Tatort Fernsehfilm-Festival: Serien-Täter gesucht

Baden-Baden (cl) – In der „Zukunftswerkstatt“ des Fernsehfilm-Festivals wird nach neuem Autoren-Potenzial gefahndet, das Netflix Paroli bieten kann. Neue Konzepte sollen frischer, unverkrampfter sein.

„Neue Wege, neue Serien?“: Produzenten, Redakteure und Autoren beim Austausch im Kurhaus Baden-Baden.  Foto: Thomas Viering

© vie

„Neue Wege, neue Serien?“: Produzenten, Redakteure und Autoren beim Austausch im Kurhaus Baden-Baden. Foto: Thomas Viering

Der Serienboom der internationalen Streaminganbieter setzt die deutschen Sender unter Druck. Derzeit werde wahnsinnig viel produziert, sagt der bei der RTL-Gruppe für Film und Serie zuständige Hauke Bartel – umso schwieriger sei es für eine neue Produktion, ihr Publikum zu finden. Die jungen Streamer scheinen fürs Fernsehen verloren, immerhin den Ideenfundus der jungen Kreativen will man nun doch heben. Ob als Mini- oder Webserie, als TV-Reihe oder Langfilm – händeringend wird bei den Öffentlich-Rechtlichen und Privaten nach frischen und neuen Stoffen fürs fiktive Erzählen gesucht.

Gleichwohl wenden sich viele junge Autoren schon gar nicht mehr an die öffentlich-rechtlichen Sender, und auch die Privaten sind nicht mehr die erste Adresse. Das Problem ist kein finanzielles, sondern vielmehr strukturell und inhaltlich bedingt. Da besteht viel Nachholbedarf, so der Tenor bei der „Zukunftswerkstatt – Neue Wege, Neue Serien?“ des Fernsehfilm-Festivals Baden-Baden.

Wie durchbricht man die lineare Erzählform? Wie schafft man eine erfolgreiche Serie? Jedenfalls nicht, indem man die Fiktion monothematisch problematisiert mit dauerzitierten politischen Korrektheiten, wie etwa Diversität oder Inklusion und Migration. Stattdessen möchte man die Relevanz dieser Themen beibehalten, sei es als Grundierung oder beiläufiger erzählt. Die eigentlichen Handlungen sollen aber zugespitzt sein, freier, unverkrampfter, frischer werden.

Netflix-Serie „Call my Agent“ zeigt in der ARD-Mediathek wie es geht

Die französische Erfolgsserie „Call my Agent“, gerade mit einem Emmy gekrönt (Netflix, jetzt ARD-Mediathek), führt vor, was gemeint sein könnte. Hier wird gezeigt wie eine Problematik – etwa lesbisches Pärchen bekommt ein Kind, der Erzeuger meldet plötzlich Ansprüche als Vater an – eher en passant miterzählt wird, innerhalb einer Themenvielfalt unterschiedlicher Erzählstränge, die sich alle an einem roten Faden kreuzen und dabei mit Geist und Witz unterhalten. Der deutsche Fernsehfilm beißt sich hingegen 90 Minuten an dem Thema fest und lässt nicht mehr locker, bis jeder juristische Winkelzug beleuchtet ist.

Auch die Serienproduzenten in den USA sind da weiter: Diversität ist für die Filmemacher dort, ob als Serie oder Langfilm, auch sehr wichtig, aber eben nur ein wichtiges Merkmal innerhalb einer heterogenen Reihe der Hauptfiguren – genau wie die Gesellschaft im realen Leben.

„Themenschwerpunkte bei Serien wollen wir nicht mehr machen“, betonen deshalb zwei ARD-Sender bei der „Zukunftswerkstatt“ des Baden-Badener Festivals, wo einige Serien-Produzenten neue Konzepte vorgestellt haben. Die RTL-Gruppe sucht frische Ideen bei den deutschen Filmhochschulen mit einem Wettbewerbsprogramm namens „Storytellers“. Mit qualitativer Exzellenz soll dabei ein Ausrufezeichen gesetzt werden. Der Bedarf an jungen Talenten sei riesig, betont RTL-Bereichsleiter Fiktion, Bartel. Es gehe dabei nicht nur darum, neue Stoffe zu entdecken, sondern vor allem neue Talente zu finden.

WDR und NDR arbeiten beim Pitching-Wettbewerb zusammen

Bei ihrer „Serienoffensive“ setzen die Fernsehfilm-Redaktionen von WDR und NDR auf Zusammenarbeit. Gemeinsam haben die Sender den Pitching-Wettbewerb „Macht Serie!“ gestartet, um innovative und progressive Ideen für die serielle Form zu generieren. Nicht nur Filmhochschulstudierende waren gefragt, sondern Kreative aus ganz unterschiedlichen Bereichen von Kunsthochschulen, Journalismus, Social Media bis zur Modebranche. Gesucht wurden ausgearbeitete Plots für eine Digitalserie für die ARD-Mediathek. Die Vorgaben: frei denken, spitz erzählen, aber auch finanziell umsetzbar sein. Aus über 170 Bewerbern gibt es bereits zehn Finalisten.

In der jungen Sendersparte der Mainzer (ZDF neo) ist bereits ein neues Erzählformat ausprobiert worden. Während des ersten Lockdowns wurde die Miniserie „Drinnen – im Internet sind alle gleich“ an den Start gebracht, die ausschließlich im Homeoffice am PC gedreht worden ist – mit Lavinia Wilson zwischen Ehekrise und Jobherausforderung. Laut Produzent Marco Gilles sind die Serienteile in nur drei Tagen geschrieben, gedreht und produziert worden. Die Regie erfolgte aus der Ferne. Eine Low-Budget-Produktion mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

In den goldenen Zeiten des fiktiven Erzählens über die lange Strecke brummen hierzulande momentan allenfalls die deutschen Synchronstudios, wo die vielen ausländischen mehrteiligen Angebote fürs deutsche Publikum mundgerecht übersetzt werden.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Zum Artikel

Erstellt:
25. November 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 00sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.