Tatort: „Der wahre Gesellschaftsroman Deutschlands“

Karlsruhe (rap) – Zum 50. Tatort-Jubiläum haben wir das Interview von BT-Redakteur Christian Rapp mit dem Tatort-Forscher Stefan Scherer vom KIT zur 1.000 Folge aus dem BT-Archiv gekramt.

Professor Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie. Foto: Martin Lober/KIT/Archiv

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Professor Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie. Foto: Martin Lober/KIT/Archiv

Immer wieder sonntags, 20.15 Uhr: Die vertraute Titelmelodie, die eisblauen Augen im seit 50 Jahren (fast) unveränderten Vorspann, das Fadenkreuz und endlich: Tatort. Millionen Deutsche sitzen vor dem Fernseher, lassen ihr Wochenende mit den Kommissaren Leitmayr, Lürsen oder Lindholm ausklingen. Mit „Taxi nach Leipzig“ fing die Erfolgsgeschichte am 29. November 1970 an, am 3. November 2016, flimmerte die 1.000. Folge, ebenfalls „Taxi nach Leipzig“ getauft, über den Bildschirm. Dieses Jahr feiert der Tatort ein weiteres Jubiläum: Seit mittlerweile 50 Jahren gibt es den Kult-Krimi, der das mit einer Doppelfolge am 29. November und 6. Dezember feiern wird. Dann wird vermutlich auch Professor Stefan Scherer vom Karlsruher Institut für Technologie gespannt vor dem Fernseher sitzen. Scherer ist einer der wenigen Tatort-Forscher Deutschlands, hat rund 500 Folgen „seziert“ und Bücher über die beliebte ARD-Krimireihe veröffentlicht. Im Gespräch mit BT-Redakteur Christian Rapp verrät der Medienforscher das Erfolgsgeheimnis der Krimireihe, blickt auf Höhen und Tiefen der vergangenen 50 Jahre zurück und erklärt die Faszination Tatort.

BT: Herr Professor Scherer, des Deutschen liebstes Fernsehkind ist mittlerweile 50 Jahre alt. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Tatorts?
Stefan Scherer: Das Erfolgsgeheimnis des Tatorts liegt in seiner Flexibilität. Der Tatort ist keine Serie, sondern eine Reihe aus Serien. Die Sender sind autonom und können sich jeweils Serienkonzepte mit Ermittlerfiguren ausdenken. Wenn ein Serienkonzept nicht funktioniert, wird es ausgetauscht und ein neues präsentiert. Er kann neue Genres aufgreifen oder interessante Figuren einführen. Der Tatort ist schlicht einzigartig in der deutschen Fernsehlandschaft.

BT: Was macht ihn denn so einzigartig?
Scherer: Er bildet den Föderalismus der Bundesrepublik ab. Wenn man so will, ist der Tatort der wahre Gesellschaftsroman Deutschlands.

BT: Was meinen Sie genau damit?
Scherer: Der Tatort zeigt die Entwicklung und das Leben der bundesrepublikanischen Gesellschaft von den 70er Jahren bis heute. Darunter fallen zum Beispiel die Änderungen von Norm- und Wertvorstellungen oder länderspezifische Eigentümlichkeiten wie Regionen, Lebensweisen oder Dialekte. Die ARD hat im Grunde ihre föderale Struktur genutzt, um ein eigenes Krimikonzept zu entwickeln – und das bildet wiederum den Föderalismus der bundesrepublikanischen Gesellschaft ab.

Fremdheitserfahrungen im eigenen Land

BT: Der Fernsehzuschauer sieht also sich und seine Region und entwickelt dabei ein Heimatgefühl?
Scherer: Ja, aber nicht nur das. Er macht auch Fremdheitserfahrungen im eigenen Land. Der Süddeutsche lernt Norddeutschland kennen oder erfährt, wie die Menschen im Saarland ticken. In den 90er Jahren wurde dann der Osten mit dem Ermittler Ehrlicher tatortfähig. Der westdeutsche Zuschauer hat damals zum ersten Mal Einblicke in die Lebensmentalität der DDR erhalten.

BT: Wenn die Titelmelodie und der Vorspann einsetzen, macht es sich der Deutsche auf dem Sofa bequem, mummelt sich in seine Decke und lässt den Sonntagabend ausklingen. Sorgt der Tatort in einer immer unübersichtlichen Welt, geprägt von Kriegen, Terror und Katastrophen, für ein Stück heile Welt?
Scherer: Natürlich bestätigt der Tatort die gesellschaftliche Ordnung Deutschlands, weil die Ermittler in der Regel die Fälle lösen. Es wird gezeigt, dass die Auflösungsquote der Fälle sehr hoch ist und das Kapitalverbrechen gesühnt wird. Die Normvorstellungen der Gesellschaft zwischen Gut und Böse werden somit bestätigt. Das Verbrechen wird bestraft – und das sorgt für ein gutes Gefühl beim Zuschauer.

BT: Er schläft also seelenruhig ein?
Scherer: Genau. Dem Zuschauer wird impliziert, dass alles soweit in Ordnung ist in Deutschland.

