Zwischen den Stühlen: „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis

Baden-Baden (wyst) – Im Interview spricht „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis über ihr neues Buch „Etsikietsi“, ihre griechischen Wurzeln und fehlende Chancen für Showmasterinnen bei der ARD.

„Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis hat ein Buch geschrieben. Foto: Jander/NDR

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„Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis hat ein Buch geschrieben. Foto: Jander/NDR

Ihr Gesicht kennen Millionen Zuschauer aus der „Tagesschau“: Linda Zervakis präsentiert regelmäßig die 20-Uhr-Ausgabe der Nachrichtensendung – als erste Sprecherin mit Migrationshintergrund machte sie 2013 Schlagzeilen. Jetzt erzählt die Fernsehfrau in einem Buch von ihrem deutsch-griechischen Hintergrund: In „Etsikietsi – Auf der Suche nach meinen Wurzeln“ schreibt sie über die bewegte Vergangenheit ihrer Familie und ihren Job bei der „Tagesschau“. Cornelia Wystrichowski hat sich mit der Journalistin unterhalten.

BT: Frau Zervakis, die meisten Leute kennen Sie als „Tagesschau“-Sprecherin, jetzt haben Sie ein Buch mit dem Titel „Etsikietsi“ geschrieben. Was bedeutet das?

Linda Zervakis: Wenn man in Griechenland gefragt wird, wie es einem geht, dann antwortet man: „Etsikietsi“, das heißt: so lala, irgendwie dazwischen. Und das beschreibt auch ein bisschen, wie ich mich fühle. Zwischen den Stühlen, zwischen den Welten.

BT: In dem Buch schreiben Sie über die Suche nach Ihren griechischen Wurzeln – dafür sind Sie mit Ihrer Mutter in die alte Heimat gereist. Was haben Sie gefunden?

Zervakis: Ich habe herausgefunden, dass ich mich zum Glück nicht entscheiden muss, ob ich mehr Deutsche oder mehr Griechin bin – auch wenn manche Leute das vielleicht von mir erwarten. Es ist einfach beides in mir, so wie ich ja auch beide Pässe habe, und ich genieße das. Ich bin froh, dass ich meine griechischen Wurzeln noch in mir habe, und sehe das als Bereicherung.

Deutsche Verbindlichkeit, griechische Lautstärke

BT: Was ist typisch deutsch, was typisch griechisch an Ihnen?

Zervakis: Deutsch ist an mir eine gewisse Verbindlichkeit. Wenn man sich für 15 Uhr mit mir verabredet, dann bin ich in der Regel pünktlich – das muss auch so sein, weil in Deutschland alles so eng getaktet ist. In Griechenland kann es sein, dass man sich für drei verabredet, aber erst um vier trifft, weil dort das Leben gemächlicher abläuft. Griechisch an mir ist die Lautstärke. Ich lache sehr laut, auch beim Essengehen, und halte dabei oft in der einen Hand die Gabel und nutze die andere zum Gestikulieren. In höherpreisigen Restaurants fällt das in Deutschland auch mal unangenehm auf (lacht).

BT: Seit einigen Wochen tauschen Sie sich in Ihrem Podcast „Gute Deutsche“ mit anderen Prominenten mit Migrationshintergrund aus. Wie ist Ihre vorläufige Bilanz?

Zervakis: Mir ist aufgefallen, dass es vielen dieser Menschen in ihrer Kindheit und Jugend ähnlich ging wie mir: Sie haben sich ganz besonders angestrengt, um besser zu sein als alle anderen, um nicht negativ aufzufallen. Da sehe ich eine Parallele zu meinem eigenen Leben. Meine Eltern haben auch immer zu mir gesagt: Sei gut in der Schule, lerne fleißig, damit du es mal besser hast, als wir es hatten.

BT: Ist Ihre Mutter heute stolz auf ihre erfolgreiche Tochter?

Zervakis: Ja, ich glaube schon. Vielleicht ist es wie eine Art Genugtuung für sie, dass ihre Tochter vor einem Millionenpublikum die Nachrichten vorliest, und dass ihre Entbehrungen nicht umsonst waren. Meine Eltern hatten es schwer. Sie sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und waren hier immer die Ausländer. Es gab damals keine Deutschkurse und keine Integrationskurse für sie, das mussten sie alles selber machen. Aber obwohl in Deutschland oft von mangelnder Chancengleichheit die Rede ist, hatte ich doch die Möglichkeit, aufzusteigen – das ist ein Privileg, eine immense Freiheit.

