Theater experimentieren mit Virtual Reality

Baden-Baden (BNN) – Die Bühne erweitert sich ins Digitale: Schon vor den Theaterschließungen wegen Corona haben Aufführungen mit „Virtual Reality“ experimentiert - ein Trend, der sich verstärkt hat.

Künstliche Welt als Teil der Geschichte: In „Der goldne Topf“ geht es um die Flucht in Fantasiewelten, am Theater Baden-Baden inszeniert mit VR-Technik. Foto: Jochen Klenk

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Künstliche Welt als Teil der Geschichte: In „Der goldne Topf“ geht es um die Flucht in Fantasiewelten, am Theater Baden-Baden inszeniert mit VR-Technik. Foto: Jochen Klenk

Was hat der Dichter E.T.A. Hoffmann mit „virtual reality“ zu tun? Mehr als man auf den ersten Blick meinen würde, beweist die Bühnenfassung seines Märchens „Der goldne Topf“ am Theater Baden-Baden. „Die Geschichte dreht sich ja darum, dass der Student Anselmus eine Fantasiewelt kennenlernt, die ihm vollkommen real erscheint“, sagt Intendantin Nicola May. Als sie das Stück 2018 auf die Bühne brachte, hatte sie kurz zuvor das Kollektiv CyberRäuber kennengelernt, das sich mit dem Einsatz Neuer Medien im Theater befasst. Als Kooperation entstand eine Aufführung, die dank Szenen mit VR-Brillen auch den Besuchern vermittelt, wie real der Hauptfigur eine völlig irreale Welt vorkommt.

Im Februar erlebt „Der goldne Topf“ nun seine Wiederaufnahme. Anlass ist das Festival „Fit fürs Abi in fünf Tagen“. Und fast dreieinhalb Jahre nach der Premiere ist die Produktion hinsichtlich der Technik mehr als Puls der Zeit denn je. Denn immer mehr Theater in Deutschland loten künstlerisch die Möglichkeiten des Digitalen aus.

Dabei geht es nicht einfach darum, konventionelle Produktionen im Internet zu streamen. Bereits vor Beginn der Pandemie wurden Aufführungen speziell fürs Digitale geschaffen und neue Erzählweisen ausprobiert. So gab es in der Saison 2018/19 auch am Staatstheater Karlsruhe eine Kooperation mit den CyberRäubern: Im Frühjahr 2019 wurde dort das Projekt „Virtual Freischütz“ präsentiert. In einer hierfür eingerichteten Sitzecke im Zwischenfoyer konnten Besucher per VR-Brille aus vier jeweils rund 15-minütigen Episoden aus der Oper „Der Freischütz“ wählen. Hierbei begegnete man Figuren aus der Oper, die von Ensemblemitgliedern des Theaters dargestellt wurden, in virtuellen Räumen – mal im Weltall, mal in einem Irrgarten, mal in einer Gebirgslandschaft.

Corona-Pandemie als Katalysator

Das Inszenieren mit digitalen Mitteln habe einen unglaublichen Schub bekommen, konstatiert der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda. Die Corona-Pandemie habe wie ein Katalysator gewirkt. Die Digitalisierung schaffe neue Möglichkeiten, das Publikum zu erreichen und anzusprechen, ist der Hamburger Kultursenator überzeugt. „Zum anderen entstehen auch neue künstlerische Ausdrucksformen.“ Das Digitale könne das klassische Theater ergänzen, aber auch ein ganz neues Theatererlebnis schaffen.

So gibt es beispielsweise hybride Produktionen, bei denen neben dem Geschehen auf der Bühne die Zuschauer im Saal für einzelne Szenen VR-Brillen aufsetzen wie in der Oper „Orfeo ed Euridice“ des Staatstheaters Augsburg.

Ballette, Konzerte und Theaterstücke werden aber auch komplett virtuell in 360-Grad-Perspektive geboten wie beim Zwickauer „Erlkönig“. Mit einer VR-Brille, die mit dem Ticket leihweise per Post bestellt werden kann, können sich die Zuschauer die Stücke zu Hause ansehen oder im Unterricht in der Schule. Andere Geschichten werden live im Internet erzählt wie bei der viel beachteten Adaption von Goethes „Werther“ des Kollektivs „punktlive“ um die Regisseurin Cosmea Spelleken, Absolventin der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

Erprobt werden aber auch interaktive Formate, bei denen Zuschauer auf den Fortgang des Geschehens Einfluss nehmen können. Oder Publikum und Schauspieler begegnen sich gänzlich im kollektiven virtuellen Raum wie beim Elektrotheater.

Am Nationaltheater Mannheim wurde 2021 das Institut für Digitaldramatik gegründet. Es soll erforschen, „wie Texte für neue digitale Bühnen entstehen können“. Einblicke dazu gibt es auf Tiktok.

Labor für die Zukunft des Theaters

„Alle Theater werden sich der digitalen Transformation stellen müssen“, betont der Direktor der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität Marcus Lobbes. Die Dortmunder Akademie versteht sich als Labor für das Theater der Zukunft. Lobbes: „Wir werden seit zwei Jahren von Anfragen überrannt.“

Das Publikum stehe solchen neuen Formaten offener gegenüber als oft angenommen, berichten Lobbes und der Augsburger Intendant André Bücker. „Wir wollen das Theater nicht als physischen Versammlungsort abschaffen“, stellt Bücker klar. „Es wird neben analogen Bühnen künftig aber verstärkt auch digitale Bühnen geben. Und es geht darum, die Räume für darstellende Kunst und für Erzählungen zu erweitern.“

Den Verdacht, mit dieser Technik einfach nur effekthascherisch um das junge Publikum zu buhlen, kann das Theater übrigens laut der Erfahrung von Nicola May von sich weisen. „Mehr noch als von den VR-Brillen ist das junge Publikum bei uns davon fasziniert, dass es sich den Raum mit den Schauspielern teilt und diese teilweise mit ihm interagieren“, sagt die Baden-Badener Intendantin. „Dieses analoge Eintauchen in das Bühnenspiel ist offenbar immer noch etwas Besonderes.“

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