Wann der nächste Tatort mit Til Schweiger ausgestrahlt wird, ist noch ein Geheimnis. Foto: Christian Charisius/dpa/Archiv

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Wann der nächste Tatort mit Til Schweiger ausgestrahlt wird, ist noch ein Geheimnis. Foto: Christian Charisius/dpa/Archiv

BT: Wie realistisch wird die Polizeiarbeit in der ARD-Serie dargestellt?
Scherer: Mittlerweile wird ja jede Folge einem Faktencheck unterzogen, sei es im Spiegel, in der FAZ oder in der Bild-Zeitung. Klar ist, dass vieles oftmals nicht stimmt. Dies liegt an der begrenzten Spieldauer von 90 Minuten. Dramaturgische Gesichtspunkte eines Spielfilms wie Spannung und Abschluss spielen die Hauptrolle. Der Unterhaltungsaspekt und die Aufklärung über gesellschaftspolitische Themen stehen im Vordergrund und nicht Einzelheiten der Kriminaltechnik. Es soll abgesichert sein, aber realistisch muss die Polizeiarbeit nicht sein.

BT: Til Schweiger erntete mit seinem Vorschlag, die Titelmelodie und den Vorspann zu verändern, heftige Kritik. Sein Tatort-Kollege Ulrich Tukur meinte dazu: „Der Tatort ist eine Kirche mit einer großen, gläubigen Gemeinde. Am Wochenende ist Gottesdienst. Eine Kirche erneuert man spirituell und von innen heraus und nicht, indem man den Glockenturm abreißt.“ Hat Tukur Recht, ist der Tatort für viele eine Art Religionsersatz?
Scherer: Religionsersatz in dem Sinn, dass tatsächlich ritualisiert Tatort geschaut wird. Entweder alleine, mit der Gewissheit, am Montagmorgen bei der Arbeit mit den Kollegen über den Krimi zu plaudern, oder beim Public Viewing in Kneipen und Kinos (Das Interview ist 2016, anlässlich der 1.000-Tatort-Folge geführt worden, Anm. d. Red.). Es entsteht eine imaginäre Gemeinschaft der Zuschauer, die genau wissen, Sonntagabend um 20.15 Uhr schauen bis zu 13 Millionen Tatort und ich bin gerade ein Teil davon. Aber Tukur hat eigentlich was anderes gemeint.

BT: Und das wäre?
Scherer: Er hat gemeint, dass die Kirche das Zentrum ist und das Stabile zeigt. Und die reißt man ohne Widerstand der Bevölkerung nicht so leicht ab. Schweiger verkennt, dass der Vorspann, egal wie antiquiert er wirken mag, der Eingang zum ritualisierten Fernsehen ist. Die Leute gucken hauptsächlich Tatort, ihnen ist es fast egal, ob Borowksi oder Klara Blum ermittelt. Es wird Tatort geguckt – und das wird durch den Vorspann und die Titelmelodie markiert.

BT: Welche Krisen hatte der Tatort zu überstehen?
Scherer: Einbrüche hatte er in den 80er Jahren zu verzeichnen, als die beliebten Ermittler Haferkamp und Veigl (gespielt von Hansjörg Felmy und Gustav Bayrhammer) unzufrieden mit den Drehbüchern waren und aufhörten. Dem WDR gelang daraufhin zwar mit Schimanski ein Glücksgriff, aber den anderen Sendeanstalten ist in dieser Zeit nicht wirklich was Innovatives eingefallen. Sie haben reihenweise Kommissar-Konzepte ausprobiert, die gefloppt sind – gerade in den 80ern gab es viele Eintagsfliegen und keine Konstanz.

BT: Wie gelang den Verantwortlichen die Kehrtwende?
Scherer: Der Bayerische Rundfunk startete eine Qualitätsoffensive mit dem neuen Ermittlerduo Leitmayr/Batic. Ambitionierte Folgen – filmisch gut gemacht von Regisseuren wie Dominik Graf – lautete die Devise. Die anderen Anstalten sind auf den Zug aufgesprungen. Wichtig war auch, dass es die Krimireihe hinbekommen hat, in den vergangenen zehn Jahren durch junge Ermittlerteams und der zunehmenden Actiondramaturgie ein neues, jüngeres Publikum zu bekommen.

Schauspieler Götz George im März 1998 in seiner Paraderolle als Schimanski. Foto: picture alliance / Horst Ossinger/dpa/Archiv

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Schauspieler Götz George im März 1998 in seiner Paraderolle als Schimanski. Foto: picture alliance / Horst Ossinger/dpa/Archiv

BT: Was hat sich am Tatort seit den 70er Jahren verändert?
Scherer: Zunächst einmal die Fälle. Die Pathologie spielt eine immer größere Rolle. Die Team-Ermittlung auf Augenhöhe rückt zusehends in den Fokus, sodass man einen Fall auch perspektivisch bespielen kann. In den 70er Jahren herrschen dagegen noch strikte Normvorstellungen. Der Kommissar als der autoritäre Herrscher, die Assistenten dürfen zappeln, aber nicht mitreden. Das änderte sich dann mit dem Erscheinen von Horst Schimanski.

