Tagelang leere Briefkästen im Murgtal

Gernsbach/Weisenbach (ama) – Eine Woche lang kein einziger Brief im Postkasten: So ergeht es derzeit Anwohnern in Gernsbach und Weisenbach.

Bei der Postverteilung läuft im Murgtal einiges schief: BT-Leser aus Gernsbach und Weisenbach beschweren sich über Probleme. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

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Bei der Postverteilung läuft im Murgtal einiges schief: BT-Leser aus Gernsbach und Weisenbach beschweren sich über Probleme. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Ein ehemaliger Post-Mitarbeiter sieht den „enormen Zeitdruck“ als einen der Gründe für die Probleme. Die Post weist das zurück. In Michael Heibergers Briefkasten herrscht in diesen Tagen gähnende Leere. Das verärgert den Bewohner der Gernsbacher Altstadt: „Die Postzustellung hier lässt sehr zu wünschen übrig“, sagt er. Seit mehreren Wochen kommen Briefe bei ihm nur schubweise an. Tagelang findet er kein einziges Kuvert im Postkasten – und dann plötzlich elf auf einmal. Dem Absende-Datum entnimmt der Gernsbacher, dass Briefe zum Teil mit zweiwöchiger Verspätung bei ihm ankommen.

Corinna Babic aus der Baccaratstraße in Gernsbach klagt über ähnliche Probleme. Seit mehr als einer Woche hat sie keinen einzigen Brief mehr bekommen. Auch wenn sie aktuell nicht auf wichtige Schreiben warte: „Es wäre mir schon wichtig, dass die Sachen ankommen“, sagt sie.

Mit ihrem Ärger sind Babic und Heiberger nicht allein: In einer Gernsbacher Facebook-Gruppe beschwerten sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Nutzer. Mit Kommentaren wie „Ich bekomme Post von zwei Straßen weiter“, „Die Geburtstagspost kommt dann mal vier Tage später“ oder „Die Post ist schon lange nicht mehr das, was sie einmal war“ machten die Leute ihrem Ärger Luft. Nutzer wiesen zudem darauf hin, dass neben der Kernstadt auch Lautenbach betroffen sei.

„Seit einem Monat hakt es bei der Zustellung“

Im Stadtteil Hilpertsau geht es laut Francesco Cazzella ebenfalls chaotisch zu. „Seit einem Monat hakt es bei der Zustellung“, betont er auf Nachfrage dieser Redaktion. Auch seine Nachbarn in der Blumenstraße und Umgebung warteten vergeblich auf ihre Post. „Nach einer Woche kommt alles auf einmal“, berichtet Cazzella. Bis zu 20 Kuverts liegen seiner Aussage dann im Briefkasten. Und wichtige berufliche Schreiben oder Briefe von der Krankenversicherung seien teilweise doppelt. Cazzella schätzt, dass manche Dokumente mehrmals abgeschickt würden, weil die Absender lange Zeit vergeblich auf eine Rückmeldung warten. Der Hilpertsauer resümiert: „Das Ganze ist einfach sehr ärgerlich.“

Neu sind die Probleme im Murgtal aber nicht. Vor gut zwei Jahren waren in Gernsbach über mehrere Wochen Briefe nicht zugestellt worden. Ende 2021 war Gaggenau betroffen. Daraufhin hieß es vonseiten der Post, dass Personalprobleme die Schwierigkeiten ausgelöst hätten. Ist das auch jetzt der Fall?

Ein ehemaliger Post-Mitarbeiter aus Gernsbach, der anonym bleiben will, vermutet verschiedene Gründe. Zum einen gibt es seiner Aussage nach eine hohe Fluktuation in der Belegschaft. Neueinsteiger würden viel zu kurz eingelernt und seien dadurch schnell überfordert. „Postbote zu sein, ist ein Stressjob“, erklärt er. „Der Zeitdruck ist enorm“. Das hänge vor allem mit den zu großen Zustellbezirken im Murgtal zusammen. Erschwerend kommt seiner Aussage hinzu, dass die Bezirke nicht fest zugeteilt sind, sondern häufig innerhalb der Belegschaft rotiert werden. Wegen mangelnder Ortskenntnis und Zeitdruck bleibe deshalb oft Post liegen. Noch prekärer werde die Lage, wenn die Mitarbeiter wegen Kündigungen oder Krankheitsfällen zusätzliche Bezirke übernehmen müssten. „Die Postboten geben ihr Bestes. Aber die Arbeitsbedingungen sind nicht gerade optimal.“

Flexibilität gefordert

Die Pressestelle der Deutschen Post teilt auf Nachfrage dieser Redaktion mit, dass die tägliche Arbeitsmenge „natürlich variiert“. Das erfordere Flexibilität bei den Zustelltouren. „Dennoch halten wir das Maß an geforderter Flexibilität gegenüber unseren Zustellern im ausgewogenen Rahmen“, betont ein Sprecher. Zugleich räumt er ein, dass es bei der Zustellung in Gernsbach, Weisenbach und zum Teil auch in Gaggenau derzeit Probleme gibt. Grund dafür sei ein „erhöhter Krankenstand“, teilt ein Sprecher mit. Hinzu komme, dass sich einige Kollegen „im wohlverdienten Osterurlaub“ befänden.

„Wir tun alles dafür, die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten“, so der Sprecher weiter. In den Murgtal-Gemeinden setze man deshalb Postboten aus benachbarten Stützpunkten und Verwaltungskräfte ein. Eine einwöchige Verspätung bei Briefen schließt der Sprecher aber aus: „Die Zustellverzögerungen betragen maximal zwei Tage.“

Um die Unannehmlichkeiten für die Kunden schnell in Griff zu bekommen, setze die Post auch darauf, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Diese würden immer nach einem festen Konzept an die Arbeit herangeführt, erklärt der Sprecher. Die Vorwürfe des ehemaligen Postboten aus Gernsbach, dass die Einlernphase zu kurz sei, weist er zurück. Erfahrene Mitarbeiter zeigten Neueinsteigern nämlich zwei bis drei Wochen lang die Touren. „Wir achten sehr auf die Einhaltung des Konzepts.“

Zuletzt habe sich die Zustellsituation bereits merklich verbessert. Doch wegen der aktuellen Krankheitsfälle „ist die Lage nach wie vor angespannt“.

66 Zusteller für 23.229 Haushalte

Vor einigen Monaten sind die Zustellbereiche Gaggenau, Gernsbach und Forbach zusammengelegt worden. Das hatte die Pressestelle der Post bereits 2021 bestätigt. Ein Mitarbeiter betonte damals gegenüber dieser Redaktion, dass sich die Arbeitsbelastung dadurch stark verschärft habe – etwa durch nicht mehr zu bewältigende Zustellbezirke und keine Bezahlung von Überstunden. In dieser Woche erneuerte die Pressestelle der Post ihre Aussage von 2021: Es gebe keinen Zusammenhang zwischen der Zusammenlegung der drei Bezirke und den derzeitigen Zustellschwierigkeiten. Dass es wegen der veränderten Situation in der Belegschaft rumore, bestreitet die Pressestelle ebenfalls. Insgesamt gibt es 43 Zustelltouren im Bereich von Gaggenau, Gernsbach und Forbach. 23.229 Haushalte werden nach Angaben der Post von 66 Zustellern beliefert.

Ihr Autor

unserem Mitarbeiter Adrian Mahler

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Erstellt:
21. April 2022, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 37sec

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