Tempolimit auf Autobahnen: Wo geht das überhaupt?

Karlsruhe (BNN) – Sollte es vorübergehend ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen geben, um Sprit zu sparen? Wir zeigen, um wie viele Kilometer Straße es in der Debatte überhaupt geht.

130, 120 oder gar nur 100 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn? Um eine Energiekrise abzumildern, könnte es vorübergehende Tempolimits geben. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa

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130, 120 oder gar nur 100 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn? Um eine Energiekrise abzumildern, könnte es vorübergehende Tempolimits geben. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa

Nirgendwo in Europa darf man so ungestört aufs Gaspedal treten, wie auf deutschen Autobahnen. Klimaschützern ist das seit Jahren ein Dorn im Auge.

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist die Debatte um ein Tempolimit auf Autobahnen, wahlweise dauerhaft oder auch nur vorübergehend, erneut aufgeflammt. Im Kern geht es dabei darum, was man tun könne, sollte es in Folge des Krieges zu einer Energiekrise kommen – und ob man mit weniger Spritverbrauch einen Beitrag dazu leisten kann, Wladimir Putins Kriegskasse nicht weiter zu füllen.

Trotz der veränderten Weltlage sträubt sich vor allem die FDP weiter gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Anfang April hatte der liberale Bundesverkehrsminister Volker Wissing eine flächendeckende Geschwindigkeitsbeschränkung mit dem Argument abgelehnt, dass es dafür nicht genügend Verkehrsschilder gebe. Das hatte schon damals teilweise für ungläubiges Kopfschütteln gesorgt.

Nicht genügend Schilder für ein Tempolimit?

Tatsächlich ist unklar, wie der Minister zu diesem Schluss gekommen ist. Das Kollektiv „Zerforschung“, ein Zusammenschluss von Informationsfreiheits-Aktivisten, hatte beim Bundesverkehrsministerium die Herausgabe von Gutachten, Aufzeichnungen und Akten zu einem möglichen Mehrbedarf von Verkehrsschildern wegen eines flächendeckenden Tempolimits verlangt.

Der Gedanke: Wenn Wissing eine derartige Einschätzung öffentlich äußert, würde dahinter doch sicherlich ein Gutachten oder zumindest eine fundierte Notiz stecken.

Am Mittwoch nun hat das Kollektiv eine öffentlich einsehbare Antwort erhalten. Demnach gibt es im Ministerium überhaupt keine amtlichen Informationen zu der Frage, ob eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu einem Mehrbedarf an Verkehrsschildern führt.

Nicht genügend Schilder für ein Tempolimit? Wie Verkehrsminister Volker Wissing zu dieser Einschätzung kam, bleibt im Dunkeln. Foto: Jörg Carstensen/dpa

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Nicht genügend Schilder für ein Tempolimit? Wie Verkehrsminister Volker Wissing zu dieser Einschätzung kam, bleibt im Dunkeln. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Absehbar wird sich allerdings der Bundestag mit einem Tempolimit beschäftigen müssen. Eine Petition, die ein Sofortprogramm zur Energie-Unabhängigkeit von Russland fordert, wird von mehr als 65.000 Unterzeichnern unterstützt. Jetzt wird dem Petitionsausschuss des Bundestags unter anderem die Forderung vorgelegt, die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 100 Kilometern pro Stunde zu senken.

Mehr als 25.000 Kilometer Autobahn in Deutschland

Doch um wie viele Kilometer Autobahn geht es in der Tempolimit-Debatte überhaupt? Zuletzt kursierten Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) in der Öffentlichkeit. Demnach sollen rund 30 Prozent der 25.767 Autobahnkilometer in Deutschland über ein Tempolimit verfügen.

Diese Angaben geben allerdings den Stand von 2015 wieder. Nicht berücksichtigt ist daher etwa das zunächst 19 Kilometer lange Teilstück der A81 im Schwarzwald, auf dem seit 2018 Tempo 130 galt – und später in einem Abschnitt nach einer Gerichtsentscheidung wieder zurückgenommen werden musste. Zudem ist für die Planung und den Betrieb der Autobahnen mittlerweile die eigens gegründete Autobahn GmbH zuständig.

Mehrere Anfragen der BNN an die Autobahn GmbH, auf welchen Autobahnabschnitten bundesweit Tempolimits gelten, blieben unbeantwortet. Zumindest von der Niederlassung Südwest waren allerdings Angaben für Teile Baden-Württembergs und von Rheinland-Pfalz zu bekommen. Diese Angaben haben die BNN um Daten aus frei verfügbaren, nichtamtlichen Quellen ergänzt.

Tempolimits auf Autobahnen in Baden-Württemberg

Demnach gilt auf knapp 42 Prozent der mehr als 2.100 Autobahnkilometer (in beide Fahrtrichtungen) in Baden-Württemberg zumindest ein zeitweiliges Tempolimit. Darin enthalten sind auch Strecken mit einem technisch gesteuerten dynamischen Tempolimit – Fachleute sprechen von einer Verkehrsbeeinflussungsanlage.