„Tagesschau“ hatte schon immer etwas Heiliges

BT: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie die „Tagesschau“ als Gottesdienst empfinden. Wie ist das gemeint?

Zervakis: Die „Tagesschau“ um 20 Uhr war schon bei mir zu Hause ein Ritual, selbst für meine griechischen Eltern, die nicht alles verstanden haben. Das hatte etwas Heiliges. Wir saßen alle mucksmäuschenstill vorm Fernseher, und wenn dann das Telefon ging, hat man es ignoriert oder hat den Anrufer entnervt abgewimmelt. Die Sendung gibt es schon so lange, sie hat sich aber nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht, sondern ist mit der Zeit gegangen, mit Ausweitungen wie zum Beispiel der „Tagesschau“-App. Das finde ich gut.

BT: Vor einigen Jahren machten Sie als erste „Tagesschau“-Sprecherin mit Migrationshintergrund Schlagzeilen.

Zervakis: Ich bin damals ganz schön erschrocken, als ich auf einmal mit diesem Etikett beklebt wurde, und dachte: „Ach so, stimmt ja, ich habe ja einen Migrationshintergrund!“ Ich wusste natürlich auch vorher schon, dass Zervakis nicht klingt wie Müller, Schulze oder Meier – aber in allen vorherigen Jobs war das nie ein Thema. Dieses Prädikat „erste Sprecherin mit Migrationshintergrund“, ist das wirklich so ein wichtiger Nebensatz? Hätte nicht einfach gereicht: Linda Zervakis, die neue Sprecherin bei der „Tagesschau“?

BT: Sie haben 2018 und 2019 den ESC-Vorentscheid moderiert. Warum sieht man Sie seitdem kaum noch als Showmoderatorin?

Zervakis: Das liegt nicht an mir. Denken Sie nur an das, was Volker Herres neulich gesagt hat.

Kaum eine Frau wird an große Shows rangelassen

BT: Der ARD-Programmdirektor meinte in einem Interview, ihm falle kein weibliches Pendant zu Showmastern wie Kai Pflaume ein.

Zervakis: Es ist doch erschreckend, dass es im deutschen Fernsehen nur ganz wenige Frauen gibt, die wirklich an die großen Shows rangelassen werden. Man hat über Jahrzehnte immer nur Männer solche Sendungen moderieren lassen – wie soll eine Frau das jetzt auf Anhieb können, wenn man sie nicht herangeführt hat? Außerdem ist das Sehverhalten vieler deutschen Zuschauer dadurch auch so konditioniert, dass sie glauben, dass das eigentlich nur Männer können. Im Jahr 2020 ist das schon ein bisschen traurig.

BT: Würden Sie sich eine große Samstagabendshow zutrauen?

Zervakis: Ich weiß gar nicht, ob die große Showtreppe um 20.15 Uhr überhaupt meins ist. Aber wenn frau gar keine Chance bekommt, wird frau es auch nicht herausfinden.

BT: Soll Ihr Buch „Etsikietsi“ mal verfilmt werden?

Zervakis: Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht (lacht). Das Schreiben hat mich sehr in Anspruch genommen. Wenn man wie ich im Schichtdienst arbeitet und zwei Kinder hat, schüttelt man das nicht so aus dem Ärmel. Die Schwierigkeit war auch, von der gewohnten knappen Nachrichtensprache in eine literarische Sprache umzudenken. Zum großen Teil habe ich während der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen daran gearbeitet.

BT: Und was ist aus Ihrem Traum geworden, mal eine Frühstückspension in Griechenland aufzumachen?

Zervakis: Diesen Traum habe ich immer noch. Ich war ja nie für längere Zeit am Stück in Griechenland, aber die Hälfte des Jahres würde ich gerne dort leben und eine Frühstückspension betreiben. Allerdings hat Corona uns ja gezeigt, wie wenig sinnvoll es ist, große Pläne zu machen. Man weiß ja gar nicht, ob man sie umsetzen kann.

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Erstellt:
15. August 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 23sec

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