Testpflicht an Schulen sorgt für Ärger

Baden-Baden (kie) – Ab Montag gilt in Schulen für die Teilnahme am Präsenzunterricht eine indirekte Testpflicht. Das gefällt nicht allen Eltern.

Ohne negatives Ergebnis dürfen Schüler nicht in die Schule. Das sorgt für Kritik. Foto: Christoph Soeder/dpa

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Ohne negatives Ergebnis dürfen Schüler nicht in die Schule. Das sorgt für Kritik. Foto: Christoph Soeder/dpa

Ab kommender Woche sollen Schüler im Wechselmodell wieder im Klassenzimmer sitzen – dann allerdings nicht mehr nur mit Maske und Abstand: Zwei negative Coronatests pro Woche werden zur Bedingung für die Teilnahme am Präsenzunterricht. Ein Teil der Elternschaft läuft gegen diese Entscheidung Sturm.

In einem Brief, den auch Schulleiter in der Region erhalten haben, machen Eltern ihrem Unmut Luft und stellen kritische Fragen zu den Testungen. Der Brief ist unterschrieben mit „Von besorgten Eltern“ und liegt dem BT vor. Die Absender sorgen sich insbesondere um die gesundheitlichen Folgen der Corona-Selbsttests.

Befürchtet werden etwa Verletzungen, die durch den Abstrich verursacht werden, psychologische Probleme infolge eines positiven Testergebnisses mit anschließender Isolierung des betroffenen Kindes vom Rest der Klasse oder gesundheitliche Schädigungen durch bestimmte Inhaltsstoffe der Schnelltests. Außerdem wird die Sinnhaftigkeit von Tests bei symptomfreien Personen generell in Zweifel gezogen. Argumentativ untermauert wird die Kritik mit einem unlängst gefällten Gerichtsurteil aus Weimar, das die Rechtmäßigkeit von Test- und Maskenpflicht anzweifelt und einem Positionspapier mehrerer medizinischer Institutionen, darunter der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die eine hohe Rate an falschen Schnelltestergebnissen befürchten.

Brief „bundesweit“ im Umlauf

Der Rastatter Schulamtsdirektor, Wolfgang Held, kennt den Brief; „bundesweit“ sei dieser im Umlauf. Schulleiter sollten sich vor allem von dem Verweis auf das Weimarer Gerichtsurteil nicht verunsichern lassen, sagt Held unter Verweis auf die Einschätzung eines Juristen. Dieses habe keine Allgemeingültigkeit, ohnehin sei in Baden-Württemberg ein entsprechendes Urteil nur durch ein Verwaltungsgericht zu fällen, nicht wie im Fall von Weimar durch ein Familiengericht. Auch er habe bereits „solche Sachen“ bekommen. Die Sorge der Eltern, Kinder würden bei einem positiven Testergebnis in der Schule stigmatisiert, weil sie von den Mitschülern getrennt würden, entkräftet er: „Isolation heißt ja nicht, dass man die Kinder in den Keller sperrt. Bei den Schülern wird natürlich jemand bleiben.“

Michael Mittelstaedt, Vorstand des Landeselternbeirats (LEB) spricht gar von einem „Sturm der Verrückten“. Er erzählt, dass Elterngruppen dazu aufgerufen hätten, eine Sitzung des LEB zu „stürmen“. Diese Eltern befänden sich in „Blasen“, die sich in sozialen Medien und Messengerdiensten wie Telegram, Facebook oder Signal bildeten. Er schätzt ihre Anzahl in Baden-Württemberg auf rund 10.000 Personen. „Nicht viele, aber die sind so richtig laut“, fügt er an.

Gegen den LEB hatte erst kürzlich eine Mutter eine Online-Petition gestartet. Der Vorwurf lautet, dass der LEB mit seiner Haltung Tests und Maskenpflicht an Schulen zu verantworten habe. „In der Petition stehen ja nur sachlich falsche Sachen drin“, erwidert Mittelstaedt darauf. Er spricht sich gegenüber dem BT vielmehr gegen die nun bestehende Umsetzung der Tests aus: Die Fehlerquoten seien zu hoch, wegen der Inkubationszeit müsste zudem jeden Tag getestet werden und nicht nur zweimal in der Woche. „Wenn’s dumm läuft, generieren wir so ein Superspreader-Event und machen in einer Woche wieder die Schulen zu.“

Elternbeirat fordert Test-Alternativen

Außerdem sei gerade bei den Tests zu Hause oft die Zeit ein Problem: „Wollen Sie mir wirklich erzählen, dass alle Eltern morgens 20 Minuten Zeit haben, diesen Test durchzuführen? Wenn ein gewisser Prozentsatz an Eltern es nicht fertig bringt, dem Kind ein Pausenbrot mitzugeben?“ Seit Oktober fordere der LEB anstelle einer Masken- oder Testpflicht alternative Konzepte für mehr Corona-Schutz; Plexiglasscheiben in Klassenräumen etwa, effektive Lüftungsanlagen und sogenannte „Pooltests“.

Manche Schulen, darunter Grundschulen, dürfen selbst entscheiden, ob die Tests zu Hause oder vor Ort erfolgen. Für eine Testung daheim spricht, dass die Schüler bereits vor Schulbeginn ein Testergebnis in Händen halten; dagegen, dass die Tests weniger überwacht sind und eher die Möglichkeit zum Betrug besteht. Da die Präsenzpflicht nach wie vor ausgesetzt ist, können Schüler weiter den Fernunterricht besuchen, wenn sich die Eltern gegen eine Testung aussprechen.

„Lehrer sind keine Ermittlungsbeamten“

Wird zu Hause getestet, müssen Eltern eine Erklärung bei der Schule abgeben, in der das Testergebnis eingetragen wird. „Das wird nicht kontrolliert“, sagt Held. „Im Moment geht die Landesregierung davon aus, dass Eltern verantwortungsvoll damit umgehen.“ Und fügt an: „Lehrer sind keine Ermittlungsbeamten.“ Ein Sprecher des Kultusministeriums ergänzt auf BT-Anfrage: „Mutwillig falsche Angaben können rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Das gilt insbesondere auch, wenn eine Schülerin beziehungsweise ein Schüler in die Schule geschickt wird, bei der beziehungsweise dem der Verdacht besteht, dass er oder sie mit dem Coronavirus infiziert ist“. Bedenken von Eltern würden grundsätzlich „sehr ernst“ genommen. Die Schulen seien unter anderem durch „Hilfestellungen des Kultusministeriums, Hilfs- sowie Blaulichtorganisationen gut vorbereitet“ auf die Testungen. Die Sorgen von Eltern seien vor diesem Hintergrund zwar „verständlich, aber unbegründet“.

Held vermutet, dass etwa die Hälfte der Schulen in Mittelbaden zu Hause testen lässt. Vertrauen spielt dabei eine Rolle: „Eine Brennpunktschule in einer Stadt mit weniger kooperativen Eltern wird eher den Weg der Testung in der Schule gehen.“ Die Grundschule im ländlichen Raum werde sich wohl für die Testung daheim entscheiden, so Held.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
15. April 2021, 18:09 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 33sec

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