„Streich hat mich menschlich, fußballerisch, taktisch sehr entwickelt“

Baden-Baden (mi) – Vincenzo Grifo ist einer der Stars beim SC Freiburg. Im Interview äußert er sich über seine Standardkünste, Italiens Europameister und die SC-Ausnahmesaison.

Einer der besten Bundesliga-Freistoßschützen: Vincenzo Grifo. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Einer der besten Bundesliga-Freistoßschützen: Vincenzo Grifo. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

BT: Herr Grifo, blicken wir auf den 12. Juli 2021 zurück: EM-Finale im Londoner Wembleystadion, England gegen Italien. Haben Sie nach dem letzten verschossenen Elfmeter von Saka die Nacht zum Tage gemacht?
Vincenzo Grifo: Eigentlich nicht. Natürlich bin ich aufgesprungen vor dem Fernseher und habe mich sehr gefreut, und wir haben zu Hause in Freiburg einen längeren Abend gehabt. Ich bin aber nicht auf die Straße gegangen wie manch anderer aus meinem Freundeskreis. Ich bin viel am Handy gewesen, aber dann doch irgendwann schlafen gegangen.

BT: Haben Sie also nicht wie nach Ihrer ersten Nominierung für Italien am Autokorso mit den Tifosi teilgenommen?
Grifo: Das mit dem Autokorso ist damals von einigen Zeitungen falsch verstanden worden. Meine Familie hat mich mit dem Autokorso überrascht, ich selbst habe aber nicht daran teilgenommen. Wir haben die Nominierung tatsächlich gefeiert zu Hause, aber das war es auch.

BT: Haben Sie es bei aller Freude bedauert, beim EM-Turnier nicht selbst im Kader gestanden zu haben?
Grifo: Natürlich kämpft man die ganze Saison dafür, dass man dann bei der EM dabei ist, und wenn die Absage kommt, ist man dann ein bisschen enttäuscht. Das gehört ja auch zum Fußball mit dazu, dass man mit persönlichen Niederlagen umgehen muss, aber nach zwei, drei Tagen war die Sache gegessen. Ich habe dann mit meiner Frau und einer Tochter den Urlaub in Italien in allen Zügen genossen. Bella Vita.

BT: Trotz des EM-Triumphs muss Italien um die WM-Qualifikation bangen. Haben Sie Bedenken vor den Playoff-Spielen, zunächst gegen Nordmazedonien, und im Erfolgsfall beim Sieger des Duells Portugal gegen die Türkei?
Grifo: Solche Playoff-Spiele sind etwas anders gestrickt und deshalb kann es auch schwer werden, aber ich bin überzeugt davon, dass wir das schaffen werden, weil Italien einfach eine außergewöhnliche Qualität hat, wir Spieler haben, die reif sind, eine gewisse Erfahrung mitbringen. Natürlich muss die Tagesform stimmen, aber ich bin mir sicher, dass die Spieler wissen, an welchen Schrauben man drehen muss.

BT: Sollte sich Italien qualifizieren: Wie groß sehen Sie Ihre Chancen, im November in Katar dabei zu sein?
Grifo: Oh, das weiß ich nicht. Dafür muss die Leistung im Verein stimmen, so wie es mir momentan gelingt. Eine Berufung würde ich mir natürlich wünschen, weil so ein WM-Turnier natürlich etwas Außergewöhnliches ist. Ich glaube persönlich immer daran, so wie ich früher daran geglaubt habe, dass ich irgendwann nominiert werde.

BT:Ist Juve-Innenverteidiger Giorgio Chiellini der coolste und klügste Profi, den Sie kennen? In entscheidenden K.o.-Spielen wie bei der EM scherzt er vor der Verlängerung mit dem gegnerischen Kapitän, darüber hinaus besitzt er den Doktortitel in Betriebswirtschaft.
Grifo: Einen Fußballer wie ihn habe ich tatsächlich noch nicht gesehen, er ist einmalig. Ich schätze ihn als Person sehr und verstehe mich mit ihm auch sehr gut. Wir sind ab und zu in Kontakt. Giorgio ist ein Musterprofi und Vorbild, von ihm kann sich jeder eine Scheibe abschneiden. Deshalb bin ich sehr stolz, dass ich mit ihm schon trainieren durfte und hoffentlich künftig auch noch darf.

BT: Von Pforzheim haben Sie es bis in die Nationalmannschaft geschafft. Sind Sie ein rundum glücklicher Mensch?
Grifo: Natürlich. Der Weg vom Bolzplatz in die Bundesliga und die Nationalmannschaft ist steinig. Ich habe wirklich auf viel verzichtet, viel geopfert, in meiner Kindheit auch viel verpasst. Gerade in der Pubertät zum Beispiel viele Feiern, Geburtstage, Hochzeiten und, und, und. Das tut dann schon weh, wenn man die anderen Jungs sieht, wie sie ausgehen. Umso mehr kann man sich später auf die Schulter klopfen, wenn es wie in meinem Fall geklappt hat.

BT: Wie viel Anteil hat Christian Streich an Ihrer Entwicklung bis zum Nationalspieler?
Grifo: Er hat sehr viel dazu beigetragen, er hat mich menschlich, fußballerisch, taktisch sehr entwickelt. Ich habe unter ihm viel gelernt. Natürlich halfen auch die vielen Stationen, wo ich war: Gladbach, Hoffenheim, FSV Frankfurt, Dresden. Wenn man so viele Trainer gehabt hat, weiß man jemanden wie Christian Streich besonders zu schätzen. Er geht sehr gut mit mir um, auch mit der ganzen Mannschaft. Er ist ein außergewöhnlicher Trainer, führt viele Einzelgespräche, weiß genau, wie er dich anzupacken hat und holt aus dir das Maximum raus.

