Theater Baden-Baden in Corona-Zeit: BT-Interview mit Nicola May

Baden-Baden (cl) – Was macht das Theater Baden-Baden in der Corona-Krise? Der Spielbetrieb ist sowieso eingestellt, geprobt darf auch nicht werden, wie Intendantin Nicola May im BT-Interview erklärt. Viele Pläne würden geschmiedet für den Herbst und Online-Angebote aufgezeichnet.

Spielbetrieb eingestellt: Nicht nur die Zuschauer müssen wegen der Corona-Krise draußen bleiben, die Schauspieler dürfen nicht einmal proben.Foto: BT-Archiv

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Spielbetrieb eingestellt: Nicht nur die Zuschauer müssen wegen der Corona-Krise draußen bleiben, die Schauspieler dürfen nicht einmal proben.Foto: BT-Archiv

Der Vorhang ist zu: Auch das Theater Baden-Baden hat in der Corona-Krise seinen Spielbetrieb mindestens bis 19. April eingestellt – und hinter den Kulissen bleibt für die Mitarbeiter am Goetheplatz nicht viel Spielraum. „Wir machen einen Plan nach dem anderen: einen, wenn wir am 19. April wieder spielen können, einen, wenn wir dann wieder proben dürfen“, erklärt Theaterintendantin Nicola May im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt. Und fürs Publikum soll es ein paar Angebote online geben.

BT: Frau May, was macht das Theater in der Corona-Krise?

Nicola May: Nicht nur der Spielbetrieb, auch der Probenbetrieb ist eingestellt. Angesichts des geforderten Abstands ist es nicht möglich, dass sich Schauspieler beim Proben nahekommen. Und das technische Personal kann auch nur bestimmte Aufräumarbeiten machen, ohne mit anderen in Kontakt zu kommen. Gerade war ich in der Kostümabteilung in unserem schönen, neuen und jetzt sehr leeren Probenzentrum. Das Team entwickelt Pläne für Schichtarbeiten in Minitrupps, um wenigstens noch Dinge fertigzustellen und auch noch das eine oder andere im Fundus arbeiten zu können. Insofern stehen hier die Räder ziemlich still.

BT-Interview

BT: Viele Theater bauen derzeit fürs Publikum als kleinen Ersatz ihre digitalen Angebote aus. Wie läuft das bei Ihnen?

May: Wir haben eine wirklich professionell aufgezeichnete Produktion, das ist „Dantons Tod“ von 2016, die haben wir jetzt online gestellt. Das Ensemble macht darüber hinaus Videoclips mit Blick hinter die Kulissen und anderen Aktionen, die demnächst eingestellt werden. Unsere Theaterpädagogin zeichnet zum Beispiel gerade eine Kinderführung auf, bei der das „Kleine Gespenst“ durchs leere Theater läuft – und das wird demnächst auch online gestellt.

BT: Ist diese Situation für Sie ein Anlass, auch das digitale Angebot des Theaters künftig zu erhöhen?

May: Das Interesse an der digitalen Welt und ihren Möglichkeiten in Kunst und Vermittlung hatte ich schon vor dem Virus. Es ist immer die Frage, was eine sinnvolle Ergänzung ist. Natürlich ist das analoge Erlebnis einer Theateraufführung etwas Singuläres, das man durch etwas Digitales nicht ersetzen kann. Aber man kann vielleicht noch mehr Dinge begleiten. Ich glaube aber überhaupt, dass man in dieser Zeit über alles Mögliche nachdenkt, über Arbeitsweisen und –prozesse und generell über das, was man tut. Vielleicht gibt einem diese schwierige Zeit ja auch Erkenntnisse, und vielleicht machen wir ja danach auch ein paar Dinge anders und besser als vorher. Ich würde mir jedenfalls sehr wünschen, dass das Ganze auch für etwas gut ist.

BT: Planen Sie schon für die Zeit danach, wenn der Spielbetrieb wieder anlaufen kann?

May: Wir machen einen Plan nach dem anderen: einen, wenn wir am 19. April wieder spielen können, einen, wenn wir dann wieder proben dürfen und einen, wenn wir erst am 15. Juni wieder anfangen dürfen. Momentan herrscht eine eigenartige Stimmung, zwischen völligem Stillstand und totaler Hektik.

BT: Falls Sie erst zum 15. Juni den Spielbetrieb wieder aufnehmen könnten, gäbe es die Möglichkeit, die Spielzeit zu verlängern?

May: Das ist wegen der Sommerferien schwer zu sagen. Aber man weiß derzeit ja gar nichts.

BT: Wie gehen Sie mit ausgefallenen Produktionen um, etwa der Kammeroper „Simplicius Simplicissimus“, die im Rahmen der abgesagten Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker geplant war und dann im Theaterspielplan aufgenommen werden sollte?

May: Klar ist, dass der „Simplicius“ in der derzeitigen Spielzeit nicht mehr kommen kann. Das schaffen wir nicht. Selbst wenn wir im April wieder loslegen dürften, bekommen wir die Termine nicht mehr zusammen. Das Bühnenbild war fertiggebaut, die Produktion auf einem guten Weg: Es war hart, sie zu stoppen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir sie vielleicht in der nächsten Spielzeit zeigen können, auch in Abstimmung mit unseren Kooperationspartnern Festspielhaus und den Berliner Philharmonikern, darüber spreche ich gerade mit den Kollegen.

