Testpflicht für Kinder sorgt für Ärger

Baden-Baden (rap) – Die Empörung bei Vereinen in Baden-Württemberg ist groß: Seit Dienstag gilt eine Testpflicht für Kinder ab sechs Jahren für Sport im Freien. Am Donnerstag gab es Nachbesserungen.

Den Ball von der Linie kratzen? Das ist für Kinder ab sechs Jahren im Training nur noch mit einem negativen Testergebnis möglich. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

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Den Ball von der Linie kratzen? Das ist für Kinder ab sechs Jahren im Training nur noch mit einem negativen Testergebnis möglich. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Yannick Jas konnte schlicht nicht glauben, was er da las. Zunächst sei er entsetzt gewesen, dann frustriert und schließlich traurig, als er die E-Mail vom Südbadischen Fußballverband (SBFV) am Dienstagmittag geöffnet, Satz für Satz studiert und die niederschmetternde Botschaft verinnerlicht hatte. Was der Jugendleiter der Spvgg Ottenau Zeile für Zeile da lesen musste, glich eher einem ziemlich verspäteten Aprilscherz.

„Mit Unverständnis“, so begann jene SBFV-Mail, „nehmen die Fußballverbände in Baden-Württemberg zur Kenntnis, dass das Kultusministerium zwischenzeitlich seine Auslegung der aktuell gültigen Corona-Verordnung (Corona-VO) geändert hat. Demnach müssen auch Kinder ab sechs Jahren getestet sein, um in 20er-Gruppen trainieren zu dürfen.“ Für Jas und viele andere Jugendleiter, Jugendtrainer und Fußballverantwortliche in Mittelbaden und Baden-Württemberg war das Schreiben, beziehungsweise die Änderung der bis dato gültigen Corona-Verordnung, ein Schlag in die Magengrube. Ein Wirkungstreffer. „Wir haben viel Kraft reingesteckt, dass wir seit Kurzem überhaupt wieder ein Training anbieten konnten. Wir haben Hygienekonzepte erstellt und waren im ständigen Austausch mit dem Gesundheitsamt“, berichtet Jas, „und jetzt wird dem Kinder- und Jugendfußball so ein Knüppel zwischen die Beine geworfen. Das ist nicht zu glauben und macht einen nur noch traurig.“

Jas: „Nur negative Reaktionen“

Dabei war die Freude zuletzt doch groß bei den kleinen Fußball-Talenten in Mittelbaden. Seit einigen Wochen, als die Inzidenzen unter 100 fielen, war die Rückkehr auf den Sportplatz gar in 20er-Gruppen erlaubt, durften Kinder und Jugendliche bis einschließlich 13 Jahre ohne Test trainieren. Dies kommunizierte der SBFV Mitte Mai – abgesprochen mit dem Kultusministerium – seinen Mitgliedern. Selbst als die Bundesnotbremse bei Inzidenzen über 100 noch galt, konnten Kinder bis 13 Jahre in Fünfer-Gruppen ohne Test-, Impf- oder Genesenennachweis gemeinsam Sport treiben. Nun, obwohl die Fallzahlen landesweit rapide gesunken sind, der Öffnungsschritt 2 in vielen Landkreisen wie etwa in Rastatt kurz bevorsteht, macht die Politik eine Rolle rückwärts und verschärft die Bedingungen wieder. So weit, so unverständlich.

Erste Konsequenz: Das Jugendtraining bei der Spvgg Ottenau wurde seit Dienstag für die komplette Woche eingestellt. „Ich habe mich mit den Jugendtrainern beraten, es gab nur negative Reaktionen zu der Verschärfung, manche Trainer haben gar gedroht, komplett aufzuhören, wenn die Rückkehr auf den Platz weiter so erschwert wird“, gibt Jas einen bedenklichen Einblick in das Seelenleben vieler Ehrenamtlicher.

