Tafelladen in Baden-Baden nimmt keine neuen Kunden mehr

Baden-Baden (sga) – Aufnahmestopp im Tafelladen: In Baden-Baden können keine Neukunden mehr angenommen werden, weil zu viele Menschen Hilfe brauchen – und zu wenig Ehrenamtliche unterstützen.

Kein Ende in Sicht: Kaum hat der Tafelladen seine Türen geöffnet, wartet schon eine große Schar an Bedürftigen. Foto: Sarah Gallenberger

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Kein Ende in Sicht: Kaum hat der Tafelladen seine Türen geöffnet, wartet schon eine große Schar an Bedürftigen. Foto: Sarah Gallenberger

Die Situation wird nicht besser und die Wartezeit immer länger: Der Tafelladen in Baden-Baden kann keine Neukunden mehr aufnehmen. Eine Entscheidung, die der Leiterin Helene Schäfer „sehr weh tut“, für die es jedoch aktuell keinen Ausweg gibt. Zu viele Bürger können sich den Gang in einen normalen Supermarkt einfach nicht mehr leisten.

Das trifft auch auf eine Stadt wie Baden-Baden, die von Auswärtigen schnell eher als wohlhabend beschrieben wird, zu. „Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Fallzahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren zugenommen hat“, schätzt Matthias Voigt die Lage ein. Der Leiter des städtischen Fachgebiets Sozialplanung und Integration kann sich dabei zwar nur auf Daten von 2018 stützen, doch schon damals haben 4.741 Personen, also 8,5 Prozent der Wohnbevölkerung, in Armut gelebt.

Wie stark und nachhaltig diese Entwicklung für Baden-Baden ist, kann laut Voigt zur Zeit „nicht verlässlich“ eingeschätzt werden. „Die Armutsgefährdungsquote in Baden-Württemberg lag 2021 in etwa auf Bundesniveau“, teilt Mara Mantinger vom Statistischen Landesamt unterdessen auf Nachfrage mit. Gemessen am Landesmedian mussten 16,4 Prozent der Bevölkerung mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Landesbevölkerung auskommen. Bedeutet: Viele können sich das Leben, wie es in einer Idealwelt jedem gewährt werden könnte, nicht leisten.

440 Stammkunden

Doch warum werden die Menschen immer bedürftiger? „Innerhalb weniger Wochen sind aus unseren 120 Stammkunden insgesamt 440 geworden“, berichtet Helene Schäfer aus dem Tafelladen in Baden-Baden. Tendenz steigend. Vor allem, wenn der Preis der Lebensmittel weiterhin nach oben klettert. Bereits heute müssen Käufer, die bisher nicht auf die Unterstützung einer Tafel angewiesen sind, auf eine günstigere Alternative umsteigen.

Das Statistische Landesamt liefert als Beweis dafür in einem sogenannten Verbraucherpreisindex die Einzelhandelspreise für Baden-Württemberg und Deutschland. Gemessen an den Hauptausgaben im Lebensmittelbereich ist im April dieses Jahres bereits ein erheblicher Anstieg zum gleichen Monat des Vorjahres zu erkennen. Um nur eines der vielen Beispiele zu nennen: Butter ist um 36,1 Prozent teurer geworden. „Insgesamt sind die Preise in der Gruppe ‚Nahrungsmittel‘“, so Mantinger, „um 7,7 Prozent gestiegen“.

Kaum verwunderlich also, dass am Dienstagmittag direkt nach Öffnung der Tafel in Baden-Baden die Warteschlange sehr lang ist. Unter den Kunden: Schwangere Frauen mit Kleinkindern im Anhang, ältere Herrschaften und auch einige Ukrainer. Menschen, die das Hilfsangebot nutzen können – im Gegensatz zu denen, für die die Kapazität aktuell nicht ausreicht. Wie lange der Aufnahmestopp andauern wird, lässt sich laut Schäfer aktuell noch nicht absehen: „Wir können im Augenblick allenfalls die Aufnahme in einer Warteliste anbieten.“ Sollte es in individuellen Fällen vorkommen, dass die Einkaufskarte ihre Gültigkeit verliert – zum Beispiel durch einen Todesfall, Wegzug oder auch eine wirtschaftliche Verbesserung des Besitzers –, können die vorgemerkten Kunden dann aufgenommen werden.

Ehrenamtliche gesucht

Auf die Extremsituation reagiert der Caritasverband mit einer „Vielzahl von Maßnahmen“, um die Arbeitsabläufe vor Ort „ein wenig zu normalisieren“: Bei der Ausgabe der benötigten Ausweise seien Zeitfenster festgelegt worden, damit nicht alle synchron eintreffen. Auf diese Weise, so der Verband, seien die langen Warteschlangen im Außenbereich „deutlich eingedämmt“ worden.

Dennoch: Der Einkauf in einem Tafelladen muss organisiert werden. Das Team, zu dem eine stattliche Zahl an Ehrenamtlichen zählt, sei längst am Limit. Schäfer berichtet von einer „logistischen Herausforderung“, die auch einen körperlichen Einsatz fordert: Kartons müssen getragen, die Ware bereitgestellt und anfallender Müll beseitigt werden. Deshalb bittet Schäfer um weitere Helfer: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wären es ein paar Unterstützer, die uns an den Verkaufstagen am Vormittag bei den schweren Dingen helfen würden.“

Zum Thema

In Deutschland liegt die Armutgefährdungsschwelle aktuell bei 1.074 Euro pro Monat für einen Ein-Personen-Haushalt und bei 2.256 Euro für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zwischen 14 und 18 Jahren.Wer darf zur Tafel gehen? Arme oder von Armut bedrohte Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind oder am Existenzminimum leben sowie über eine Kundenkarte verfügen.Was wird in der Tafel angeboten? Dinge, die nicht mehr in den regulären Verkauf können. Mögliche Spender sind der Einzelhandel, Bäckereien oder Supermärkte.

Nicht nur der Arme ist arm

Armut. Ein Wort, das schon lange existiert. Eine Tatsache, die in zwei Lager teilt. Eine Ungerechtigkeit, die dem Menschen meist erst dann auffällt, wenn er selbst davon betroffen ist. Die Mehrzahl der Frauen, Männer oder Kinder, die vor dem Tafelladen in Baden-Baden auf ihren Einkauf warten, unterhalten sich miteinander. Sie machen Scherze, bringen sich auf den neuesten Stand – aber eines machen sie nicht: sich gegenseitig vergleichen. In einer Stadt wie Baden-Baden, wo der Wert der Handtasche oftmals der einzige ist, der den des eigenen Egos überschreitet, eine wirkliche Seltenheit. Denn ja, auch hier gibt es Menschen, die sich mit Müh und Not über Wasser halten. Da geht es nicht darum, ob der Preis der Bio-Banane auf dem Markt gestiegen oder die Salami im Edeldiscounter teurer geworden ist. Im Mittelpunkt stehen echte Personen: Familien, Existenzen und die Zukunft so vieler Kinder, die jede Woche brav in der prallen Sonne mit ihren Müttern und Vätern vor dem Tafelladen in Lichtental warten, um Lebensmittel einkaufen zu können. Das bedeutet nicht, dass ein „Normalverdiener“ sich nicht über die exorbitant steigenden Preise aufregen darf. Natürlich kann es auch einem vollen Geldbeutel weh tun, wenn die Butter drei Mal so viel kostet. Aber am Ende zählt doch, dass jeder Mensch am Abend vor einer Mahlzeit sitzen kann. Wer das noch nicht verstanden hat, ist selbst arm.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
18. Mai 2022, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 53sec

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