Tanzender TV-Moderator: Choreograf Gauthier im Interview

Stuttgart (cl) – Der renommierte Stuttgarter Tanzcompagnie-Chef Eric Gauthier ist jetzt als tanzender Moderator unterwegs. Für eine SWR-Doku-Reihe bereist er Tanzhotspots, erste Station ist Israel.

Ein großer Fan des israelischen Tanzstils: Eric Gauthier holte die wichtigen Choreografen aus Tel Aviv bereits nach Stuttgart.  Foto: Maks Richter

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Ein großer Fan des israelischen Tanzstils: Eric Gauthier holte die wichtigen Choreografen aus Tel Aviv bereits nach Stuttgart. Foto: Maks Richter

Moderner Tanz und gute Laune gehören für Eric Gauthier zusammen. Der renommierte Stuttgarter Choreograf, Chef der Erfolgstruppe Gauthier Dance, ist jetzt auch als tanzender Moderator unterwegs. Für eine SWR-Dokumentationsreihe bereist er Tanzhotspots, erste Station war Israel. „Meine Arbeit in Stuttgart ist seit vielen Jahren vom israelischen Tanz beeinflusst“, sagt Eric Gauthier im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt. Darin verrät der Kanadier auch, dass seiner Compagnie mit Marco Goeckes Tanzabend „Lieben Sie Gershwin“ im Herbst, ein gefragtes Corona-Stück gelungen ist.

BT: Herr Gauthier, Sie haben Israel bereist auf den Spuren einer zeitgenössischen Tanzkultur. Was macht die so besonders?
Eric Gauthier: Ich bin ein großer Fan dieses Tanzstils, der etwas Einzigartiges hat. Die israelischen Tänzer sind auf der Bühne extrem stark. Die Musik ist sehr laut, mit ganz kräftigen Beats. Man erlebt das Kribbeln des Basses im Bauch – und spürt diesen Tanz tief im Innern. Im Gegensatz zum klassischen Ballett, das über 100 Jahre alt ist – und ganz wunderschön zu tanzen –, ist dieser Tanz erdig und experimentell.

BT: Welche Einflüsse herrschen da vor?
Gauthier: Ich glaube, der israelische Tanz ist von so vielem beeinflusst und bringt alle Stile zusammen, sehr spannend. Viele israelische Truppen sind weltweit unterwegs wie die Batsheva Dance Company oder die Kibbutz Dance Company, die gibt es seit 40 Jahren. Meine Arbeit in Stuttgart ist seit vielen Jahren vom israelischen Tanz beeinflusst. Wir hatten auch schon die Großen der Tanzszene da: den israelischen Tanzpapst Ohad Naharin, die weltberühmte Batsheva Dance Company, die ganze Tel-Aviv-Tanzszene habe ich schon hergeholt.

Interview



BT: Wie lange waren Sie für diese Dokumentation dort?
Gauthier: Wir waren im vergangenen Jahr zweimal da, beide Male kurz, einmal vier Tage, einmal drei Tage: zuerst Ende September, weil wir wussten, dass die ganzen Truppen, die wir filmen wollten, in den Ballettsälen ihrer Heimatorte sein würden, um zu proben. Im Dezember sind sie dann alle bei einem großen Festival in Tel Aviv gewesen, wo wir sie bei ihren Auftritten auf der Bühne mit Licht und in Kostümen aufgenommen haben.
Zeit zum Genießen: Moderator Eric Gauthier während der  Dreharbeiten zu „Dance Around the World“ am Strand von Tel Aviv.  Foto: SWR

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Zeit zum Genießen: Moderator Eric Gauthier während der Dreharbeiten zu „Dance Around the World“ am Strand von Tel Aviv. Foto: SWR


BT: Sie trainieren im Film auch mit den Tanzgruppen.
Gauthier: Ich wollte nicht nur ein Moderationskonzept haben, in dem ich nur statisch dastehe und den Tanzstil erkläre. Ich wollte Moderator einer Tanzshow sein, mitmachen und miterleben. Ich stehe mitten im Geschehen, rede mit allen und tanze mit. Das ist cool.

BT: Reden und gleichzeitig tanzen, klingt anstrengend.
Gauthier: Ach, ich rede so gerne auf der Bühne.

