Streit unter Nachbarn: Wenn das Grundstück plötzlich zur „Badewanne“ wird

Rastatt (ema) – Ein Nachbarschaftsstreit im Ried wirft exemplarisch ein Schlaglicht auf die Frage, wie städtebaulich in Zeiten des Klimawandels und der Zunahme starker Regengüsse reagiert wird.

Blick vom versiegelten Parkplatz auf den 1,50 Meter tiefer gelegenen Garten: Die Hauseigentümer fürchten, dass von zwei Seiten das Wasser vom aufgeschütteten Gelände auf das Grundstück und ins Haus dringen kann. Foto: Egbert Mauderer

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Blick vom versiegelten Parkplatz auf den 1,50 Meter tiefer gelegenen Garten: Die Hauseigentümer fürchten, dass von zwei Seiten das Wasser vom aufgeschütteten Gelände auf das Grundstück und ins Haus dringen kann. Foto: Egbert Mauderer

Wenn Sabine Wörle in ihrem Garten zwischen Felchenstraße und An der Untereich steht, kann es sein, dass ihr in Kopfhöhe Autoabgase von einem angrenzenden Parkplatz entgegen blasen. Das ist jedoch noch ihre geringste Sorge: Im Zuge von Neubauten auf ehemaligen Grünflächen neben ihrem Haus liegt das eigene Grundstück plötzlich anderthalb Meter unter dem Niveau der Nachbarbebauung. Auf der einen Seite hat ein Häuslebauer in den vergangenen zwei Jahren sein Grundstück so hoch aufgeschüttet, dass sich die Wörles plötzlich in der Versenkung wiederfinden. Auf der anderen Seite im rückwärtigen Bereich des Gartens zog ein anderer Angrenzer nach – mit der Aufschüttung und gleichzeitigen Schaffung eines versiegelten Parkplatzes, um weiter eine Zufahrt zu gewährleisten.

Dass die ehemalige Grün-Idylle einer Wohnbebauung weicht, dafür hat Sabine Wörle durchaus Verständnis. Doch das Ausmaß der Geländeveränderung hat für sie und ihre Familie, die seit 27 Jahren in dem Eigenheim leben, mittlerweile einen gefährlichen Charakter angenommen. Sie fürchten, dass bei Unwetter das Wasser von den beiden rund 1,50 Meter höheren Nachbarflächen einen direkten Weg auf ihr Grundstück findet. „Das Regenwasser läuft wie in eine Badewanne und dann in den Keller“, so die Befürchtung. Einen Vorgeschmack bekam die Familie beim Starkregen am 26. Juli, der in Wintersdorf zwar relativ kurz, aber intensiv niederging.

Verfahren beim Landgericht

Der Fall ist mittlerweile sowohl beim Landgericht Baden-Baden als auch bei der Stadtverwaltung anhängig. Wörles Rechtsanwalt Klaus-Eckhard Walker spricht von einer „grundstücksüberschreitenden Geländeveränderung“, die so nicht genehmigungsfähig sei. Signale aus dem Rathaus lassen aus Sicht des Rechtsvertreters vermuten, dass die Bauherren für die Geländeaufschüttung eigens eine Genehmigung hätten einholen müssen. Dazu läuft jetzt eine Anhörung an. Und das Landgericht hat das Verfahren mit der Klage zur Beseitigung der Aufschüttung erst mal ausgesetzt, bis die Stadt Rastatt im öffentlich-rechtlichen Verfahren entschieden hat.

Die Kläger sehen die Entwicklung in ihrer Nachbarschaft als weiteren Beleg, wie der Flächenversiegelung Vorschub geleistet wird – und das im Zeichen der Überschwemmungskatastrophe von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Der Hang zu Schottergärten sei eine weitere Entwicklung, mit der Warnungen vor den klimaschädlichen Folgen in den Wind geschlagen würden. Experten kritisieren, dass große Oberflächen Wärme speichern und sie wieder abgeben. Wasser kann weniger versickern, verdunstet und heizt die lokale Atmosphäre auf.

Im Rastatter Rathaus gibt man sich durchaus sensibel bei dem Thema. „Flächenversiegelungen sind noch nie gut gewesen“, stellt Markus Reck-Kehl, Fachbereichsleiter Stadt- und Grünplanung, fest: „Wenn wir als Gesellschaft bereit sind, in Neubaugebieten nicht bis auf den letzten Quadratmeter Gebäude zu bauen und stattdessen öffentliche Grünbereiche sichern, dann haben wir nicht nur Fläche, um ordentliche Bäume zu pflanzen, sondern auch die Möglichkeit, durch moderate Absenkung der Fläche, zum Beispiel um 35 Zentimeter, ein ordentliches Rückhaltevolumen zu schaffen.“ Beispiele, um in der Bauleitplanung gegenzusteuern, seien Festsetzungen bei der Grundflächenzahl, die das Verhältnis von bebaut zu unbebaut aufzeigt, so Reck-Kehl. In neueren Bebauungsplänen werde etwa die Zahl der Grundstückszufahrten begrenzt.

Unversiegelte Flächen sind nach Einschätzung des Fachbereichsleiters jedoch „kein Allheilmittel“, um sich vor Folgen des Starkregens zu schützen. Schon wenn es eine Woche lang mäßig geregnet habe und dann ein Starkregenereignis komme, nehme auch der unversiegelte Boden keinen Tropfen mehr auf, gibt er zu bedenken.

Der städtische Kundenbereichsleiter Wasserwirtschaft, Tibor Sindek, ergänzt: Auch sommerlich ausgetrocknete Böden seien nicht in der Lage, bei Starkregen nennenswerte Wassermengen aufzunehmen und zu speichern.

Zum konkreten Nachbarschaftsstreit in Wintersdorf will sich die Verwaltung wegen des laufenden Verfahrens und aus Datenschutzgründen nicht äußern. Allerdings, so gibt Sindek zu erkennen, habe jeder Grundstückseigentümer dafür Sorge zu tragen, dass von seinem Grundstück kein Wasser auf andere Grundstücke abfließt.


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