Studenten helfen im Loffenauer Rathaus

Loffenau (ham) – Neun junge Leute leben drei Monate in Loffenau und helfen der Kämmerei bei der Haushaltsumstellung.

Den Wert des Brunnens in Loffenau haben die Studenten aus Ludwigsburg noch nicht taxiert. Ihr Professor Wolfgang Rieth (Dritter von rechts) schätzt jedoch, dass dafür ein fünfstelliger Betrag in die Vermögensrechnung einfließt. Foto: Metz

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Den Wert des Brunnens in Loffenau haben die Studenten aus Ludwigsburg noch nicht taxiert. Ihr Professor Wolfgang Rieth (Dritter von rechts) schätzt jedoch, dass dafür ein fünfstelliger Betrag in die Vermögensrechnung einfließt. Foto: Metz

Jahrzehntelang bewährte Kameralistik oder Neues Kommunales Haushalts- und Rechnungswesen (NKHR)? Für Professor Wolfgang Rieth ist dies mittlerweile ein Streit um Kaisers Bart. „Die Frage, ob die Umstellung Sinn macht, ist entschieden und muss man jetzt nicht mehr diskutieren“, findet der 60-Jährige und zeigt sich „nicht überzeugt, dass sich die Finanzen dadurch wesentlich umgestalten“. Klar ist dem Experten von der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg nur eins mit Blick auf die künftigen Haushalte der Kommunen: „Es wird nicht billiger und es regnet auch kein Manna vom Himmel!“

Wie schwer sich die Kommunen in Baden-Württemberg damit tun, zeigt sich daran, dass bereits anno 2000 das erste NKHR-Projekt angeschoben wurde. Die Studenten von Rieth befassten sich seitdem landauf, landab von Sindelfingen über Freudenstadt bis Sinsheim in fast 30 Projekten mit der Umstellung des Haushaltsrechts auf die vermeintlich generationengerechtere Bewertung durch Abschreibungen und Ersatz des Vermögens. Dass manche Gemeinde in Verzug kommen dürfte, ahnt der Professor: „Viele haben noch keine Eröffnungsbilanz.“

Um dieses Manko zu beseitigen, hat die kleine Verwaltung in Loffenau die Chance am Schopf gepackt und ging das Projekt mit Rieths Schützlingen ein. „Meine Studenten profitieren durch die Praxis. Wir sind Loffenau dankbar für die Möglichkeit. Das ist für beide Seiten eine Win-win-Situation“, findet der Böblinger und hofft zudem, dass sich die Frauen künftig etwas mehr für die trockene Zahlenmaterie in der Kämmerei interessieren – so wie Daniela Tamba. „Uns fehlt für die Umstellung die Man Power“, unterstreicht die umtriebige Kämmerin der kleinen Gemeinde und freut sich, dass sie nun zwar auch einige Mehrarbeit mit der Betreuung der Studenten hat – die aber wiederum drei Monate lang jeweils 41 Stunden in Loffenau dafür schuften, möglichst eine komplette Eröffnungsbilanz bis Ende Oktober zu erstellen.

Wo Wanderherzen höher schlagen

Die überwiegend 20-jährigen Praktikanten arbeiten tagsüber im Sitzungssaal des Rathauses. „Der wurde extra für uns zum Großraumbüro umfunktioniert, sodass die Regeln auch innerhalb unseres Projektteams eingehalten werden können“, berichten Selina Blum, Helena Zegowitz und Janina Nölke. Unter der Woche wohnen alle bis auf eine Ausnahme in dem beschaulichen Örtchen. Ja, manch einer lebt sogar an den Wochenenden bei den durchweg „freundlichen und hilfsbereiten“ Gastgebern, in einer WG oder einer Pension in Loffenau, erzählt Lisa Lichtfuß. „Mir gefällt es sehr gut. Hier ist es schön ruhig, ganz anders als zu Hause“, äußert Annalena Weiß aus Freiberg am Neckar.

Mathias Bialek gerät regelrecht ins Schwärmen: „Ist das schön hier, habe ich mir bei der ersten Ortsdurchfahrt durch Loffenau gedacht. Das malerische Dorf hat sich die Auszeichnungen in den Landeswettbewerben redlich verdient. Ferner lässt die Lage von Loffenau Wanderherzen höherschlagen“, beabsichtigt der 30-Jährige manchen Spaziergang nach Feierabend genauso wie Emelie Maier. „Das Dorf ist sehr ruhig und vermittelt ein schönes Ortsbild mit den vielen Fachwerkhäusern“, findet die Giengenerin.

Mittlerweile haben die neun Praktikanten nach der Vorstellung im Gemeinderat damit begonnen, den Bestand der einzelnen Vermögensgegenstände aufzunehmen. Die Bewertung der Grundstücke, Gebäude und Straßen ist dabei eine der Herkules-Aufgaben. „Nachdem wir uns einen ersten Überblick verschafft haben, gehen wir davon aus, dass der Wald einen großen Teil des Gemeindevermögens ausmachen wird“, ist sich Marius Seitz mit Kommilitone Christian Muntz einig. Der Forst umfasst schließlich den Löwenanteil mit 1 334 der 1 706 Hektar Gemeindefläche. „Aktuell ist es noch schwierig, eine Wasserstandsmeldung abzugeben“, gesteht Seitz und zeigt sich jedoch „optimistisch, dass wir unser Ziel, das gesamte Vermögen zu bewerten, erreichen können“.

Ein Ziel hat Rieth bereits erreicht mit dem Praxis-Semester: Das „Teamwork“ funktioniert. Die neun Studenten schätzen die Arbeit in Loffenau – und vielleicht begeistert sich ja einer nach dem Studium für einen Job in dem als so malerisch empfundenen Dorf.

Stichwort: Doppik

Das Neue Kommunale Haushalts- und Rechnungswesen ist in Fachkreisen auch als „Doppik“ bekannt. Darunter versteht man die „doppelte Buchführung in Konten“. Dieser Buchführungsstil wird als kaufmännische Rechnungslegung in der freien Wirtschaft angewendet. Kern der Doppik ist die doppelte Buchung sämtlicher Geschäftsvorgänge auf zwei Konten („Soll“ und „Haben“). Dadurch werden, anders als bei der bisher in Gemeinden üblichen kameralistischen Buchführung, weitere Vorgänge zusätzlich einbezogen: Dies sind neben Zahlungseingängen und Zahlungsausgängen auch Schulden, Güter und Außenstände. Ziel ist dabei, alle Geschäftsvorfälle zeitnah und umfassend so zu dokumentieren, dass automatisch ein Überblick über Gewinn oder Verlust sowie über Vermögens- und Verbindlichkeitsstand entsteht. (red/Quelle: Ruhr-Universität Bochum )


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