Corona-Testpflicht bei Kindern soll „nachgebessert“ werden

Vor allem stimmt es Jas traurig, dass die Politik überhaupt kein Gehör für den Kinder- und Amateursport habe, die Kleinsten, die in den vergangenen eineinhalb Jahren derart unter den Einschränkungen der Pandemie zu leiden hatten, einfach links liegengelassen werden. „Es gibt etliche wissenschaftliche Arbeiten, die belegen, dass das Ansteckungsrisiko bei Freiluftsport nahezu gen null tendiert. Auch 2020 gab es keine Infektionen beim Fußball. Wieso die Politik die Augen vor der Wissenschaft verschließt, verstehe ich nicht“, sagt Jas.

Auch der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) äußerte sein Unverständnis über die Testpflicht für Kinder ab sechs Jahren für Sport im Freien. Die Geduld der Vereine sei am Ende und forderte von der Politik, die „Sportvereine nicht weiter vor den Kopf zu stoßen“.

Die neue Verordnung gilt nun bis Freitag, 11. Juni. Eigentlich. Denn laut BT-Nachfrage im Sozialministerium soll bei der Corona-Testpflicht bei Kindern ab sechs Jahren „nachgebessert“ werden. Im Gespräch sei, so ein Sprecher des Sozialministeriums weiter, „dass Schulen die Tests unbürokratisch bescheinigen und Tests für Kinder eine längere Gültigkeit als bisher haben sollen“. Ganz ohne Tests, wie es in den vergangenen Wochen bereits praktiziert wurde, werde „es aber nicht gehen“, stellte das Sozialministerium klar.

Für Thorsten Bach, Vorstand des FC Gernsbach, ist das ein „bürokratischer Wahnsinn, komplett an der Realität vorbei“. Wenn die Politik so weitermache und dem Kinder- und Jugendsport solche Knüppel zwischen die Beine werfe, „macht sie den Breitensport und das Ehrenamt kaputt“, so Bach. Für die Vereine sei das bald nicht mehr zu stemmen. Den Trainern werde noch mehr Verantwortung – neben den ganzen Hygienekonzepten – aufgebürdet. „Irgendwann sagen die doch: ,Jetzt reicht‘s, ich mach das nicht mehr mit!‘“, befürchtet der FCG-Vorstand.

„Gesellschaftliche Verpflichtung unseren Mitgliedern gegenüber“

Jochen Sammüller sieht ein Hauptproblem auch in der „verbesserungswürdigen Kommunikation“ zwischen den Verbänden und der Politik. „Da wird mit keiner einheitlichen Sprache gesprochen“, findet der Vorstand Jugend des SV Sinzheim, „und ausbaden müssen es dann die Vereine. Die Verantwortung wird auf die Ehrenamtlichen abgewälzt.“ Eine „völlige Intransparenz“ bescheinigt Sammüller den handelnden Organen. Die Verunsicherung und Verärgerung über dieses „Bürokratiemonster“ sei groß – bei den Jugendtrainern, den Vereinsverantwortlichen, aber vor allem auch bei den Eltern. „Ich verstehe einfach nicht, wieso es nicht pragmatischer gehandhabt wird. Der Freiluftsport ist nachweislich keine Superspreader-Aktivität“, sagt der SVS-Vorstand.

Aufgeben wollen Sammüller und seine Mitstreiter unterm Fremersberg aber nicht. Ein Training – auch mit Testpflicht – soll weiter stattfinden. „Wir als Verein haben eine gesellschaftliche Verpflichtung unseren Mitgliedern gegenüber. Die Kinder haben lange genug leiden müssen. Es ist für die Entwicklung der Kinder wichtig, dass wir sie wieder auf die Plätze holen. Egal, wie groß der Aufwand auch ist.“

Am Donnerstagabend reagierte das Sozialministerium tatsächlich – und gab die neue Corona-Verordnung mit zahlreichen Lockerungen bekannt. Danach ist „für Schülerinnen und Schüler die Vorlage eines von der Schule bescheinigten negativen Tests, der maximal 60 Stunden zurückliegt, künftig für den Zutritt zu allen zulässigen Angeboten ausreichend“. Angesichts des Intervalls der Schultests ist damit auch das Fußball-Training, wie angekündigt, neugeregelt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Sieben-Tage-Inzidenz in der jeweiligen Region an fünf aufeinander folgenden Tagen unter 35 bleibt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Christian Rapp

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Erstellt:
3. Juni 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 52sec

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