BT: Was änderte sich mit ihm?
Scherer: Mit Schimanski wurde eine komplett neue Ermittlerfigur eingeführt. Weg vom autoritären, distanzierten alten Mann, hin zu einem rüpelhaften, früheren Kleinganoven, der das Milieu, in dem er ermittelt, bestens kennt. Er verliebt sich in Täterinnen und geht mit ihnen ins Bett. Außerdem schreitet die Feminisierung der Ermittler voran. Die erste weibliche Kommissarin Buchmüller, gespielt von Nicole Heesters, war 1977 noch ein handfester Skandal. Mittlerweile ist es zur Normalität geworden, wenn Odenthal, Blum oder Lindholm die Fälle lösen. Mit einer weiblichen Figur ändern sich auch die Ermittlungsmethoden. Bestimmte Zuschreibungen ändern sich – so sind die weiblichen Ermittler einfühlsamer, nachdenklicher und emotionaler als ihre männlichen Kollegen. Und zu guter Letzt wird in jüngster Zeit verstärkt der Zwiespalt zwischen Berufstätigkeit und Privatleben thematisiert.

BT: Es scheint, als seien alle Ermittler unfähig, eine intakte Familie zu haben oder eine Beziehung zu führen.
Scherer: Nicht ganz. Der Stuttgarter Ermittler Bootz hatte zu Beginn eine intakte Familie, dann ist aber die Schauspielerin ausgestiegen. Seitdem ist auch er ein alleinerziehender Vater, der in Scheidung lebt. Tendenziell sind es schon Einzelwölfe. Es soll gezeigt werden, dass die Ermittler nur für die Verbrechensaufklärung leben.

BT: Til Schweiger, Wotan Wilke Möhring, Christian Ulmen, Nora Tschirner – versuchen die Sender, mit den deutschen Kinostars ein junges Publikum an Land zu ziehen?
Scherer: Klar versuchen die Sender, mit diesen Schauspielern ein jüngeres Publikum anzusprechen. Schweiger zielt auf ein Kinopublikum. Mit seiner Actiondramaturgie verspricht sich der NDR auch neue Zuschauer, die er mit dem Genre auch tatsächlich bekommt. Aber in letzter Zeit war es so übertrieben, dass die Zuschauer sagen: „Diesen Schwachsinn tu ich mir nicht mehr an“. Die ständige Tochter-Rettung und übertriebene Ballerei gehen den Zuschauern mittlerweile eher auf die Nerven.

Im ersten Teil des Jubiläums-Tatorts „In der Familie“, der am Sonntag, 29.November um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird, suchen die Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl)  einen Mörder, der in Dortmund Unterschlupf gefunden hat. „Foto: WDR/Frank Dicks

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Im ersten Teil des Jubiläums-Tatorts „In der Familie“, der am Sonntag, 29.November um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird, suchen die Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) einen Mörder, der in Dortmund Unterschlupf gefunden hat. „Foto: WDR/Frank Dicks

BT: Hand aufs Herz: Wer sind ihre Lieblingsermittler?
Scherer: Batic/Leitmayr wegen der Qualität der Filme. Gut finde ich auch Borowski, der in Kiel ermittelt. Faber halte ich auch für sehr interessant von der Figurenkonzeption. So ein autistisch veranlagter Kommissar, der keine Skrupel hat, seinen Kollegen als Alkoholiker darzustellen. Der Münsteraner Tatort ist mir ehrlich gesagt zu klamaukhaft.

BT: Und wer ist reif für die Pensionierung?
Scherer: Das ist schon Lena Odenthal mit ihrem Kollegen Kopper. Das Konzept ist einfach verbraucht. Ulrike Folkerts kann als Schauspielerin auch eher nur Odenthal. Im Durchschnitt sind die Folgen im Gegensatz zu den Anfangszeiten dieser Serie eher öde. Aber trotzdem kommt bei ihr eine interessante Sache ins Spiel.

„Bin zuversichtlich, dass es auch den 2.000. Tatort gibt“

BT: Die da wäre?
Scherer: Im Grunde ist Lena Odenthal so eine Art weiblicher Schimanski. Androgyn, sportlich, ruppig und tough. Interessant ist nun, wie eine solche Figur älter wird, gerade auch als älter werdende Frau, die ihre Sportlichkeit nicht mehr aufrechterhalten kann.

BT: Herr Scherer, lassen sie uns zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft wagen. Läuft der Tatort auch noch in ein paar Jahren?
Scherer: Klar. Die Leute wollen just am Sonntagabend um 20.15 Uhr vor Beginn der Woche in einer imaginären Gemeinschaft den Tatort sehen. Weil der Tatort ein offenes, flexibles Konzept ist, das immer neue Themen ins Spiel bringen kann, bin ich sehr zuversichtlich, dass es auch den 2.000. Tatort geben wird.

Das Interview ist erstmals im November 2016 erschienen. Im Rahmen des Throwback Thursdays des BT-Instagram-Teams wurde es aus dem Archiv gekramt und etwas abgeändert.


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