Tafel-Mitbegründer Lorenz Hettel geht in Ruhestand

Baden-Baden (hol) – Erst viel Herzblut, jetzt weitgehend stressfrei: Lorenz Hettel, der Mitbegründer und langjährige Leiter der Baden-Badener Tafel, geht in den Ruhestand.

Glühender Fan der Geißböcke: Die Passion von Lorenz Hettel für den 1. FC Köln ist sogar mitten im Tafelladen sichtbar. Foto: Harald Holzmann

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Glühender Fan der Geißböcke: Die Passion von Lorenz Hettel für den 1. FC Köln ist sogar mitten im Tafelladen sichtbar. Foto: Harald Holzmann

„Zero Stress“ ist im Ruhestand wichtig, sagt Lorenz Hettel. Kein Wunder, schließlich hatte der 64-Jährige vor allem zuletzt alles andere als einen ruhigen Job. 2008 hat der gelernte Einzelhandelskaufmann zusammen mit dem Caritasverband die Baden-Badener Tafel aufgebaut und diese dann mit viel Herzblut und nimmermüdem Einsatz geleitet. An diesem Freitag geht er in Ruhestand.
„Zero Stress“, das ist aber nicht etwa nur das Motto fürs Hettelsche Rentnerleben. Nein, denn genau so heißt auch ein Rennpferd, das in Düsseldorf in einem Stall steht und an dem der scheidende Tafel-Chef kürzlich Anteile erworben hat. Womit wir schon bei einem der Hobbys wären, die Hettel bewegen. Kurz fragt er sich im Gespräch, wie das wohl ankommt bei den Leuten: zuerst sich in der Tafel sozial engagieren, dann Mitbesitzer eines Rennpferdes werden. Aber dann wischt er die Bedenken weg. Ihm sei es wichtig, authentisch zu bleiben sagt er. Und er freue sich schon darauf, „seinen“ Galopper im Sommer beim Rennen um die Goldene Peitsche in Iffezheim anzufeuern. Was er macht, das macht er eben mit ganzer Hingabe.

Das gilt auch für seine Arbeit bei der Tafel. Tolle Erfahrungen seien es gewesen, die er da im Cäcilienberg gemacht habe, erzählt er, die nehme er in seinem Herzen mit in den Ruhestand. „Wir waren die erste und zunächst bundesweit einzige Tafel, die Kaufleute ausgebildet hat“, sagt Hettel und bedauert, dass sein Arbeitgeber das Projekt nicht fortführt. Ins Schwärmen gerät er auch, wenn er von Praktika erzählt, bei denen junge Bewohner des Kinder- und Jugendheims bei der Tafel ihre ersten Berufserfahrungen machen durften.

Auch der Kontakt zu den ehrenamtlichen Helfern habe ihm viel gegeben. „Am 7. Juli 2008 haben wir mit 66 Leuten angefangen. Heute sind wir 90 Aktive, 18 von Anfang an mit von der Partie – darunter ein 90-Jähriger. Ist das nicht klasse?“ Das Ehrenamt werde von der Politik viel zu wenig wertgeschätzt, meint er denn auch. „Ich bekomme Abschiedsbriefe aus meinem Team – die gehen echt zu Herzen“, sagt Hettel. Dann stockt ihm die Stimme, er dreht sich weg und muss ein paar Tränen wegwischen.

Und die Kunden? 400 Baden-Badener haben die Berechtigung, bei der Tafel vergünstigt Ware einzukaufen. „110 bis 120 Stammgäste haben wir“, sagt Hettel. „Von vielen kenne ich die Lebensgeschichte. Da sind ganz tragische Schicksale dabei.“ Vielen von ihnen ganz praktisch weitergeholfen zu haben, das erfülle ihn mit Zufriedenheit, sagt er. „Erfolg misst sich bei der Tafel ja sowieso anders als sonst in meinem Job.“

„Als Lehrling war ich manchmal unmöglich“

Dass er mal Erfolg als Einzelhandelskaufmann haben würde, das war dem jungen Lorenz Hettel nicht unbedingt ins Stammbuch geschrieben. Nach der Lehre wurde er mit 21 Jahren Filialleiter eines Discounters in seinem Heimatort Bietigheim. „Ich weiß auch nicht, wieso. Ich war ein Rocker, hatte lange Haare. Als Lehrling war ich manchmal unmöglich“, sagt er rückblickend und lacht. „Aber mein Chef hat wohl irgendwas in mir gesehen.“ Der junge Hettel kämpfte sich durch, wurde Bezirksleiter, arbeitete in einem Kaufhaus in Karlsruhe und schließlich bei Edeka in Bruchhausen. Dann rief eines Tages die Arbeitsagentur an. In Baden-Baden werde der Leiter für die Tafel gesucht hieß es. Da er sich beim Umgang mit Langzeitarbeitslosen und „schwierigen Leuten“ beim Amt einen Namen gemacht hatte, kam man auf ihn. „Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, was eine Tafel ist“, erzählt er.

Das änderte sich nach dem Vorstellungsgespräch. „Ich wollte diesen Job unbedingt.“ Er sei dafür sogar wieder in die Kirche eingetreten, weil eine Beschäftigung beim Caritasverband sonst nicht möglich gewesen wäre. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt er heute. „Und ich hoffe, mein Arbeitgeber sieht das auch so. Auch wenn ich in den zurückliegenden Jahren sicher vielen auf den Wecker gegangen bin.“ Denn keine Frage: Hettel ist ein Typ mit Ecken und Kanten. „Aber warum sollte es nicht auch Leute geben, die sagen, was sie denken?“, fragt er. „Diese Typen sterben aus.“

Beim Caritasverband Baden-Baden gibt es jedenfalls künftig einen Menschen von dieser Sorte weniger. Denn Hettel, der seit über 40 Jahren mit seiner Frau in Durmersheim lebt, wird jetzt den Ruhestand genießen und den Passionen frönen, die in den Tafel-Jahren zu kurz kamen: Pferderennen, Konzertbesuchen – der 64-Jährige ist glühender Verehrer der englischen Rockband „Archive“ – und dem Fußball. Seine Leidenschaft: der 1. FC Köln. Wieso ein Badener so für die Geißböcke schwärmt? „Keine Ahnung“, sagt er. „Das war schon immer so.“ Wahrscheinlich, weil es um ihn herum so viele KSC-Fans gab und er schon immer gegen den Strich gebürstet war...

Und die Tafel? Wird er im Ruhestand dort hinter der Theke stehen als Ehrenamtlicher? „Nein“, sagt er und lacht. „Sicher nicht. Jetzt ist was andere an der Reihe“, meint er. „Zero Stress“ eben.

Ihr Autor

BT-Redakteur Harald Holzmann

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Erstellt:
13. Januar 2022, 16:30 Uhr
Lesedauer:
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