Tellplatz: Ungezwungenes Gefühl des Taubenschlags fehlt

Ötigheim (manu) – In diesem Jahr ist bei den Volksschauspielen alles anders. Das gilt auch für die Bühnenbauer, die unter Corona-Bedingungen die Kulissen erstellen.

Benjamin Geddert, Michael Lerner, Lukas Späth und Daniel Dörfler (von links) bauen Kulissen für die Sommerspielzeit. Foto: Manuela Behrendt

© manu

Benjamin Geddert, Michael Lerner, Lukas Späth und Daniel Dörfler (von links) bauen Kulissen für die Sommerspielzeit. Foto: Manuela Behrendt

In der Werkstatt von Deutschlands größter Freilichtbühne ist es ruhig. Das ansteckende Pulsieren macht Pause. „Unter besonderen Bedingungen bereiten wir die Kulissen für die Tellplatzsaison vor“, sagt Michael Lerner, technischer Leiter der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ). Seit Anfang März holen er und seine vier Kollegen nach der Kurzarbeit die Naturbühne aus dem langen Winterschlaf.
Die Sechste im Bund ist Bühnenmalerin Bettina Scholzen. Bei ihr liegt die dekorative Gestaltung der variablen Versatzstücke, die in der Schreinerei entstehen. Fünf der mobilen Bauten bilden im zentralen breiten Wegbereich das Blumengeschäft im Musical „Der kleine Horrorladen“. Acht Teile benötigt die Komödie „Das Haus in Montevideo“, die sich auf der Freitreppe abspielt. Der Familienspaß „Max und Moritz“ zieht sich über die gesamte Bühnenbreite. Eine fest installierte Staffage links neben dem Hauptbau macht in zwei Produktionen mit. Passt die Burg zu den Geschichten? „Sind die Spektakel erst mal am Laufen, lenkt das Geschehen von der trutzigen Festung ab; vielleicht hängen wir aber auch noch was ab“, meint Lerner.

Den Kulissenbau stemmt er mit seinem kleinen Team ohne Unterstützung von externen Firmen. Lerner legt größten Wert auf die Einhaltung des strikten Hygienekonzepts, denn „wenn wir einen Coronafall in der Gruppe haben, sind wir alle in Quarantäne; es kommt die Technikabteilung komplett zum Erliegen“.

Zweimal wöchentlich Schnelltest

Zweimal wöchentlich bieten die VSÖ einen Schnelltest an. Auf dem Areal der Freilichtbühne herrscht drinnen wie draußen Maskenpflicht. Am individuellen Tätigkeitsplatz, wo körperliche Arbeit gefordert ist, darf man mit ausreichend Abstand zum Kollegen die Maske abnehmen. Lerner sieht dies im Gesamtbild entspannt: „Generell kommt es uns zugute, dass wir quasi in der freien Natur werkeln.“ Will heißen: Wichtig ist, dass überhaupt etwas geht. Auch wenn das bedeutet, dass momentan wegen der Seuche bei den VSÖ das ungezwungene Taubenschlaggefühl des unentwegten Kommens und Gehens, der Begegnungen und des kurzen Small Talks fehlt. „Muss halt sein“, sagt Lerner schulterzuckend. Wehmut schwingt mit.

Während der technische Leiter sonst bei Proben dabei ist, um entstehende Ideen und Wünsche der Regisseure aufzunehmen und umzusetzen, hält er sich jetzt fern. „Wer etwas möchte, schreibt mir eine Mail; bis zur nächsten Probe führen wir die Anforderungen aus.“

Nach der landesweit für Profitheater ausgearbeiteten Pandemierichtlinie „Proben für Bühne und Studio“ beschäftigen sich die VSÖ mittlerweile auf dem Tellplatz mit szenischer Feinarbeit in Präsenz. „Wir sind kein zu 100 Prozent ehrenamtlich aufgestellter Verein, sondern auch ein wirtschaftlicher Betrieb mit festangestellten Mitarbeitern, die mit ihrem Einsatz bei den VSÖ ihren Lebensunterhalt finanzieren“, erklärt Lerner die besondere Positionierung der VSÖ, welche die Saisonvorbereitung möglich macht analog zum Prozedere an rein kommerziell ausgerichteten Häusern. Was den geplanten Freilichtsommerstart am 12. Juni angeht, ist Lerner Realist. „Eine Premierenfeier gibt es keine“, orakelt er bedauernd. Die Party zum Saisonabschluss Ende August indes schreibt er noch nicht ab.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.