Autobahnabschnitte mit einer Begrenzung auf 120 Kilometern pro Stunde sind dabei am weitesten verbreitet – nämlich auf etwa 475 Kilometern. Auf etwa 110 Kilometern ist die Höchstgeschwindigkeit auf 100 km/h begrenzt. Die Forderung nach einer flächendeckenden Beschränkung auf 100 km/h würde also auf gut 95 Prozent der landesweiten Autobahnstrecke greifen.

Die BNN-Datenanalyse zeigt auch: Die Geschwindigkeitsbeschränkung gilt in den allermeisten Fällen absolut – egal ob viel oder wenig Verkehr herrscht, ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint. Dynamisch geregelte Tempolimits gibt es in Baden-Württemberg nur auf gut 250 Kilometern, auf gut 26 Kilometern gibt es ein zeitlich beschränktes Tempolimit. Witterungsbedingte Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten auf etwa 31 Kilometern.

Vergleichsweise wenig Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der A5

Auf der A5 haben Autofahrer übrigens vergleichsweise häufig freie Fahrt: Auf der rund 525 Kilometer langen Strecke zwischen Hemsbach im äußersten Norden und der Grenzbrücke Weil am Rhein beziehungsweise in umgekehrter Richtung liegen nur 150 Kilometer mit Geschwindigkeitsbeschränkung – gut ein Viertel der Strecke. Geringer ist der Anteil der beschränkten Strecke nur auf der A7. Dort haben Autofahrer auf rund 90 Prozent freie Fahrt.

Ganz anders sieht es dagegen auf der A6 zwischen dem Kreuz Mannheim und Crailsheim aus. Dort sind BNN-Berechnungen zufolge knapp 41 Prozent der 313 Kilometer langen Autobahnstrecke mit einem Tempolimit versehen – 97,5 Kilometer davon mit Tempo 120.

Auf der A8 zwischen dem Dreieck Karlsruhe und dem Kreuz Ulm/Elchingen gilt auf der rund 340 Kilometer langen Strecke (beide Richtungen) auf gut einem Drittel ein festes Tempolimit. Freie Fahrt auf den verbliebenen Kilometern bedeutet das aber noch lange nicht: Eine ebenso lange Strecke kann bei Bedarf dynamisch mit einem Tempolimit versehen werden.

Kommentar: Von Glauben und Fakten

Von BT-Redakteur Thomas Trittmann

Deutsche Autobahnen sind die sichersten Straßen der Welt. So lautet das gern wiedergekäute Glaubensbekenntnis der Bleifuß-Jünger. Auch der vormalige Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der höchst selten durch Kompetenz aufgefallen ist, hat das Sprüchlein immer wieder gern aufgesagt. Es soll ein Argument gegen ein Tempolimit sein.

Allerdings ist es mit dem Glauben so eine Sache. Die Basis politischer Entscheidungen sollten Fakten sein, nicht (Aber-)Glauben. Die Fakten indes sprechen eine eindeutige Sprache: Ein Dutzend Länder in Europa hat eine niedrigere Quote Getöteter auf Autobahnen vorzuweisen als Deutschland, darunter Frankreich, Spanien, Großbritannien.

Und: Die Quote Getöteter liegt auf deutschen Autobahnen ohne Tempobegrenzung um 75 Prozent höher als die Quote auf deutschen Autobahnen mit Limit.

Der Schutz von Menschenleben sollte eigentlich Grund genug sein, sofort ein generelles Limit einzuführen. Doch es gibt noch viel mehr Argumente dafür, und sie sind sattsam bekannt: Weniger Staus, weniger Unfälle, eine Reduzierung der Unfallschwere, weniger Aggression auf der Straße, weniger Lärm.

Schon merkwürdig, dass weltweit alle Länder, die über Autobahnen verfügen, das erkannt haben. Nur wir Deutschen glauben, es besser zu wissen – woher auch immer diese Hybris kommt, die argumentativ durch nichts, aber auch gar nichts zu unterfüttern ist.

Im Übrigen verspricht weniger Bleifuß auch eine nennenswerte Einsparung von Sprit und damit Kohlendioxid. Je nach Limit lassen sich laut Umweltbundesamt zwischen 1,9 und 5,4 Millionen Tonnen CO2 jährlich sparen. Wer das für vernachlässigbar hält, hat offenkundig die Dramatik der Lage bei der Erderwärmung nicht erkannt. Alle Sachargumente sprechen für ein Tempolimit auf Autobahnen. Und zwar für ein dauerhaftes.

Ihr Autor

BNN-Redakteur Christian Schellenberger

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Erstellt:
12. Mai 2022, 08:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 14sec

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