Theater in Omikron-Krise: Irgendwie spielfähig bleiben

Baden-Baden (cl) – Irgendwie spielfähig bleiben, lautet momentan die Devise an den Theatern in der Region. Mit der Omikron-Welle häufen sich Absagen wegen Corona-Fällen. Gibt es Notfallpläne?

Stück mit Abstand: Am Theater Baden-Baden steht am Samstag „Die Suche nach dem verlorenen Musical“ auf dem Spielplan.  Foto: Jochen Klenk

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Stück mit Abstand: Am Theater Baden-Baden steht am Samstag „Die Suche nach dem verlorenen Musical“ auf dem Spielplan. Foto: Jochen Klenk

Die geplante Saison einigermaßen durchbringen, das hoffen die Theater auch im zweiten Jahr der Pandemie. Zumindest darf in Baden-Württemberg derzeit vor halbierter Zuschauerzahl unter 2G-Regel weitergespielt werden. In der ansteigenden Omikron-Welle häufen sich wieder Krankheits- wie Quarantänefälle und bringen die Spielpläne durcheinander. Wie sieht es aus an den Häusern zwischen Baden-Baden, Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Stuttgart? Gehören kurzfristige Absagen und Spielplanänderungen, früher die Ausnahme, schon zur Normalität? Operieren die Bühnen mit Notfallplänen?

„Die neue Flexibilität in der Omikron-Welle ist bereits Realität“, sagt Benedikt Stampa, Intendant des Baden-Badener Festspielhauses, wo Umbuchungen und Absagen fast zum Dauerzustand geworden sind. Zuletzt am vergangenen Wochenende, als die Staatskapelle Weimar auf dem Weg nach Baden-Baden umdrehte, weil die Ergebnisse eines morgendlichen PCR-Tests nicht gänzlich negativ waren. Pianistin Sophie Raynaud rettete den „Ring an einem Abend“ mit Jan Josef Liefers. Auch beim am Freitag startenden „Takeover-Festival“ sei das Festspielhaus auf die Flexibilität von Künstlern und Publikum angewiesen. „Das Festival ist so angelegt, dass es Raum für Spontanität geben wird“, erklärt der Intendant.

„Das alles ist überaus mühselig, die Omikron-Welle bäumt sich auf, wir bäumen uns auch auf in die andere Richtung“, erklärt Ulrich Peters, der Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. „Es gibt permanent so viele Verschiebungen wegen positiver Pool-Testungen – plötzlich ist wieder etwas im Chor, müssen wir gar ohne Chor spielen, manchmal sogar den Spielplan ändern und können nur einen Soloabend anbieten –, meine Betriebsdirektorin und ihr Team wissen manchmal nicht mehr, was sie machen sollen. Aber das Publikum ist da unendlich langmütig, das finde ich sensationell, wie es das hinnimmt und sagt: ,Och schön, dann gucken wir halt was anderes an‘.“

Chorproben-Ausfälle bei Händel-Festspielen

Das Staatstheater ist mitten in den Vorbereitungen zu den Händel-Festspielen (ab 18. Februar): „Diesen Leuchtturm versuchen wir irgendwie durchzuziehen – ausgerechnet dieses Jahr haben wir ein Oratorium mit Chor auf dem Programm“, sagt Peters. Bei den Proben gab es bereits positive Fälle, „dann muss die Chorprobe für drei Tage ausfallen und der Regisseur springt im Quadrat“. Einen Notfallspielplan hat Peters nicht – der Notfall wäre, wenn das Theater schließen müsste. „Wir sind ein Staatstheater, das Publikum erwartet von uns, dass, wo immer es geht, großes Orchester und Chor eingesetzt werden.“

Das Theater Baden-Baden gehört eher zu den Covid-Verschonten. „Wir hatten im Ensemble nur einen Corona-Fall im vergangenen Herbst, aber bei den Mitarbeitern hinter der Bühne schon Einschläge gehabt, auch ich war erkrankt, das hat aber bisher nicht zu Vorstellungsausfällen geführt“, sagt Theaterintendantin Nicola May. „Den Spielplan können wir nicht umstellen, für die geplanten Neuinszenierungen sind die Bühnenbilder schon gebaut.“ Entzerren, was zu entzerren geht, ist die Devise auch fürs Festival „Fit fürs Abi“ Mitte Februar. „Richtiges Festival-Flair wie sonst wird es wohl nicht geben“, schätzt May.