BT: Lag es nur am Trainer, dass Ihre vorherigen Bundesliga-Stationen in Mönchengladbach und Hoffenheim nicht erfolgreich verliefen?
Grifo: Da fange ich immer erst bei mir an. Da gibt es keinen Schuldigen, ich bin derjenige, der auf dem Platz steht und dort performt. Natürlich hätte ich mir damals die eine oder andere Chance mehr gewünscht, um in einen Spielrhythmus zu kommen, denn wenn man in diesen kommt, finde ich, kann man auch zeigen, was man kann. Das war leider nicht der Fall. So habe ich wenig gespielt, war nicht so im Fluss und daher kamen viele Komponenten zusammen.

BT: Falls Sie nochmals das Fernweh packt, kann Ihr nächster Verein eigentlich nur in Italien sein. Warten Sie auf einen Anruf von Ihrem Serie-A-Lieblingsklub Inter Mailand?
Grifo: Nein, nein. Ich habe ja schon mehrfach erwähnt, dass ich in Freiburg sehr glücklich bin. Natürlich verfolge ich die Serie A schon lange sehr intensiv, seit Kindheitstagen. Natürlich wäre es auch ein Traum, mal in der Serie A zu spielen. Wenn irgendwann mal tatsächlich was Cooles als Angebot käme, dann hockt man sich mit der Familie zusammen und bespricht das. Ich habe ja mit 28 jetzt auch ein gewisses Alter, bin sehr reif, weiß deshalb auch, was gut für mich ist. Ich möchte jetzt aber erst mal mit dem SC Freiburg, der gut dasteht, meine Ziele erreichen.

BT: Sie sind einer der besten, wenn nicht der beste Standardspezialist der Bundesliga. War Ihre Ausbildung als Straßenfußballer für diese Fähigkeit genauso wichtig wie die vielen Trainingsstunden beim Sport-Club?
Grifo: Ich, mein Bruder und die anderen Jungs haben von morgens bis abends gekickt, gekickt, gekickt. Man hat gedribbelt, geschossen, dies und jenes geübt. Da kam vieles zusammen. Das ist das, was man vielleicht in den ein, zwei Stunden Trainingszeit im Verein nicht so lernt, wofür man auf dem Bolzplatz sieben, acht Stunden verbracht hat. Diese Ausbildung war für mich unfassbar wichtig, das hat mich zu dem Spieler gemacht, der ich heute bin. Diesen Weg, den ich gegangen bin, würde ich immer wieder gehen. Meine Eltern haben für mich und meinen Bruder auch alles gemacht.

BT: Im Gegensatz zu Cristiano Ronaldo, der gerne den Westernhelden John Wayne bei der Freistoßausübung imitiert, brauchen Sie nur einen kurzen Anlauf. Müssen Sie lachen, wenn Sie Ronaldos Glamour-Show beobachten?
Grifo: Nein, gar nicht. Ich bin ein großer Fan von Cristiano, weil er eben Wahnsinniges erreicht hat. Wenn man überlegt, wie alt er ist, und immer noch Dreierpacks, Hattricks schießt, von daher würde ich niemals über ihn lachen. Wer so viel Disziplin und Ehrgeiz hat, immer noch so hungrig auf Titel ist und so hart zu sich selbst, hat immer den größten Respekt von mir verdient. Jeder hat beim Freistoß so seine gewissen Abläufe.

BT: Der Sport-Club spielt eine Ausnahmesaison und hat zwei große Ziele: Erstmals das DFB-Pokalfinale in Berlin zu erreichen und in den Europacup einzuziehen. Was ziehen Sie vor?
Grifo: Beides, nichts anderes. Wir haben noch ein Pokalspiel, um ins Finale zu kommen, und noch mehrere Bundesligaspiele für das andere Ziel. Ich werde alles dafür tun und kämpfen, um beides zu erreichen.

BT: Im Halbfinale beim Zweitligisten Hamburger SV ist der Sport-Club Favorit. Ist das die Gefahr?
Grifo: Ich würde unterschreiben, dass es das schwierigste Spiel für uns überhaupt im Pokalwettbewerb wird, vor allem auch wegen der Kulisse auswärts. Wir werden aber alles, was in unserer Macht steht, in die Waagschale werfen, um zu gewinnen.

BT: Neben Nils Petersen und Christian Günter sind Sie der Publikumsliebling, der tausendfach besungene „Fußball-Gott“. Schöpfen Sie Kraft aus den Sympathiebekundungen?
Grifo: Ich glaube schon, dass man daraus Kraft schöpft. Es gibt einem immer einen Push, wenn die Fans einem sozusagen auf Händen tragen und den Namen rufen. Das hat man sich als Kind ja immer gewünscht, auf diesen Moment hingearbeitet und im Fernsehen mitgekriegt. Da habe ich früher auch gedacht: Wow, wenn die mal meinen Namen später so rufen würden, das wäre so schön. Und jetzt ist das Realität. Deshalb genieße ich das heute auch bis zur letzten Sekunde, wenn die Leute wie zuletzt beim Doppelpack gegen Wolfsburg „Grifo, Grifo“ schreien.

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
23. März 2022, 15:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 25sec

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