Teil-Lockdown: Kulturszene wehrt sich

Baden-Baden (sr) – Die Kulturszene begehrt auf – gegen die Selbstverständlichkeit, mit der zum zweiten Mal alle Theater und Konzertsäle geschlossen werden. Sie verweist auf gute Hygienekonzepte.

Kultur ist kein bloßes Freizeitvergnügen, auf das man ohne Konsequenzen verzichten könnte, sagt Festspielhausintendant Benedikt Stampa. Foto: Uli Deck/dpa

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Kultur ist kein bloßes Freizeitvergnügen, auf das man ohne Konsequenzen verzichten könnte, sagt Festspielhausintendant Benedikt Stampa. Foto: Uli Deck/dpa

Es muss sich etwas ändern: Dass Kultur als Freizeitvergnügen eingestuft und deshalb in der Corona-Krise nach Bedarf an- und abgeschaltet wird, kann so nicht weiter hingenommen werden. Das ist nicht die Meinung einzelner Betroffener, sondern formiert sich immer mehr zur großen Bewegung: „Kulturlandschaften sind wie Pilze, wie ein Mycelium, ein nicht sichtbares Wurzelsystem im Boden – wenn das weg ist, kommt es nicht wieder“, warnt Festspielhaus-Intendant Benedikt Stampa, der gleichzeitig der Konzerthauskonferenz in Deutschland vorsteht.

Keine Kritik an der Politik

Im BT-Gespräch wies Stampa am Freitag darauf hin, dass er seit Monaten und im Verbund mit Kollegen anderer Häuser Gespräche führt, um bei der Politik mehr Einsicht in die Notwendigkeit kultureller Veranstaltungen zu erreichen. Das Ergebnis sei bisher „frustrierend“, so Stampa, der das vor allem auf die Zersplitterung der kulturpolitischen Szene zurückführt: Kultur ist eigentlich Ländersache, im Bund hat die Kulturstaatsministerin nur sehr begrenzte Zuständigkeit, es gibt „keine einheitliche Kulturpolitik, die proaktiv mit uns zusammenarbeitet“, so Stampa. Dementsprechend heterogen ist die ganze Szene, sie hat trotz ihres immensen Publikumszuspruchs wenig Schlagkraft.

Gleichwohl will der Festspielhausintendant die Politik in dieser extrem schwierigen Entscheidungslage nicht kritisieren. Er weist allerdings darauf hin, dass gerade die Kulturveranstalter bereits seit Monaten aktiv an Hygienekonzepten arbeiten und damit Zukunftsperspektiven eröffnen. Auch seien die meisten modernen Veranstaltungshäuser mit gut funktionierenden Lüftungssystemen ausgestattet, denen in der Pandemie eine besondere Bedeutung zukommt.

Fraunhofer Institut testet Möglichkeiten

„Wenn es uns gelingt, ein Gutachten zu bekommen, das generell für alle Konzert- und Opernveranstaltungen gelten kann, dann wäre das für uns der Durchbruch“, meint Stampa. Bisherige Tests seien immer nur für das jeweilige Haus relevant gewesen, jetzt aber sei das Fraunhofer Institut dabei, ein Gutachten für Klassikveranstaltungen in Zusammenarbeit mit einem Konzerthaus zu erarbeiten, das dann idealerweise eine für alle gültige Bedeutung haben könnte.

Stampa hat am Donnerstag verkündet, das Festspielhaus für den Rest des Jahres zu schließen. „Wir müssen uns ehrlich machen: Die Virologen künden uns noch vier harte Monate an, das bedeutet auch, dass die meisten Künstler auch nach dem November gar nicht reisen können“, so sein nüchterner Blick auf die nahe Zukunft. Andere Konzerthäuser in Deutschland haben so weitreichende Entscheidungen noch nicht getroffen, „aber es bröckelt“, so Stampa.

Die Zeit der zweiten Schließung müsse man nun nutzen, um möglichst effektiv an tragfähigen Zukunftsstrategien zu arbeiten. Auch müsse es jetzt gelingen, deutlich zu machen, dass Kultur mehr ist als Unterhaltung – ganz nett, wenn es sie gibt, aber nicht so wichtig, dass man nicht darauf verzichten könnte. So eine Haltung verändert langfristig die Gesellschaft. Stampa weist auch auf die Situation der vielen Einzelkünstler und selbstständigen Ensembles hin, die bereits in den letzten sieben Monaten ohne Einkünfte waren. Hier sieht er auch die Veranstalter in der Pflicht, diesen wichtigen Teil der Kulturschaffenden zu unterstützen.

„Wir müssen jetzt demokratischen Widerstand leisten“

Thomas Hengelbrock, der an diesem Wochenende vier Konzerte mit den von ihm gegründeten, freien Balthasar-Neumann-Ensembles im Festspielhaus gibt, hat in einem Interview gesagt, es sei „bestürzend zu sehen“, dass die Politik offenbar bereit sei, „eine ganze Branche zu opfern.“

Die Veranstaltungstechniker sind in dieser Woche bereits in Berlin auf die Straße gegangen, die Künstler werden sicher folgen, meint Stampa. „Man muss auch für seine Überzeugungen einstehen, aber immer im demokratischen Diskurs. Wir müssen jetzt demokratischen Widerstand leisten.“

Damit ist Stampa in bester Gesellschaft: Neben Hengelbrock hat auch der Trompeter Till Brönner, der im November ein Konzert im Festspielhaus gehabt hätte, seinen Gefühlen Luft gemacht. Sie alle weisen einerseits auf die finanzielle Notlage hin und betonen andererseits, dass gerade im Kulturbereich mit großzügigen Abstandsmöglichkeiten, ausgetüftelten Sicherheitskonzepten und dem stummen Zuschauen/Zuhören das Infektionsrisiko überschaubar ist. „Orchester, Sänger, Museen, Veranstalter – alle müssen jetzt gemeinsam agieren“, fordert Stampa. Und auch das Publikum muss raus aus der bequemen Zuschauerrolle und zeigen, dass ihm Kultur und Künstler, Theater, Orchester oder Kino wirklich etwas bedeuten.

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
30. Oktober 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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