Südwestmetall-Geschäftsführerin Koch: „Brauchen Kostenentlastungen“

Ettlingen (tas) – Die Südwestmetall-Chefin der Bezirksgruppe Oberrhein-Enz, Cornelia Koch, erklärt im BT-Interview, wie sich die Unternehmen derzeit in der Corona-Krise schlagen.

Die Geschäftsführerin der Südwestmetall-Bezirksgruppe Mittlerer Oberrhein-Enz, Cornelia Koch: „Was die Firmen wirklich brauchen, sind Kostenentlastungen.“ Foto: Tobias Symanski

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Die Geschäftsführerin der Südwestmetall-Bezirksgruppe Mittlerer Oberrhein-Enz, Cornelia Koch: „Was die Firmen wirklich brauchen, sind Kostenentlastungen.“ Foto: Tobias Symanski

BT: Frau Koch, Südwestmetall-Chef Stefan Wolf warnte jüngst vor einem massiven Stellenabbau in der Metall- und Elektroindustrie. Und der Verband der Automobilindustrie sieht auch bei mittelständischen Zulieferern einen großen Druck zum Abbau von Kapazitäten. Was kommt da auf uns zu?

Cornelia Koch: Corona wirkt wie ein Katalysator – vor allem in der Automobilindustrie. Es war ja bereits vor der Krise klar, dass die E-Mobilität starke Veränderungen bei den Herstellern und Zulieferern auslösen wird. In dieser Situation schaffen es auch nicht alle Firmen, ihre personellen Anpassungen über die reine Fluktuation hinzubekommen. Über alle Branchen der Metall- und Elektroindustrie gesehen gilt aber: Wenn ein Unternehmen erkennt, dass die Corona-Krise nur eine Delle für die Auftragslage bedeutet und es mittelfristig wieder aufwärts geht, dann tut es alles dafür, das Personal auch zu halten. Denn der Fachkräftemangel löst sich trotz der Krise nicht in Luft auf.


BT: Wenn ein Arbeitgeber in der Vergangenheit schwächelte und Beschäftigung abbauen musste, gab es für die Leute aufgrund des Mangels an Fachkräften trotzdem an anderer Stelle einen Job. Gilt diese Regel in der Corona-Krise weiterhin?

Koch: Der Arbeitsmarkt steht im Moment vor großen Herausforderungen angesichts der strukturellen Veränderungen und des schweren konjunkturellen Einbruchs. Das Thema Qualifizierung war auch in der Vergangenheit schon wichtig und wird auf jeden Fall noch mehr an Bedeutung gewinnen. Dort, wo es geht und die Nachfrage vorhanden ist, werden Unternehmen innerhalb des Betriebs diese Möglichkeit wahrnehmen. Mit dem Qualifizierungschancengesetz steht zudem ein Werkzeug zur Verfügung, auch gering Qualifizierten bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz zu ermöglichen.

„Die Innovationskraft ist enorm“

BT: Einige Industriekonzerne haben aber bereits angekündigt, auch ihre Verwaltungen zu straffen. Der Jobverlust trifft also selbst Hochqualifizierte.

Koch: Diese Entwicklung ist eigentlich seit Jahren bekannt. Und auch hier kommt man am Thema Weiterbildung nicht vorbei.

BT: Die BayernLB hat zusammen mit dem Beratungsinstitut Prognos eine Studie veröffentlicht, in der die Exportstärke des Südwestens als Klumpenrisiko beschrieben wird. Sprich: Die eigentliche Stärke der Region wird in Corona-Zeiten zu einer Schwäche. Sehen sie diese Gefahr auch?

Koch: Die Industrie im Süden ist sehr stark in den Weltmarkt verflochten. Wenn der globale Handel schwächelt, trifft es uns hier besonders hart. In guten Zeiten profitieren wir aber auch überdurchschnittlich. Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass wir gut für die Zukunft gerüstet sind. Die Innovationskraft der Unternehmen – auch gemessen am Patentaufkommen – und die getätigten Investitionen in die Zukunft sind enorm.

BT: Wie ist die Stimmung in Ihren Mitgliedsunternehmen?

Koch: Die Stimmung ist der wirtschaftlichen Lage entsprechend nicht gerade berauschend. Es gibt Firmen mit erheblichen Umsatzeinbrüchen von 40, 50 oder 60 Prozent. Nur ganz wenige können ein Plus vorweisen. Dass es in einigen Firmen jetzt wieder besser läuft, sorgt aber nicht unbedingt dafür, dass sich die Unsicherheit verflüchtigt. Denn viel von den Aufträgen ist Nachholeffekten geschuldet. Und es bleibt auch unklar, ob die Senkung der Mehrwertsteuer nur einen Einmaleffekt nach sich zieht. Und wie sich die Corona-Lage in Zukunft entwickelt, kann heute noch niemand einschätzen.

BT: Was unterscheidet die Weltfinanzkrise 2009 von den Turbulenzen rund um die Corona-Pandemie?