„Unser Ensemble ist in Lohn und Brot“

BT: Das Festspielhaus plant für den Herbst ein Ersatz-Festival mit den Berliner Philharmonikern. Könnten Sie sich vorstellen, den „Simplicius“ auch anzubieten?

May: Das wäre ein großer Eingriff in die neuen Spielzeitplanungen. Der Herbst ist für uns immer eine sehr dichte Zeit der ersten Premieren. Aber eben, ausschließen will ich jetzt gar nichts.

BT: Die französische Gesellschaftskomödie „Der Vorname“ ist ja noch am Premierentag abgesagt worden. Wie geht es mit dieser fertigen Inszenierung weiter?

May: Wir hoffen, das Stück nach einer vertretbaren Zeit – das kann ja auch zwischen dem 19. April und dem 15 Juni sein – noch rausbringen zu können. Denn diese Produktion ist komplett fertig. Keine Chance mehr hat in dieser Spielzeit die Inszenierung „Jugend ohne Gott“. Dazu hätten jetzt die Proben beginnen sollen. Außerdem kommt der Regisseur aus Wien, was derzeit auch nicht mehr möglich ist. Auch das wollen wir eventuell nächste Spielzeit machen. Dafür sind allerdings in der Federführung von Kekke Schmidt (die Chefdramaturgin übernimmt während des ab Sommer geplanten Sabbatjahrs von Intendantin Nicola May die Theaterleitung, Anm. d. Red.) die Planungen sehr weit fortgeschritten, das ist ja alles eine Kettenreaktion. Momentan sind wir in Gesprächen mit den Regieteams. Dabei kann sich immer mal etwas verschieben, von der nächsten in die übernächste Spielzeit. Oder es gibt eine Premiere mehr in der nächsten Saison.

BT: Sind die Jobs am Theater angesichts der Einstellung des Spielbetriebs in akuter Gefahr?

May: Unser festes Ensemble ist davon nicht betroffen – und in Lohn und Brot. Die Ensemblemitglieder können noch Texte lernen oder sich einbringen in verschiedene Onlinesachen. Was sie innerhalb der Regelungen machen können, das machen sie, wie die Mitarbeiter der anderen Abteilungen des Theaters auch.

BT: Die Freien im Theaterbetrieb allerdings haben schon jetzt erhebliche finanzielle Einbußen. Betrifft das viele am Theater Baden-Baden – und wie gehen Sie damit um?

May: Für die Freien ist die Situation prekär. Bei der einen oder anderen Produktion sind Gäste dabei. Die haben natürlich Verdienstausfälle. Es gibt Standardregeln, wie man bei Absagen verfährt, aber das Ausmaß ist jetzt natürlich neu. Wir versuchen, mit allen so kulant und fair wie möglich umzugehen. Aber wir müssen als öffentlicher Betrieb auch selbst unsere Mindereinnahmen berücksichtigen.

„,Hochzeit mit Hindernissenʻ sollte unser Kassenschlager werden“

BT: Das betrifft die ganze Theaterbranche.

May: Natürlich ist das ein Riesenthema für die gesamte Kreativbranche, alle frei Arbeitenden, auch Filmproduzenten, freischaffende Musiker, auch die Philharmonie Baden-Baden hat gewöhnlich Freie, die sie nun nicht mehr beschäftigen kann. Deswegen gibt es diesbezüglich auch schon Appelle vom Deutschen Kulturrat und vom Bühnenverein an die Länder und den Bund, die Kreativbranche zu unterstützen. Das kann kein Betrieb alleine lösen, da muss die Politik helfen.

BT: Wie viele Freie beschäftigen Sie am Theater?

May: Im Prinzip sind nur die Regie-Teams freie Mitarbeiter, da gehören als Standard ein Regisseur oder eine Regisseurin sowie die Ausstatter dazu. Und pro Produktion eine oder zwei zusätzliche Darsteller. Die Produktionen mit den meisten darstellenden Gästen der derzeitigen Spielzeit sind „Hamlet“ und „Hochzeit mit Hindernissen“. Gott sei Dank ist der „Hamlet“ bereits einmal durchs Abo gekommen, wir mussten bisher nur eine Vorstellung absagen, insgesamt verlieren wir nur zwei Vorstellungen. Bei „Hochzeit mit Hindernissen“ sind drei Abo-Vorstellungen ausgefallen. Wenn wir rechtzeitig wieder aufmachen könnten, vielleicht bis Mai, könnten wir diese Termine noch nachholen. Dann kommen sowohl die Abonnenten wie die darstellenden Gäste zu ihrer Aufführung.

BT: Wie lief die Spielzeit bis zum Corona-Abbruch?

May: Super. Wir hatten ein richtig schnurrendes Rad, und dann hat jemand einen Stock zwischen die Speichen gestellt. So fühlt sich das an. Unser kalkulierter Kassenschlager, das Musical „Hochzeit mit Hindernissen“, hatte leider erst im Februar Premiere, das ist noch nicht ganz ausgeschöpft und sollte das Sahnehäubchen auf einem wunderbaren Herbst und Winter werden. Schade. Aber wenn jemand krank wird, ist das natürlich noch viel schlimmer. Bei aller Verunsicherung, die wir alle haben, auch persönlich, herrscht ein großes Wollen bei allen Mitarbeitern des Theaters, den Laden am Laufen zu halten.

Homepage des Theaters Baden-Baden

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Erstellt:
22. März 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 06sec

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