Streich als Glücksfall für den SC Freiburg

Freiburg (mi) – Seit mittlerweile zehn Jahren steht Christian Streich unter Vollstrom. Der Jubilar ist ein Glücksfall für den SC Freiburg – als erfolgreicher Trainer und kultiger Botschafter.

Mutiert auf die Schnelle von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde: Christian Streich gibt immer Vollgas.Foto: Thomas Kienzle/AFP

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Mutiert auf die Schnelle von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde: Christian Streich gibt immer Vollgas.Foto: Thomas Kienzle/AFP

Im letzten Spiel im Dreisamstadion ließ er sich dann doch noch erweichen: Die Profis des Sport-Clubs Freiburg hüpften nach dem 4:0 gegen den FC Augsburg ausgelassen im Kollektiv vor der feiernden Nordtribüne. Christian Streich löste sich plötzlich aus der Jubeltraube und bestieg mit Maske unter dem frenetischen Jubel der Hardcore-Fans den Zaun. Sogleich wurde ihm ein Megafon gereicht. Es dauerte eine Weile, bis er zu hören war, was an der Seitenlinie nie vorkommt, aber dann war seine Stimme beim „Humba, Humba, Täterä“ doch zu vernehmen.

Die Klettermaxnummer war untypisch für ihn („Die Spieler sind die, wegen denen die Zuschauer kommen“), zugleich aber die Gipfelbesteigung in der Fangunst – höher geht es nicht mehr. Auch Volker Finke war beim Auszug aus dem altehrwürdigen Kulttempel zugegen. Dank dem kühlen Nordlicht spielt der Sport-Club seit 1993 mit ein paar Unterbrechungen in der Beletage mit, er hievte den Verein aus dem grauen Mief der zweiten Liga in ungeahnte Höhen. Auch ihm wurde gehuldigt, doch die Dezibelstärke war bei weitem nicht so heftig wie bei Streich. Heute ist er genau zehn Jahre Cheftrainer bei seinem Herzensverein.

Mittlerweile wird er gar von der Konkurrenz gefeiert. Von Bayerns Oberpatron Uli Hoeneß hört man selten solche Lobpreisungen über einen Gegner. „Den liebe ich. Er ist ein fantastischer Mensch, dem ich alles gönnen würde.“ Schon Triple-Sieger Jupp Heynckes hatte erkannt: „Der wichtigste Mann sitzt in Freiburg auf der Bank.“ Auch die jüngere Generation ist angetan. So stimmt Bayern-Coach Julian Nagelsmann eine Hymne auf den 22 Jahre älteren Streich an: „Christian ist ein extrem positiver Charakterkopf, den ich sehr schätze, der tolle Ansichten, immer eine Meinung hat, die er klug ausformuliert. Er ist ein intelligenter Mann und dazu ein herausragender Trainer, der den Verein prägt.“

Herzliches Verhältnis zu Trainerkollegen

Zu seinen Trainerkollegen pflegt der 56-Jährige ein fast herzliches Verhältnis – mit Ausnahme des Niederländers Gertjan Verbeek –, was zunächst überrascht, denn als hoch emotionaler Mensch an der Seitenlinie schießt er oft übers Ziel hinaus, echauffiert sich bisweilen bis zur Schmerzgrenze. Und manchmal auch darüber hinaus. Er weiß freilich genau, wenn er das Rad überdreht hat und besitzt die Fähigkeit, sich bei den Kollegen, Schiedsrichtern und Assistenten, mit denen er ständig diskutiert und zetert, sogleich nach Spielschluss zu entschuldigen. Handschlag, Schulterklopfen, die Mutation von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde gelingt ihm auf die Schnelle.

Wie bei der Premiere im neuen Europa-Park-Stadion gegen RB Leipzig, als er auch von Torwarttrainer Andreas Kronenberg nicht einzufangen war. „Das war kein korrektives Verhalten von mir. Ich war zu wild.“ Eine Stunde später während der Pressekonferenz witzelte er wieder mit Kollege Jesse Marsch und verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung von ihm.

Der SC-Trainer pflegt ein fast herzliches Verhältnis zu den Kollegen wie Kölns Steffen Baumgart (links).Foto: Patrick Seeger/dpa

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Der SC-Trainer pflegt ein fast herzliches Verhältnis zu den Kollegen wie Kölns Steffen Baumgart (links).Foto: Patrick Seeger/dpa

Seit Jahren schon versucht er, angezählten Kollegen den Rücken zu stärken. 24 Stunden, bevor Mark van Bommel nach dem 0:2 gegen den SC seine Papiere in Wolfsburg abholen konnte, ergriff er in der Pressekonferenz ungefragt das Wort und baffte einen bohrenden Reporter an: „Ich muss Ihnen jetzt mal was sagen: Alles, was recht ist. Da muss man mal die Kirche im Dorf lassen, wenn es vier Rufe unter 10.000 Zuschauern gibt. Also echt.“

