Streit um Thierse und ums Gendern

Baden.Baden (kli) – In der SPD gibt es Wirbel um Kurs und Personen. Wie weit soll man es mit der politischen Korrektheit treiben? Ein Verwirrspiel um den früheren Bundestagspräsidenten Thierse.

Wolfgang Thierse hat Parteichefin Saskia Esken den Parteiaustritt angeboten.     Foto: Bernd Settnik/dpa/av

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Wolfgang Thierse hat Parteichefin Saskia Esken den Parteiaustritt angeboten. Foto: Bernd Settnik/dpa/av

Um den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse ist in der SPD ein Streit entbrannt. Der 77-jährige Sozialdemokrat hat vorübergehend den Unmut der Parteichefin Saskia Esken sowie ihres Vize Kevin Kühnert auf sich gezogen. Die Rastatter Bundestagsabgeordnete Gabriele Katzmarek (SPD) spricht von einem überflüssigen Streit und mahnt, die Drei sollen ihren Konflikt intern ausräumen.

Das sei in der Zwischenzeit geschehen, also könne man die Episode abhaken.

Worum geht es? Thierse hatte einen Essay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung geschrieben. Darin kritisierte er auch „linke Identitätspolitik“. Es mache sich eine Haltung breit, Diskussionen zu verweigern. Thierse sagte in einem Interview mit Blick auf Rassismus und Genderdebatten, es gebe „Radikalisierungen des Diskurses“, die „das Leben von Gemeinsamkeiten erschweren“ und die Konfrontation eher verschärften. Im einzelnen thematisierte er die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin, deren Namen als rassistisch eingestuft wird. Und er schrieb, wenn Lehrende an Hochschulen Studierende fragen müssten, mit welchen Pronomen sie angesprochen werden wollten, sei das „keine Harmlosigkeit mehr“.

„Rückwärtsgewandtes Bild“

Diese und weitere Äußerungen der Vorsitzenden der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, bei einer Online-Podiumsdiskussion, erzürnten offenbar Teile der Schwulen-, Lesben-, Bi- und Transgender-Szene. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland warf der SPD vor, ihre Beteuerungen, auf der Seite queerer Menschen zu stehen, seien nichts wert.

Darauf luden Esken und Kühnert Vertreter der Szene zu einem Online-Gespräch ein. „All das beschämt uns zutiefst“, hätten Esken und Kühnert laut Medienberichten mit Blick auf die Äußerungen Thierses und Schwans gesagt. Aussagen einzelner aus der SPD zur Identitätspolitik würden ein „rückwärtsgewandtes Bild der SPD“ zeichnen.

Daraufhin brachte Thierse in einem Brief an Esken seinen Parteiaustritt ins Spiel. „Ich bitte Dich, mir ebenso öffentlich mitzuteilen, ob mein Bleiben in der gemeinsamen Partei wünschenswert oder eher schädlich ist“, schrieb er ihr. Wo doch Esken und Kühnert „meinen, sich meiner öffentlich schämen und sich von mir distanzieren zu müssen“. Er habe in dem Essay nur versucht, „angesichts verschärfter, aggressiver werdender Konfrontationen in der gesellschaftlichen Debatte, zu Mäßigung zu mahnen“.

Esken telefoniert mit Thierse

Esken bemühte sich, den Streit rasch aus der Welt zu schaffen und suchte das Gespräch mit Thierse. Sie erweckte den Eindruck, von der Queer-Bewegung benutzt worden zu sein, um sie und Thierse auseinanderzudividieren. Dabei schäme sie sich gar nicht für ihn. Am Mittwoch hat sie mit Thierse telefoniert. Esken sagte hinterher: „Wolfgang Thierse ist für uns ohne Zweifel ein verdienstvoller Sozialdemokrat, und nichts läge mir ferner, als mich von ihm zu distanzieren.“

In der SPD ist man nicht amüsiert über den Streit. Nur wenige wollen sich offiziell äußern, bei vielen heißt es: Kein Kommentar. Über Personalstreit äußert man sich nicht so gern, schon gar nicht im Landtags- und bevorstehenden Bundestagswahlkampf. Insbesondere die baden-württembergische Landesgruppe im Bundestag, zu der auch Esken gehört, hält den Ball flach.

Auch Katzmarek hält den Streit für einen Sturm im Wasserglas. „Das Ganze ist unglücklich und etwas hochgepusht. Es hat die Aufregung nicht verdient“, sagt sie dem BT: „Die Drei (Esken, Kühnert und Thierse) sollen sich an einen Tisch setzen und das Thema besprechen“, meint sie. Thierse sei nicht homophob, sondern „er hat sich um die SPD verdient gemacht. Er ist ein integrer Mensch, war und ist wichtig für die Sozialdemokratie“. Manche hätten vielleicht ein Interesse daran, das Thema eskalieren zu lassen, aber es spiegele kein grundsätzliches Parteiproblem wider. „Einen Parteiaustritt Thierses würde ich für dramatisch halten, denn dafür gibt es keinen Grund“, so Katzmarek. So ein Streit sei nicht öffentlich auszutragen, ärgert sie sich, „so etwas braucht kein Mensch“. Sie empfiehlt Esken, Kühnert und Thierse, ein gemeinsames Foto in die Welt zu schicken, damit die Sache auch nach außen hin bereinigt ist.

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Erstellt:
6. März 2021, 14:00 Uhr
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ca. 2min 56sec

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