Studiengang Musikjournalismus seit 25 Jahren in Karlsruhe

Karlsruhe (sr) – Radio, Fernsehen, Internet – Musikkritiker und Musikmoderatoren lernen ihr multimediales Handwerk in den topmodernen Studios der Karlsruher Musikhochschule.

Die Studios im 2012 eröffneten  Karlsruher Multimediakomplex MUT neben dem Schloss Gottesaue sind technisch hervorragend ausgestattet. Foto: Institut für Musikjournalismus

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Die Studios im 2012 eröffneten Karlsruher Multimediakomplex MUT neben dem Schloss Gottesaue sind technisch hervorragend ausgestattet. Foto: Institut für Musikjournalismus

Der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick war berühmt und berüchtigt. Seinen Zeitgenossen Richard Wagner hat Hanslick so sehr mit seinen Verrissen geärgert, dass der ihm in der Figur des Beckmesser in seiner Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ ein unangenehmes Denkmal gesetzt hat. Daraus entwickelte sich sogar das Wort „beckmesserisch“ für einen allzu kleinlichen Kritiker. Das dürfte aber Welten entfernt sein von den jungen Leuten, die heute am Karlsruher Institut für Musikjournalismus in Radio, TV und Internet diesen Beruf akademisch erlernen – crossmedial und technisch mit höchster Raffinesse.

Seit 25 Jahren gibt es diesen Studiengang jetzt in Karlsruhe, der aus dem „Lernradio“ hervorgegangen ist und Journalisten hervorgebracht hat, die heute vielfach in den Funkhäusern für das Musikprogramm Verantwortung tragen. „Wir achten in der Ausbildung auf die Ausgewogenheit von Klassik und populärer Musik“, erklärt Jürgen Christ, der selbst schon seit fast 25 Jahren das Institut leitet und Prorektor der Karlsruher Hochschule für Musik ist.

Hohe Technikaffinität wird verlangt

Von den angehenden Journalisten wird viel verlangt: Sie sollen ein solides musikalisches Fundament mitbringen, wozu auch das Studium eines Instruments oder Gesang im Rahmen dieser Ausbildung gehört. Dazu ist eine hohe Technikaffinität erforderlich, und dann sollen sie auch noch souverän moderieren können. Es gibt neben Karlsruhe in Dortmund und in München die Möglichkeit, Musikjournalismus zu studieren, aber dort sind laut Jürgen Christ die technischen Möglichkeiten „nicht annähernd“ so gut ausgebaut wie in Karlsruhe.

Das Institut ist 2012 aus einer Baracke in den neu gebauten Multimediakomplex MUT auf dem Campus beim Karlsruher Schloss Gottesaue umgezogen und bietet den Studierenden dort ideale professionelle Bedingungen, um in mehreren Hörfunk- und Fernsehstudios Erfahrung zu sammeln. Das Webradio „Junger Kulturkanal“ wird von den Studierenden selbst gestaltet und sendet an Werktagen von 7 bis 21 Uhr. Dazu nehmen sie viele Veranstaltungen der Musikhochschule zum Anlass für Filmberichte, kürzlich etwa den Besuch und die „Karlsruher Rede“ von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble.

Nur wenige Studierende werden aufgenommen

„Die Studierenden werden oft schon während des Studiums mit festen Verträgen an die verschiedenen Sender gebunden“, berichtet Jürgen Christ, der selbst als Musikredakteur gearbeitet hat und unter anderem Programmdirektor beim Klassik Radio war. Der Studiengang sei kein Selbstläufer, sagt er weiter, weil er hohe Anforderungen an die Absolventen stellt. Bis zu sechs Studierende werden zum jeweiligen Wintersemester im Masterstudium aufgenommen, bis zu zehn im Bachelor-Studiengang. Es gibt eine Aufnahmeprüfung, in der „wir uns die Leute genau anschauen und mehr über ihre Motivation, ihre Kommunikationsfähigkeit, auch über ihr Allgemeinwissen erfahren wollen“. Das Verhältnis von „Klassikern“ zu Studierenden mit vorwiegend Popmusik-Interesse sei in etwa ausgewogen, sagt Christ, wobei er Wert darauf lege, dass alle ein möglichst breites musikalisches Wissen aufbauen.

Großer Kreis von Dozenten

Sieben festangestellte Professoren und Dozenten sowie ein Kreis von 40 freien Lehrbeauftragten trainieren mit diesen kleinen Gruppen etwa das Erstellen von Texten für alle Medienbereiche, von online über Print bis zum Hörfunk. Außerdem wird der Umgang mit der Technik behandelt, da stehen dann der richtige Ton, das beste Licht, der Schnitt und die Nachbearbeitung im Mittelpunkt. Und um Musik geht es immer. Wer diese Ausbildung geschafft hat, der kann auch eine Sendung allein „fahren“.

Zum 25-jährigen Bestehen des Studiengangs haben die Studierenden ein Online-Symposium veranstaltet, in dem sie in Filmen und Interviews ihren Gedanken zum Qualitätsjournalismus nachgingen. Viele sehen ihre Zukunft im digitalen Bereich, andere wollen im Radio für ein anregendes Musikprogramm sorgen anstelle einer „Algorithmus-gesteuerten Playlist“, die den Hörer immer nur mit seinen Wunschnummern konfrontiere.

Stephan Mösch, Professor am Institut für Musiktheater der Karlsruher Hochschule und selbst namhafter Musikkritiker, umriss im Gespräch mit den Studierenden die Anforderungen an die Musikkritiker so: „Fachlich souverän, menschlich integer“. Und Nachwuchsstars wie der Pianist und Dirigent Frank Dupree, der auch in Karlsruhe studiert hat, wünschten sich Musikjournalisten, die ihre Arbeit als Dialog mit Publikum und Künstler verstünden und die Konzerte so kenntnisreich und ernsthaft begleiteten, dass man mit ihnen sogar „befreundet sein könne“. Das hätte Hanslick auch so gesehen. Er pflegte eine innige Freundschaft mit Johannes Brahms.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
9. Februar 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 08sec

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