„Er ist menschlich überragend“

Der (dienst)älteste Bundesliga-Übungsleiter geht für seine Jungs durchs Feuer – und sie schwärmen von ihm. „Er versteht den Fußball und ist menschlich überragend. Er schenkt uns Vertrauen. Und dieses Vertrauen spürt man auch, wenn man mal auf der Bank sitzt. Er weiß, wie er jeden zu nehmen hat. Und wenn er mich mal anschreit, ist das völlig okay“, sagt Vincenzo Grifo. Dass er italienischer Nationalspieler geworden ist, hat er nicht zuletzt Streich zu verdanken. Als er einst wegen mehr Geld nach Mönchengladbach und Hoffenheim wechselte, saß er auf der Bank und war unglücklich. Seit er wieder für den Sport-Club kickt, darf er gar von der WM-Teilnahme im Europameister-Team träumen.

Ermedin Demirovic, der als Neuzugang vor Jahresfrist voll einschlug, saß in der Vorrunde fast nur auf der Bank. Beim 6:0-Scheibenschießen in Mönchengladbach traf er wieder mal nicht. Bei seiner Auswechslung gab’s dennoch einen dicken Kuss vom Chef auf die Wange. „Streich war ehrlich, direkt und vermied jede Schönrednerei. Das war natürlich hart, aber auch hilfreich“, erinnerte sich der frühere SC-Profi Johannes Flum an die gemeinsame Zeit. Publikumsliebling Nils Petersen kommt meist nur noch als Top-Joker für die letzten 15, 20 Minuten von der Bank. Das gefällt dem Stürmer natürlich nicht, dennoch pflegt er zum Menschenfänger ein tolles Verhältnis.

Streich, der selbst von 1988 bis 1990 Profierfahrungen beim FC Homburg machte, verlangt viel von seinen Mannen und hat überhaupt kein Problem damit, Jungspunde ins kalte Wasser zu werfen. Kevin Schade, Noah Weißhaupt, Kiliann Sildillia – aus der Reserve kriegen alle ihre Chance, wenn sie stetig an sich arbeiten. „Wenn die Spieler sagen, sie wollen eine Schippe zulegen, dann erwarte ich das geradezu von ihnen. Keine riesige Baggerschippe, aber eine Schaufel voll Erde, hier und da verteilt, damit noch ein bissel Substanz drankommt. Die Jungs sollen nicht zufrieden sein, sie sollen sich selbst fordern. So ist es richtig.“

Teamplayer erster Güte

Von 1995 an, als Finke noch den Ton bei den Profis angab, leitete der Temperamentsbolzen im Hintergrund die herausragende Nachwuchsarbeit des Vereins, er hat viele Talente kommen und gehen sehen. Ihr Mentor hat sie 2008 zur deutschen A-Jugend-Meisterschaft und drei Pokalsiegen geführt.

Als der Sport-Club erstmals in der Trainerfrage mit Marcus Sorg so richtig danebenlag und Tabellenletzter war, betrat Streich am 29. Dezember 2011 im Presseraum die Profibühne – nach kurzer Bedenkzeit, denn im Haifischbecken mitzuschwimmen, behagte ihm eigentlich gar nicht. Als Teamplayer erster Güte schaffte er dann den Klassenerhalt. Auch heute betont er stets die Wichtigkeit seiner Assistenten Patrick Baier, Lars Voßler, Florian Bruns, Daniel Wolf und Andreas Kronenberg.

Mit Sportvorstand Jochen Saier und Sportdirektor Klemens Hartenbach tauscht er sich permanent aus, man kennt sich über ein Jahrzehnt und kann sich daher zu 100 Prozent aufeinander verlassen. Zu Studentenzeiten wohnte er einige Zeit mit Hartenbach in einer WG, die eiden haben sich beileibe nicht nur über Fußball die Köpfe heiß geredet.

Wohl auch deshalb äußert sich der charismatische, kluge Kopf, der 2017 vom Fachmagazin „kicker“ zum „Mann des Jahres“ gekürt wurde, regelmäßig zu diversen aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Bundestagswahl, die AfD, Flüchtlingskrise, Corona, Joshua Kimmich, Superleague – der Fußballlehrer hat mit abgeschlossenem Geschichts-, Germanistik- und Sportstudium zu allem eine klare, dezidierte Meinung und polarisiert damit auch.