Nächste Station wird Holland sein


BT: Tel Aviv ist Ihre erste Station gewesen für die Dokumentation. Sieht man etwas von der Partykultur?
Gauthier: Ich habe mich dort mit Nadav Zellner getroffen. Er ist in der Dokumentation mein Guide, zeigt mir und den Zuschauern sein Tel Aviv. Wir gehen zum Fischmarkt, laufen am Strand bei Sonnenuntergang, hatten auch ein paar Drohnen im Einsatz und können die Orte in wunderschönen Bildern zeigen. Ich werde in jeder Stadt einen solchen Freund besuchen, der mich durch seine Metropole begleitet.

BT: Aus „Dance Around the World“ soll eine SWR-Reihe werden: Welche Orte bereisen Sie als Nächstes?
Gauthier: Es ist als eine Reihe von fünf Filmen, nicht nur als eine Dokumentation geplant. Denn die Vorbereitung dazu macht viel Arbeit. Die nächste Station sollte schon gedreht sein, aber leider ging das wegen Corona nicht. Wir werden als Nächstes den Tanz in Holland zeigen; es gibt wunderbare Compagnien in Rotterdam, Amsterdam, Den Haag. Wenn sie alle wieder auf die Bühnen gehen, legen wir auch los. Wir haben noch einen Film über St. Petersburg und Moskau vor, da schauen wir uns das klassische Ballett an und werden das Mariinsky-Ballett und das Bolschoi besuchen.

BT: Dann werden Sie auch den Spitzentanz zeigen?
Gauthier: Ich will nicht unbedingt zu viel klassisches Ballett in der Dokumentation zeigen, aber es ist natürlich weltberühmt.

BT: Welches Konzept steckt hinter „Dance Around the World“?
Gauthier: Es sollen Tanzstile gezeigt werden, die in die ganze Welt ausstrahlen und dazu wollen wir wunderschöne Locations zeigen. Natürlich haben wir auch ganz Spezielles dabei, wie eine israelische Tanzschule, die wir in der ersten Dokumentation vorstellen. Hier tanzen Soldaten. Die Tanzstudenten sind einen halben Tag Soldat und einen halben Tag Tänzer. So verrückt ist das. Es ist unglaublich, wie die tanzend in den Ballettsaal hineinkommen und zwei Stunden später in Uniform und mit Waffe wieder rauslaufen.

BT: Der Tanz hat es weltweit nicht leicht, nicht nur in Corona-Zeiten. Wie sieht es finanziell bei den Compagnien in Israel aus?
Gauthier: Die israelischen Compagnien werden staatlich kaum unterstützt. Das ist auch der Grund, warum die meisten viel reisen. Es gibt generell nicht viel finanzielle Unterstützung für die Kultur in Israel, sie müssen ihre Finanzierung außen sichern.

Moderner Tanz trennt sich vom Spitzentanz



BT: Gauthier Dance hat 2017 das Zehnjährige gefeiert. Sie sind schnell international zu einem Erfolgsgaranten des zeitgenössischen Tanzes geworden. Trotzdem war Ihre Tanzcompagnie vor einiger Zeit in finanziellen Schwierigkeiten. Ist die Unterstützung durch die Stadt Stuttgart nun gut geregelt?
Gauthier: Wir haben in der Corona-Zeit ganz viel Glück gehabt. Die Stadt Stuttgart ist uns da sehr behilflich. Wir haben alle Tänzer in Kurzarbeit geschickt. Aber mit Hilfe von Stadt und Land haben wir 95 Prozent des Gehalts der Tänzerinnen und Tänzer bezahlen können. Nur das Stuttgart Ballett hat die Gehälter seiner Tänzer zu 100 Prozent bezahlt. Da stehen wir im Vergleich doch sehr gut da.

BT: Sie haben auch in München mit Ihrer Truppe regelmäßig gastiert. Wird es dort auch weitergehen?
Gauthier: Im Münchner Gasteig, wo wir bisher regelmäßig zu Gast waren, sollte eigentlich die große Sanierung beginnen, über sieben Jahre. Das wird jetzt verschoben. So könnten wir in den nächsten zwei, drei Jahren noch dort tanzen. Es gibt Pläne, dass wir dort eine „Compagnie in Residence“ werden und zwei-, dreimal im Jahr gastieren. Wir waren in München über acht Jahre als Residence-Truppe in der Schauburg. Aber unsere Homebase bleibt Stuttgart.

