Südwestmetall schlägt Alarm

Ettlingen/Baden-Baden (tas) – Die Metall- und Elektroindustrie hadert mit dem Lohnniveau am Standort Deutschland – und will die laufende Tarifrunde zu Kostensenkungen nutzen.

Ein Mitarbeiter des Maschinenbauers Dürr programmiert einen Roboter: Metallverarbeitung und Elektrofertigung sind Schlüsselindustrien im Südwesten.Foto: Marijan Murat/dpa

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Ein Mitarbeiter des Maschinenbauers Dürr programmiert einen Roboter: Metallverarbeitung und Elektrofertigung sind Schlüsselindustrien im Südwesten.Foto: Marijan Murat/dpa

Die Stimmung in der Metall- und Elektroindustrie (M+E) ist angespannt. Denn die Corona-Pandemie wirkt auch in der baden-württembergischen Schlüsselbranche wie ein Brennglas. „Ich habe vor Kurzem mit einem Maschinenbauunternehmen telefoniert, das im vergangenen Jahr nicht eine einzige Maschine verkauft hat“, sagt Cornelia Koch, die Geschäftsführerin der Bezirksgruppe Mittlerer Oberrhein-Enz von Südwestmetall.
Am Freitag schlug der Verband bei einer Video-Pressekonferenz Alarm. „Unsere Branche befindet sich seit Mitte 2018 in einer Abschwungphase und seit 2019 in der Rezession. Die Corona-Krise hat dann den zyklischen Abschwung im Frühjahr vergangenen Jahres dramatisch verstärkt“, sagt Koch.

Die laufende Tarifrunde wollen die Arbeitgeber nun nutzen, um Druck aus dem Kessel zu lassen. Es dürfe keine weiteren Belastungen für die Unternehmen geben, auch nicht bei den Arbeitskosten, sagt Koch. „Die Arbeitnehmer in unserer Branche haben in den zurückliegenden Jahren regelmäßig satte Lohnerhöhungen bekommen. Wer beispielsweise 2011 noch 3.000 Euro verdient hat, hat inzwischen einen Tarifverdienst von rund 4.000 Euro – und das, obwohl die Inflation und Produktivität längst nicht so stark gestiegen sind. Das Durchschnittseinkommen der M+E-Beschäftigten in Baden-Württemberg liegt inzwischen schon bei 65.000 Euro.“

„Die Kostenbremse muss jetzt her“


Die Arbeitgeber erwarten deshalb ein Entgegenkommen der Arbeitnehmerseite in der Tarifrunde. Koch: „Die Beschäftigten, Betriebsräte und die IG Metall müssen sich ihrer Verantwortung stellen und einen Beitrag leisten, damit die Branche wieder auf die Beine kommt und die zukünftigen Herausforderungen bestehen kann.“ Ähnlich beschreibt es Johannes Haupt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Blanc und Fischer Familienholding. Der Küchenausrüster mit Hauptsitz in Oberderdingen beschäftigt laut eigenen Aussagen rund 40 Prozent seiner 8.200 Mitarbeiter in Deutschland. 80 Prozent der Produkte würden aber im Ausland verkauft. „Die Kostenbremse muss jetzt her“, sagt Haupt, „ansonsten halten wir die wohlwollende Position pro Deutschland nicht mehr aus“.

Doch die Fronten scheinen derzeit mehr als verhärtet. Mitte Januar hatten sich IG Metall und Südwestmetall nach der zweiten Verhandlungsrunde ohne einen weiteren konkreten Gesprächstermin getrennt. „Wenn es nicht ganz schnell konstruktive Signale seitens der Arbeitgeber gibt, werden wir ab 2. März unsere Forderungen mit Warnstreiks untermauern“, sagt der baden-württembergische Gewerkschaftsboss Roman Zitzelsberger. Die IG Metall fordert vier Prozent mehr Geld – entweder in Form klassischer Lohnsteigerungen oder als teilweisen Ausgleich, wenn ein wirtschaftlich angeschlagener Betrieb die Arbeitszeit reduziert. Südwestmetall lehnt das ab und fordert, Anpassungen bei tariflichen Sonderleistungen, mehr Flexibilität im Flächentarif und vor allem den Verzicht auf Entgeltsteigerungen, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht ist.

„Die Pandemie ist nicht vorbei“


Das könnte bei manchen Unternehmen noch eine Zeit lang dauern. Laut einer Südwestmetall-Umfrage von Ende Januar rechnen zwei Drittel der Mitgliedsbetriebe für dieses Jahr nicht mit der Rückkehr zum Niveau vor der Branchenkrise. Auch die Umsatzerwartungen sind verhalten. Im Schnitt erwarten die Firmen für 2021 ein Plus von 3,3 Prozent. „Derzeit befindet sich die Branche auf dem Weg des Auf- und Nachholens“, sagt Koch. „Die Strecke zurück zum Vorkrisenniveau von 2018 ist aber weit. Denn dafür müsste unsere Industrie in diesem Jahr rund 20 Prozent wachsen. Das schaffen vielleicht einzelne Firmen. Für die gesamte Industrie erwarten das aber nicht einmal Optimisten.“

Einen Hinweis darauf, dass die Kapazitäten noch nicht ausgelastet sind, lieferte zuletzt auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Für 2020 bilanziert er einen Rückgang bei den Bestellungen von real elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dies sei der stärkste Dämpfer seit der Finanzkrise 2008/2009 gewesen. „Die Erholung, die im Herbst 2020 begonnen hat, setzt sich fort, aber sie steht unverändert auf wenig festem Grund. Die Pandemie ist nicht vorbei“, sagt VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers.

Ihr Autor

BT-Redakteur Tobias Symanski

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Erstellt:
12. Februar 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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