„Da gibt es absurde Vorstellungen“

Dem von machtgierigen Führungsleuten propagierten Fußballbetrieb als künftig reine Kommerzmaschine mit irren Gewinnmargen zeigt er die Rote Karte: „In den Sphären der Champions League gibt es Vereine, die sich fast ausschließlich nur noch als Wirtschaftskraft wahrnehmen. Es heißt auch in Zukunft, sich dagegen zu wehren, dass die wirtschaftlichen Ziele weit über den fußballerischen stehen. Da gibt es vollständig absurde Vorstellungen und Verdrehungen der Tatsachen.“

Man kann sich nicht vorstellen, dass er sich im Gespräch mit FIFA-Boss Gianni Infantino wohlfühlen würde. Wohl auch deshalb hat sich der neben Jürgen Klopp authentischste deutsche Trainer, für den Demut ein hohes Gut ist, im Gegensatz zur Liverpool-Legende nie aus dem Schwarzwald in die große, weite Fußball-Welt aufgemacht. Etliche Vereine baggerten ihn in der Vergangenheit an, selbst der größte hierzulande, wie sein Fan Uli Hoeneß unlängst in einem Podcast bekannte: „Ich habe mal mit Hasan Salihamidzic eine Zeit lang darüber nachgedacht, ob das nicht einer für uns wäre. Aber wir haben am Ende doch nicht den Mut gehabt. Ich weiß nicht, ob es gut gegangen wäre. Für uns wäre es ein irres Risiko gewesen. Aber wie der Menschen führt, seine Spieler liebt und auch striezt, das ist schon erstaunlich.“

Es lag nicht nur am ausgeprägten alemannischen Dialekt, den in Bayern keiner verstanden hätte, warum das nicht zustande kam. Streich, geboren in Weil am Rhein, weiß nur zu gut, was er an seiner Wohlfühloase im südlichsten Winkel der Republik hat. „Das ist eine Struktur in diesem Verein und in dieser Stadt, in die ich gut passe. Die Leute, die ins Stadion gehen, sind sehr bedacht, weil sie sich freuen, dass wir in der Bundesliga spielen und nicht nach zwei Niederlagen alles infrage stellen.“

Als der Sport-Club im Mai 2015 das einzige Mal unter ihm am letzten Spieltag in Hannover abstieg, war Streich merklich gezeichnet, innerlich leer. Als die Mannschaft nachts in Freiburg wieder ankam, standen 150 Anhänger vor dem Stadion. Statt Beleidigungen und Drohungen wie andernorts sonst üblich gab es Beifall und Aufmunterung. Ein Jahr später war der Betriebsunfall korrigiert – und auch der Übungsleiter konnte wieder lachen.

Für den Verein der pure Luxus

Seitdem geht es tabellarisch nur noch bergauf. 2013 bis in die Europa League, aktuell geht man sensationell als Dritter in die Rückrunde. Auch wenn dann immer die Gefahr besteht, dass die besten Akteure abwandern: Maximus Streich hadert nie, er zaubert dann wieder aufstrebende Talente hervor. Für den Verein ist der Kulttrainer der pure Luxus.

Wie bei den Veteranenrockern von AC/DC stellt sich auch bei ihm die Frage, wie lange er nach 304 Bundesliga-Spielen noch unter Vollstrom stehen kann. Das gnadenlose Business hat Spuren hinterlassen. Am wenigsten körperlich, auch wenn die Bandscheibe schon mal gezwickt hat und er deshalb zwei Spiele aussetzen musste. Bei langen Rad-Touren durch den Schwarzwald erholt er sich mental.

„Ich habe keine Karriereplanung so wie andere Leute“, sagte er vor annähernd drei Jahren. Streich liest viel in der Freizeit, hat ein Faible für Blues, den er verstärkt auch nach bitteren Niederlagen wie in Bochum oder zu Hause gegen Hoffenheim empfindet. Für ihn ist Fußball Lebenselixier, nicht nur Beruf, sondern Berufung. „Es gibt sicher andere Leute, die denken: Der hockt seit 40 Jahren jeden Samstag auf dem Kickplatz. Der ist nicht ganz normal. Das ist doch langweilig.“

In einigen Tagen wird er Gespräche mit der Vereinsspitze über eine Vertragsverlängerung führen. Wie immer verlängert er nur um ein Jahr. „So ist es für alle relativ einfach, weil man einfach sagt: Man macht ein Jahr. Dann schaut man und entscheidet sich wieder. Und dann kann ich gehen, wenn dann irgendwann der Tag kommt – mit einem guten Gewissen und einer Klarheit“, erklärte Streich unlängst im SWR-Interview.

Wenn der Tag irgendwann kommt, wird es wohl so sein wie beim Abschied aus dem Dreisamstadion, als er ein paar Tränen verdrückte und in seiner unnachahmlichen Art das Schlusswort sprach: „Jetzt ist’s gut, jetzt ist’s vorbei. Wir gehen nach Hause ins Nescht.“


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