Gute Auswahl hilft bei Corona-Fall: Am Theater Pforzheim hatte das Ballett „Beethoven. Unerhört. Grenzenlos.“ gerade Premiere.  Foto: Andrea D’Aquino

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Gute Auswahl hilft bei Corona-Fall: Am Theater Pforzheim hatte das Ballett „Beethoven. Unerhört. Grenzenlos.“ gerade Premiere. Foto: Andrea D’Aquino

Das Theater Pforzheim ist froh „auf ein breites Portfolio in jeder Sparte zurückgreifen zu können, falls ein Omikron-Fall auftritt.“ Am Nationaltheater Mannheim hat man vorsorglich eine wichtige Opernpremiere, Wagners „Fliegender Holländer“, verschoben – auf April, um das Risiko für die Mitarbeiter, an Covid zu erkranken, soweit wie möglich zu reduzieren. „Ein derart groß besetztes Orchester ist derzeit nicht realisierbar“, sagt Pressesprecherin Doreen Röder. Der „Ring des Nibelungen“ steht erst für den Sommer auf dem Spielplan, wenn die Infektionszahlen gemeinhin sinken.

Die Staatsoper Stuttgart hingegen hält an ihrer Opernpremiere „Hänsel und Gretel“ am Sonntag fest und an der anstehenden ausverkauften „Tosca“-Serie.“ Vorstellungen mussten bislang keine abgesagt werden, so Sprecher Sebastian Ebling. Dafür fiel beim Stuttgarter Ballett die „Mayerling“-Aufführung wegen Corona aus. „Zur Not haben wir Ballettabende in kleiner Besetzung und sogar Stücke mit Abständen, sollte dies wieder erforderlich werden“, so Ballettsprecherin Vivien Arnold.

Um nach den Lockdownphasen 2020/21 überhaupt spielen zu können, haben die Theater etliche Stücke unter Abstandsregeln produziert: „Wir haben noch unser Corona-Repertoire aus dem vergangenen Jahr, deswegen haben wir auch kleiner besetzte Werke auf dem Spielplan“, bekräftigt die Mannheimer Theatersprecherin – auch eine Monolog-Reihe ist dabei. Alle wollen möglichst spielfähig bleiben.

Vorbildlich sind die Theater in Sachen Impfquote: „Die ist hoch und um die 90 Prozent“, bestätigen die befragten Häuser unisono. Die Kulturszene hat während der Pandemie lange Schließungen hinnehmen müssen, da erscheint der Piks im Bühnenumfeld wohl eher wie eine Verheißung – am Karlsruher Staatstheater wird sogar vor Ort geboostert.

Staatstheater: Baulärm begleitet neue Spielzeit

Zur Prävention wird auch viel getestet, das Abstandsgebot wieder strikter eingehalten und teilweise wieder mit Maske geprobt; auf der Bühne soll möglichst normal interagiert werden. „Wir machen ein enges Monitoring auch mit täglichen Tests“, bestätigt Baden-Badens Theaterintendantin May. Das Theater Pforzheim hat „die zu testenden Pools nochmals verkleinert, um im Falle eines Positivbefunds möglichst schnell die infizierte Person identifizieren zu können.“

In Bezug aufs Publikum sind die Regeln des Landes streng: Momentan dürfen die Theater ihre Zuschauerräume zu 50 Prozent füllen, Maskenpflicht herrscht auch. Die Abstandsregel, das Schachbrett, ist nicht mehr vorgeschrieben, das Theater Baden-Baden setzt auf lockere Verteilung auf den Rängen. „Es gibt schon viele Zuschauer, die nicht mehr gerne irgendwo hingehen“, so May. Das Theater Pforzheim hingegen ist nach eigener Aussage noch sehr gut besucht: „Über 90 Prozent unserer Besucher sind ohnehin geimpft.“

Bald werden die Spielpläne für die nächste Saison vorgestellt: „Einen klugen, vorausschauenden Plan zu machen, das hat man in den zwei Jahren Corona wohl gelernt“, erklärt die Nationaltheater-Sprecherin Röder. Der Karlsruher Generalintendant schätzt, dass nach dem Sommer „Normalität einkehren wird“. Er hat noch mit anderen Einschränkungen zu kämpfen. „Zu Beginn der neuen Spielzeit werden wir so viel Baulärm haben, dass wir morgens nicht proben können. Deswegen werden wir die Spielzeit mit Wiederaufnahmen starten“, sagt Peters. Und die Mannheimer ziehen in ihre Interim-Bühne um, denn auch dort wird das Theater saniert.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
4. Februar 2022, 12:30 Uhr
Lesedauer:
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