TSV Loffenau installiert Analysesystem

Loffenau (rap) – Stummer, aber weitsichtiger Neuzugang: Fußball-Landesligist TSV Loffenau betritt mit dem „Coaching Eye“ Neuland in Sachen Taktik- und Spielanalyse.

TSV-Trainer Sven Huber installiert die Kamera am Flutlichtmast, während Ralf Merkle, Achim Grimm und Robin Seeger (von rechts) ihm über die Schulter schauen. Foto: Frank Vetter

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TSV-Trainer Sven Huber installiert die Kamera am Flutlichtmast, während Ralf Merkle, Achim Grimm und Robin Seeger (von rechts) ihm über die Schulter schauen. Foto: Frank Vetter

Der Neuzugang beim TSV Loffenau ist weder so schnell wie Bayerns Roadrunner Alphonso Davies, schon gar nicht so trick- und fintenreich wie BVB-Juwel Jadon Sancho. Auch die Torgefahr eines Robert Lewandowski geht ihm völlig ab. Dafür glänzt er mit einer Spielübersicht wie früher nur Zinedine Zidane. Während „Zizou“ aber mit seinem Temperament auf dem Platz stets zwischen Genie und Wahnsinn pendelte, dürfte sich die TSV-Verstärkung schnell zum Liebling von Coach Sven Huber entwickeln. Widerspricht er dem Trainerneuling doch nicht, hat gar eine Ausdauer von mehreren Stunden zu bieten und deckt die Unzulänglichkeiten beim Gegner schonungslos auf.

Einziger Schönheitsfehler: Er ist, nun ja, nicht gerade kommunikativ und hängt in 15 Metern Höhe an einem Flutlichtmast. Die Rede ist vom „Coaching Eye“, einem Videoanalysesystem, das der Landesligist seit Anfang Juli nun nutzt. Entwickelt wurde die Technik von Michael Kadel, badischer U-15-Auswahltrainer, der einige Jahre daran tüftelte, bis er sich das System patentieren ließ und nun beachtliche Erfolge damit feiert. So nutzen mittlerweile die Bundesligisten SC Freiburg, Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt und der VfL Wolfsburg das „Coaching Eye“ – und jetzt eben auch die Murgtäler vom TSV Loffenau.

„Ich bin sehr froh, mit dem System arbeiten zu können“, sagt Huber. „Es gibt uns die Möglichkeit, viel im taktischen Bereich zu analysieren. Durch die Vogelperspektive haben wir den gesamten Platz im Blick und können so das Training aufnehmen, an Spielzügen feilen oder Bewegungsabläufe einzelner Spieler 90 Minuten kontrollieren und sie optimieren. Ein Kurzvideo ist wohl effektiver als zehn Traineranweisungen, da der Spieler das Visuelle besser versteht.“

Merkle: „Lernprozess für Trainer und Spieler“

Den Loffenauer Taktikfüchsen um Huber und seinen Co-Trainer Robin Seeger sind nun keine Grenzen mehr gesetzt. „Es wird aber ein Lernprozess für die Trainer und Spieler sein. Wir betreten mit dem System Neuland“, sagt Ralf Merkle, der zusammen mit anderen Spielern der Landesligatruppe federführend für das Projekt gewesen ist. „Es war ein Teil von einem Ideenprozess, der von der Mannschaft herauskam. In der vergangenen Saison hatten wir das eine oder andere Defizit im taktischen Bereich, da wollten wir uns verbessern. So kam schließlich die Idee auf, in die Videoanalyse zu investieren“, erläutert Merkle.

In 15 Metern Höhe hat das „Coaching Eye“ den kompletten Loffenauer Fußballplatz im Blick. Foto: Frank Vetter

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In 15 Metern Höhe hat das „Coaching Eye“ den kompletten Loffenauer Fußballplatz im Blick. Foto: Frank Vetter

Also wurde die Suchmaschine angeworfen, im Internet fleißig recherchiert, bis Merkle eben auf das „Coaching Eye“ stieß, Kadel kontaktierte und es schließlich den TSV-Verantwortlichen schmackhaft machte. „Als Ralf und die Mannschaft mit der Idee zu mir kamen, habe ich, was die Finanzierung angeht, erstmal etwas gebremst. Gerade in der jetzigen Phase, wenn keine Einnahmen da sind“, sagt TSV-Vorsitzender Achim Grimm. Also machte sich der Verein auf die Suche nach einem Sponsor – und wurde fündig. „Unser Partner ETS Solutions hat die Anschaffung und die Kosten von rund 1 600 Euro übernommen“, verrät Grimm. Rund vier Wochen, nachdem Merkle das Projekt Videoanalyse gestartet hatte, hing am 4. Juli letztlich der stumme, aber weitsichtige Neuzugang am Loffenauer Flutlichtmast. Zwei Stunden kraxelte Kadel auf dem Masten herum, installierte das Liftsystem für das „Coaching Eye“. „Mir wurde allein vom Anblick schon schwindelig. Zum Glück hat er da oben keine Hilfe benötigt“, sagt Merkle und lacht. Den größten Vorteil in dem System sieht der aktive Spieler in der Vogelperspektive und der festen Installation, da das „Coaching Eye“ durch das Liftsystem vor jedem Training oder Spiel nach oben gezogen werden kann und dort in eine Vorrichtung einrastet.

Auch Halbzeitanalyse durchaus vorstellbar

„Dadurch gibt es keine Schwenkbewegungen, bei denen man wichtige Spielsituationen verpassen könnte“, nennt der TSV-Spieler den wohl wichtigsten Unterschied zu einem anderen System, das etwa „Sporttotal“ verwendet. Zudem brauche man „auch keinen weiteren Kameramann“. Auch punkteten der schnelle, unkomplizierte Aufbau und die ganzen Taktik-Tools, die man auf iPad und Smartphone abspielen oder auf einen Beamer projizieren kann, bei den TSV-Verantwortlichen.

Nahaufnahme vom „Coaching Eye“. Foto: Frank Vetter

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Nahaufnahme vom „Coaching Eye“. Foto: Frank Vetter

Neben dem Trainingsbetrieb sollen in Zukunft auch die Landesligaspiele gefilmt und analysiert werden – im Idealfall bereits in der Halbzeitpause. „Das kann man definitiv machen. Da müssen Robin und ich uns zusammensetzen und schauen, wie das umsetzbar ist. Im Endeffekt könnte er von außen auf dem iPad während der Partie schon Spielszenen zusammenfassen und -schneiden, die wir in der Halbzeitpause dann den Jungs zeigen“, sagt TSV-Coach Huber. „Durch die Highlightfunktion kann ich wichtige Spielsituation markieren und muss nicht lange suchen“, ergänzt Seeger. „Das wäre dann schon extrem professionell, aber absolut denkbar“, findet Huber.

Auch ist laut Merkle ein kleines Taktikzimmer in Planung. Natürlich findet das System auch im Jugendbereich Anwendung. „Es ist in Mittelbaden derzeit ein Alleinstellungsmerkmal und soll den Verein für die Zukunft noch attraktiver machen“, sagt Grimm.

Erst der Kunstrasenplatz vor einigen Jahren, dann die Umrüstung der Flutlichtanlage auf LED-Licht, jetzt das Videoanalysesystem. Haben die TSV-Kicker überhaupt Entschuldigungen für mögliche Gegentreffer? „Es gibt gar keine Entschuldigungen mehr“, sagt Huber und lacht. Fehlt also nur noch ein Tempodribbler à la Sancho und ein eiskalter Vollstrecker der Marke Lewandowski.

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Erstellt:
14. Juli 2020, 20:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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