Koch: Der Absturz kam von einem sehr hohen Niveau, auch wenn es 2019 schon etwas ruhiger wurde. Noch 2018 standen die Gänge in den Unternehmen voll, weil so viel produziert wurde. Was in der aktuellen Krise noch dazu kommt, ist der digitale Transformationsprozess und in der Automobilindustrie das Thema Dekarbonisierung. Die Konfrontation der Unternehmen mit dem extremen Wandel plus Corona stellt sie vor große Belastungen – sowohl in finanzieller als auch in organisatorischer Hinsicht.

BT: Wirken die Hilfspakete der Regierung bei den Unternehmen?

Koch: Was sehr gut ankommt und auch wirkt, sind die staatlichen Maßnahmen beim Kurzarbeitergeld. Bei meiner letzten Abfrage bezüglich der Personalplanung in den Betrieben kam das Feedback, dass die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes auf die Möglichkeit, Personal langfristig halten zu können, einen positiven Effekt hat. Auch das Land Baden-Württemberg ist sehr engagiert. Die Regierung in Stuttgart hat verstanden, welche Nöte wir als Automobilland haben.

BT: Eine staatliche Kaufprämie für Verbrenner ist wohl vom Tisch. Bedauern sie das?

Koch: Nach dem vergangenen Autogipfel soll bis November geprüft werden, welche Möglichkeiten einer staatlichen Unterstützung für die Autobranche möglich sind. Bis dahin kann sich an der wirtschaftlichen Entwicklung im Land noch einiges ändern. Ich bin davon überzeugt, dass eine Lösung gefunden wird, die dieser Industrie auch helfen wird. Vor allem für die Zulieferer muss sich etwas tun.

„Vielleicht ist es einfach zu teuer?!“

BT: Bei der kommenden Tarifrunde haben die Arbeitgeber aber auch selber die Chance, etwas für sich herauszuhandeln.

Koch: Der Entgelttarifvertrag ist zum Ende des Jahres kündbar. Noch haben wir keine Beschlüsse der IG Metall erhalten. Wir sehen, was in den Medien so alles von den führenden Arbeitnehmervertretern verlautbart wird, und müssen abwarten, was am Ende konkret im Forderungskatalog steht. Die Gewerkschaft wird in den nächsten Wochen und Monaten ihre Forderungen aufstellen. Es wird wohl auch noch in diesem Jahr eine erste Gesprächsrunde geben, aber noch keine Verhandlungen. Was die Sicherung von Arbeitsplätzen angeht: Wir haben im Tarifvertrag diesbezüglich schon Instrumente, beispielsweise die tarifliche Kurzarbeit. Man kann sich nun fragen, warum das nie genutzt wird.

BT: Ja, warum denn nicht?

Koch: Vielleicht ist es einfach zu teuer?!

BT: Was wünscht sich Südwestmetall für den kommenden Tarifabschluss?

Koch: Was die Firmen wirklich brauchen – und in Zeiten von Corona ist das noch wichtiger –, sind Kostenentlastungen. Es muss leichter möglich sein, die Entlastungen zu bekommen, wenn man sie dringend benötigt.

Cornelia Koch und der Verband Südwestmetall

Die 55-jährige Cornelia Koch ist Fachanwältin für Arbeitsrecht und seit Oktober 2017 Geschäftsführerin der Bezirksgruppe Mittlerer Oberrhein-Enz (MORE) des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall sowie des Unternehmensverbandes Südwest (USW). Ihre berufliche Karriere begann sie beim damaligen Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg in Mannheim als juristische Referentin. 2008 wechselte sie zum Walldorfer Softwarekonzern SAP, wo sie zunächst den Bereich Arbeits- und Sozialrecht leitete und dann als Compliance Officer für mehrere Länder und Themen zuständig war.

Koch ist Mutter einer erwachsenen Tochter. Ihr Arbeitgeber, der Verband Südwestmetall, vertritt in Baden-Württemberg die Interessen von rund 680 Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie und zeichnet dabei auch für die Tarifverhandlungen mit der IG Metall verantwortlich. Das Gesicht des Verbands ist Vorsitzender Stefan Wolf (59), der Geschäftsführer des Automobilzulieferers Elring-Klinger mit Sitz in Dettingen an der Erms. Jüngst wurde bekannt, dass Wolf Ende November an die Spitze des Gesamtmetall-Verbandes mit Sitz in Berlin rücken wird.

Südwestmetall ist in 13 regionale Gruppen unterteilt, die Bezirksgruppe Mittlerer Oberrhein-Enz mit Sitz in Ettlingen ist eine von ihnen. Das Einzugsgebiet umfasst die Stadtkreise Karlsruhe, Baden-Baden und Pforzheim sowie die Landkreise Karlsruhe, Rastatt und den Enzkreis. In der Bezirksgruppe MORE betreut Koch aktuell 75 Unternehmen, die Mehrzahl hat weniger als 200 Beschäftigte. Rund 70 Prozent der Betriebe kommen aus den Bereichen Maschinen- oder Fahrzeugbau sowie Elektrotechnik.

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Erstellt:
1. Oktober 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 36sec

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