen auf die Jugendlichen zu. Sie versucht, mit den jungen Leuten locker ins Gespräch zu kommen. Foto: Karoline Scharfe

Langsam läuft Sabrina Ernst auf zwei Jugendliche zu. Die beiden sitzen auf einer Bank neben der Bushaltestelle am Leopoldsplatz in Baden-Baden. „Hey ihr beiden“, ruft sie ihnen aus einiger Entfernung zu. Sie lächelt und winkt mit der Hand – sie will die jungen Leute auf keinen Fall verschrecken.

Auf den ersten Blick wirkt die Streetworkerin selbst jugendlich, obwohl sie 28 Jahre alt ist. Sie trägt sportliche Kleider und Turnschuhe. Ihre Haare sind zum Zopf gebunden. Ernst ist ein „Sozialtier“ und umgibt sich gerne mit anderen. In ihrer Freizeit spielt sie mit Menschen mit Behinderung Handball. Das Team gründete sie vor rund drei Jahren.

Die Streetworkerin ist in der Corona-Pandemie gestartet. Seit Mai 2021 arbeitet sie für die mobile Jugendarbeit der Stadt. In ihrem ersten Jahr bekam sie die Corona-Probleme Jugendlicher hautnah mit. Sie sprach mit einigen, die Bußgelder wegen der Kontaktbeschränkungen zahlen mussten. Und sie hörte, dass Sicherheitskräfte und Polizisten Jugendliche von öffentlichen Plätzen verscheuchten. Die Krise erschwerte ihre Arbeit. „Ich musste die Jugendlichen in der Stadt erst mal kennenlernen“, sagt sie. Im Lockdown war das nicht einfach. Viele Jugendliche blieben daheim oder trafen sich heimlich.

Augustaplatz als beliebter Ort

Was macht eine Streetworkerin überhaupt? Ernst klappert Plätze in Baden-Baden ab. Ein Kollege vom Caritasverband begleitet sie, die beiden arbeiten als Team. In der Regel ziehen sie nachmittags los. Ernst sucht sich ein bestimmtes Gebiet wie etwa die Innenstadt aus. „Bevor wir losgehen, informiere ich über die Sozialen Medien, wo wir unterwegs sind“, sagt sie.

Feste Arbeitszeiten gibt es in der mobilen Jugendarbeit nicht. Überstunden gehören dazu. Sie arbeitet mit Jugendlichen im Alter von zwölf bis 27 Jahren. Junge Leute auf der Straße anzusprechen, war für Ernst anfangs neu. Zuvor war sie Schulsozialarbeiterin. Mittlerweile ist sie erfahrener. Sie kennt die Orte, an denen sich Jugendliche häufiger aufhalten. Als Beispiele nennt die 28-Jährige den Augusta- und den Rathausplatz. Aber: Die Jugendlichen wandern durch die Stadt. Orte, die heute beliebte Treffpunkte sind, können morgen schon verwaist sein. „Junge Leute suchen Plätze, an denen sie wenig gestört werden“, sagt Ernst.

Auf ihren Touren versucht sie, locker ins Gespräch zu kommen. Feingefühl ist gefragt. „Niemand kommt freiwillig zu jemandem, den er nicht kennt“, sagt Ernst. Deshalb stellt sie sich zuerst vor. Und sie fragt, ob sie die jungen Leute stören darf. Das macht sie, um zu signalisieren, dass sie mit ihnen auf einer Stufe steht. „Jugendliche werden das selten gefragt“, sagt sie.

„Wenn die Polizei zufällig vorbeiläuft, sieht das schon komisch aus“

Über schwierige Themen wie Gewalt oder Streit in der Familie spricht sie auf der Straße selten. Ihre Fragen bleiben oberflächlich. Sie drehen sich etwa um die Stadt oder das Wetter. Anschließend lädt sie die jungen Leute ins Jugendbüro in der Rheinstraße ein.

Die realen Probleme der Jugendlichen kommen erst im persönlichen Gespräch zutage. Für einen Jungen suchte Ernst zum Beispiel staatliche Hilfen. Er war verschuldet und von zu Hause abgehauen. Monatelang konnte er die Miete für seine Wohnung nicht zahlen.

Ernst füllte mit ihm Anträge für Bafög und Arbeitslosengeld aus. Sie war für ihn da und ließ nicht locker. Im Februar bekam er endlich Geld vom Amt. Ein anderer Junge suchte sie auf, nachdem er Freitag abends von seinem Vater geschlagen wurde. Er wusste nicht, wo er übernachten soll. „Ich suchte ein Bett für ihn“, sagt Ernst. Schließlich kam der Junge bei einem Freund unter.

Ein Großteil der Teenager, die sie auf der Straße trifft, hat Schwierigkeiten daheim. Und sie begegne mehr Jungen als Mädchen. „Jungen treffen sich draußen meist in der Gruppe“, sagt sie. Und wie geht die Streetworkerin mit Drogen und Alkohol um? „Ich sehe so etwas schon.“ Manchmal drehen sich die Jugendlichen einen Joint. In solchen Situationen steht sie zwischen den Stühlen. „Wenn die Polizei zufällig vorbeiläuft, sieht das schon komisch aus.“ Ihre Arbeit verlange jedoch Zurückhaltung. Sie will die Jugendlichen nicht abschrecken. „Ich versuche, Lösungen mit ihnen zu finden“, sagt sie. Erfolg ist für sie, wenn es den jungen Leuten langfristig besser geht.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Volontärin Karoline Scharfe

Zum Artikel

Erstellt:
27. April 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 20sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.