Streit im Wasserverband eskaliert

Gernsbach/Gaggenau (stj) – Der Gernsbacher Bürgermeister Julian Christ hat die Stadt Gaggenau wegen der Ersatzwasserversorgung scharf kritisiert und ihr unter anderem „Wucherpreise“ vorgeworfen.

Der Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal könnte durch den Bau einer weiteren Filtrationsanlage im Wasserwerk Förch den derzeit erforderlichen Ersatzwasserbezug über Gaggenau beenden. Foto: Egbert Mauderer

© ema

Der Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal könnte durch den Bau einer weiteren Filtrationsanlage im Wasserwerk Förch den derzeit erforderlichen Ersatzwasserbezug über Gaggenau beenden. Foto: Egbert Mauderer

Im Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal (WVV) rumort es gewaltig. Weil die PFC-Problematik große Anstrengungen erfordert, um die Wasserqualität aufrechterhalten zu können, und damit zu erheblichen Mehrkosten führt, sind seine Mitglieder Gernsbach, Kuppenheim, Gaggenau (Versorgungsgebiet Selbach) und Rastatt (Versorgungsgebiet Förch) zum Handeln gezwungen. Doch über das Wie ist man sich uneins.

Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Mit Abstand am stärksten von der Kostensteigerung betroffen ist die Stadt Gernsbach, die jetzt ihren Wasserpreis erhöht hat. Vor der Entscheidung durch den Gemeinderat attackierte Bürgermeister Julian Christ den Nachbarn Gaggenau scharf. Hintergrund ist der seit rund einem Jahr erforderliche Ersatzwasserbezug über das Netz der Großen Kreisstadt, um die PFC-Werte des Verbandswassers einhalten zu können. Das kostet die Papiermacherstadt circa eine Millionen Euro zusätzlich – jährlich. Geld, das letztlich über den Verbraucher finanziert wird.

„Das haben nicht wir als Stadtwerke zu verantworten, sondern ist der PFC-Problematik geschuldet“, erläuterte Christ. Allerdings warf er dem Verbandspartner Gaggenau, über deren Stadtwerke das operative Geschäft des WVV abgewickelt wird, in öffentlicher Sitzung vor, „Wucherpreise“ aufzurufen und aus der Notsituation Gernsbachs „unverhältnismäßig Profit zu schlagen“. Der Bürgermeister verwies auf einen Euro (90 Cent plus 10 Cent Wasserentnahmeentgelt) pro Kubikmeter Ersatzwasser, den man an die Stadtwerke Gaggenau abdrücken müsse. In der Region üblich seien 60 Cent. Das Interesse des Nachbarn am schnellen Geld, so Christ, sei offenbar größer als an einer dauerhaften partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Diese wurde von Christ zuletzt als alternatives Zukunftsmodell anstelle des WVV bevorzugt, steht nun aber angesichts der aktuellen Situation wieder infrage. Morgen soll es diesbezüglich weitere Gespräche geben.

Mußler fordert interne Lösung im Verband

Die Atmosphäre dürfte der junge Schultes aus Gernsbach durch seine Aussagen am Montagabend schon im Vorfeld abgekühlt haben, zumal einige Gemeinderäte die Kritik weiter befeuerten. So nannte es Birgit Gerhard-Hentschel (Grüne) „traurig, dass sich Gaggenau hier so wenig solidarisch zeigt“. Auch Uwe Meyer (Freie Bürger) und Dr. Ernst-Dieter Voigt (parteilos) sprachen von einem „Ausnutzen“ seitens des Verbandspartners angesichts des hohen Preises. Das könne man nicht verstehen, vor allem wenn man darüber nachdenke, dauerhaft in der Wasserversorgung zusammenzuarbeiten. „Und ich denke, Gernsbach wäre ein guter Partner für Gaggenau“, meinte Meyer. Sein Fraktionskollege Dr. Alexander Hoff verwies auf den Rechtsanspruch der Stadt Gernsbach, den im September 2018 unterzeichneten Vertrag für die Bereitstellung des Ersatzwassers anzupassen, weil sich die Situation seit den neu festgelegten Richtwerten durch das Bundesumweltministerium grundlegend verändert habe. Deshalb sei die als Überbrückung gedachte Lösung schließlich zum Dauerzustand geworden. Hoff forderte Christ auf, entsprechend zu handeln.

Darauf drängt Kuppenheims Bürgermeister Karsten Mußler als stellvertretender WVV-Vorsitzender schon lange. Bisher war er diesbezüglich aber stets „schroff zurückgewiesen worden“, weil der Verband im Hinblick auf seine zukünftige Entwicklung mehrheitlich beschlossen hat, alle Investitionen auf das Notwendigste zu beschränken, erinnerte er gestern im BT-Gespräch. Umso überraschter zeigte sich Mußler angesichts der im Vorfeld des morgigen Gesprächstermins verschärften Tonlage aus Gernsbach in Richtung Gaggenau. Schließlich habe man es bislang in der Papiermacherstadt vorgezogen, den Weg zu gehen, den die Stadtwerke Gaggenau vorschlugen und der ihnen viel Geld in die Kasse spült. Mußler hingegen pocht nach wie vor dringend darauf, den bereits beschlossenen Bau einer weiteren Filtrationsanlage im Wasserwerk Förch umzusetzen und in verbandseigene, zukunftssichere Lösungen zu investieren. Wäre das zeitnah geschehen, würde die Anlage schon laufen und der Ersatzwasserbezug des WVV über das Netz der Stadtwerke Gaggenau wäre obsolet.

Unterdessen sorgen dort die in öffentlicher Sitzung erhobenen Vorwürfe für eine gewisse Sprachlosigkeit. „Wir sind enttäuscht über die Art und Weise des Umgangs miteinander“, betont Oberbürgermeister Christof Florus: „Die Stadt Gaggenau wehrt sich zudem gegen die gegenüber den Stadtwerken erhobenen Vorwürfe, die jeglicher Grundlage entbehren.“

Ins Abseits manövriert

Ein Kommentar von Stephan Juch:

Gernsbach hat bei der Wasserversorgung viele Probleme. Finanziell muss die Perle des Murgtals 83 Prozent der circa zwei Millionen Euro teuren Ersatzwasserleitung von Ottenau zum zentralen Hochbehälter auf dem Galgenbusch stemmen, hinzu kommen horrende Summen für das PFC-freie Wasser aus Gaggenau. „Wir zahlen derzeit zweimal, um einmal Wasser zu bekommen“, analysiert Bürgermeister Julian Christ. Natürlich kann er für die Probleme nichts, die mit der PFC-Fahne in die Region gekommen sind. Mit seinem Plan, die seit 53 Jahren bestehende Struktur des Wasserversorgungsverbands Vorderes Murgtal aufzubrechen und sich dem großen Nachbarn anzuschließen, ist er aber ein gewisses Risiko eingegangen, das dem Verbraucher nun auf die Füße fällt. Denn sollten die Verbandsauflösung, der alle Mitglieder zustimmen müssen, und der Anschluss an Gaggenau nicht realisiert werden, kommt man um den Bau einer weiteren Filtrationsanlage im Wasserwerk Förch nicht herum – und zahlt ein drittes Mal. Dass Christ mit seinem Vorgehen erst WVV-Stellvertreter Karsten Mußler und jetzt die Große Kreisstadt samt ihrer Stadtwerke verärgert hat, dürfte die Verhandlungsbasis nicht verbessert haben – zumal Gernsbach (im Gegensatz zu den anderen Verbandspartnern) weitere Alternativen fehlen.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.