BT: In München wurden Sie sehr gelobt, dass Sie ein jüngeres Publikum angezogen haben. Haben Sie die Jüngeren besonders im Blick?
Gauthier: Ich mache dasselbe Programm für die Jüngeren wie für die Älteren. Wir machen ein modernes Tanztheater und öffnen uns neuen Einflüssen. Aber es ist natürlich sehr wichtig, schon heute an das Publikum von morgen zu denken und die Jüngeren ins Tanztheater zu locken. Wenn man sich nicht darum kümmert, das gilt auch für die klassische Musik, dann geht die jüngere Generation von heute in 20 Jahren nicht mehr in die Theater. Man muss sie mit neuen Wegen begeistern.

BT: Der Spitzentanz ist die Basis des zeitgenössischen Tanzes, heißt es immer. Welchen Rang nimmt er innerhalb des modernen Tanzes ein und wohin entwickelt sich das?
Gauthier: Der Spitzentanz hat nicht mehr viel zu tun mit dem modernen Tanz von heute, wenn ich ehrlich bin. Es gibt ein paar Choreografen, die nutzen das noch, wie Richard Siegal beispielsweise und seine Truppe Ballet of Difference. Der tanzt einen sehr modernen Stil, aber nutzt immer noch die Spitzenschuhe. Er ist einer der großen Protagonisten. Auch wir machen noch einiges mit Spitzenschuhen, aber es muss nicht mehr unbedingt sein.

BT: Gleichwohl haben Sie die frühere Erste Solistin des Badischen Staatsballetts Karlsruhe geholt – Bruna Andrade, eine Faust-Preisträgerin.
Gauthier: Sie ist eine „Monsterballerina“, Wahnsinn, vier Jahre habe ich versucht, sie zu uns zu holen. Sie hat bis 28, 29 Ballett gemacht – und wollte noch etwas anderes probieren. Jetzt ist sie seit eineinhalb Jahren bei uns – und genießt es, bei uns zu tanzen. Wir zeigen moderne Stücke von den besten Choreografen der Welt.

BT: Ihr Herbstprogramm haben Sie schon vorgestellt. Für Oktober ist die Premiere von „Lieben Sie Gershwin?“ von Marco Goecke im Theaterhaus geplant. Rechnen Sie auch mit Einschränkungen durch die Corona-Auflagen oder mit Risiken durch die Pandemie?
Gauthier: Wir werden das ganz oft aufführen. Das Premierendatum steht jetzt fest: am 7. Oktober. Danach werden wir viel unterwegs sein damit, in Italien, zum Beispiel in Bozen, in St. Petersburg, auch in Köln und Karlsruhe.

BT: Gehen Sie damit richtig auf Tour?
Gauthier: Jeder Veranstalter hat momentan eine leere Bühne, weil alle internationalen Compagnien aus Übersee – Kuba, Kanada, London – nicht kommen können. Als die dann gelesen haben – Gauthier führt ein Corona-kompatibles Stück auf – waren sie begeistert. Man kann die Choreografie von Marco Goecke auf jeder Bühne zeigen, denn es gibt sechs Meter Abstand zwischen den Tänzern. Es ist ein Traum, alle wollen das buchen.
Im Studio von Gauthier Dance Stuttgart: Choreograf Marco Goecke probt seit fünf Wochen das Corona-Tanzstück „Lieben Sie Gershwin“. Premiere soll Anfang Oktober sein.  Foto: Jeanette Bak

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Im Studio von Gauthier Dance Stuttgart: Choreograf Marco Goecke probt seit fünf Wochen das Corona-Tanzstück „Lieben Sie Gershwin“. Premiere soll Anfang Oktober sein. Foto: Jeanette Bak


BT: Proben Sie schon?
Gauthier: Wir sind seit fünf Wochen im Studio. Marco Goecke probt täglich mit den Tänzern. Wir müssen sechs Meter Abstand halten zwischen den einzelnen Tänzern, deswegen hat er für „Lieben Sie Gershwin?“ nur Soli und Duette zusammengestellt. Die Pas de deux sind nur erlaubt, wenn die Paare, Mann und Frau, zwei Männer oder zwei Frauen zusammen leben; viele wohnen auch als WG zusammen, das können wir nutzen.

BT: Wie geht es weiter?
Gauthier: Im Dezember geht es weiter mit dem Junge-Choreografen-Abend „Out of the Big Box“, und im Juni 2021 kommt die große „Swan Lakes“-Produktion, mit „Schwanensee“-Stücken von vier Weltchoreografen. Das wird das Eröffnungsstück unseres Festivals „Colours“ werden.

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Erstellt:
9. Juli 2020, 22:00 Uhr
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