Theater muss ohne Interaktion auskommen

Gernsbach (vgk) – Wie sich das Kurpark-Ensemble auf das nächste Stück vorbereitet: Proben finden derzeit nur online statt.

Virtuelle Probe beim Theater im Kurpark: Christoph Gerber (oben links), Janina Bender (unten links) sowie Anouk Wanke, Bettina Kohler und Martin Rheinschmidt (rechts von oben). Foto: Veronika Gareus-Kugel

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Virtuelle Probe beim Theater im Kurpark: Christoph Gerber (oben links), Janina Bender (unten links) sowie Anouk Wanke, Bettina Kohler und Martin Rheinschmidt (rechts von oben). Foto: Veronika Gareus-Kugel

Theaterproben online? Kann das funktionieren? Spannend ist es in jedem Fall. Und aktuell vor dem Hintergrund coronabedingter Einschränkungen für Kulturschaffende die nahezu einzige verbliebene Möglichkeit, auf dem Gebiet der Kultur etwas zu bewegen. Auch das Theater im Kurpark (tik), das am 16. Juli mit dem Stück „Der Geizige“ des französischen Schauspielers, Dramatikers und Regisseurs Molière (1622-1673) im Kurpark Premiere feiern möchte, probt derzeit via Internet.

„Wer von uns hätte vor Monaten an diese Art des Probens jemals einen Gedanken verschwendet“, blickt Regisseur, Schauspieler und Vorsitzender des „tik“, Martin Rheinschmidt, im BT-Gespräch an die Zeit vor der Pandemie zurück. Natürlich war es der Plan, sich in Präsenz zu treffen. Im vergangenen September gab es diese Möglichkeit auch noch. „Nachdem die Infektionszahlen wieder zu steigen begannen, war uns relativ schnell klar, dass dies Auswirkungen auf unsere Probearbeit nehmen wird. Seit Dezember wird online geprobt“, berichtet Rheinschmidt, bis sich alle Teilnehmer der Proberunde in das Meeting eingewählt hatten. Teilnehmer sind Bettina Kohler (Forsine), Anouk Wanke (Mariane), Christoph Gerber (Cléanthe) und Janina Bender (Elise).

Als Vorteile der Online-Proben beschreibt Rheinschmidt die ausführliche Beschäftigung mit der Rollenfindung und der Arbeit am Text. Gleichwohl könne diese Art der Probenarbeit auf Dauer echte Bühnenproben natürlich nicht ersetzen. Deshalb hofft man, dass es irgendwann in naher Zukunft zu Lockerungen kommt, die dies dann zulassen werden.

Doch bis es früher oder später so weit ist, heißt es einmal in der Woche Textstudium im virtuellen Raum. „Nachdem wir in den vergangenen Wochen die Grundprinzipien des Stücks besprochen haben, kann jetzt in kleineren Gruppen geprobt werden, die auch parallel zueinander stattfinden können“, erläutert der Regisseur. Alles andere befindet sich in der Warteschleife, die Statisterie ebenso wie die Bühnenbauer oder die Schneiderei. Auch die Frage, ob ohne oder mit Pause gespielt werden kann, ist derzeit nicht zu beantworten. Letztendlich hängt alles davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt und welche Regelungen diesbezüglich gelten werden. Eine Besuchertribüne wird es jedenfalls nicht geben. „Das Virus macht weitergehende Planungen besonders schwierig“, bedauert Rheinschmidt.

Es ist eine heitere Runde, die sich an diesem Probenabend mit dem Textbuch auf dem Schoß oder Schreibtisch liegend vor ihren Tablets oder PCs versammelt hat, um vor dem Hintergrund einer mit Tücken behafteten Technik zu proben. Den zeitweiligen Ausfall des Internets für Rheinschmidt nimmt man mit Gelassenheit. Mit dem Smartphone kann er sich wieder einwählen, und weiter geht es mit dem Lesen von Szene 11.

Nächste Woche sollen Pelzmantel, Sonnenbrille und Zigarette ins Geschehen eingreifen

„Eine bodenlose Frechheit“, krittelt Harpagon (Rheinschmidt). Dieser hat besessen vom Geiz und aus Angst vor Dieben sein Vermögen im Garten vergraben. Alleine der Gedanke, dass Diebe dieses Versteck aufspüren könnten, reicht, um bei ihm Panikattacken auszulösen. Denn nur das liebe Geld verspricht schließlich Sicherheit, besonders in unsicheren Zeiten! Und weil Harpagon gerade im Privaten die schlimmste Verschwendung wittert, will er seine Tochter Elise mit dem reichen Witwer Anselme verkuppeln, damit sie ihm nicht länger auf der Tasche liegt. Für sich selbst setzt er auf eine Verbindung mit der armen und daher sicher genügsamen Mariane, nicht wissend, dass diese seinen Sohn Cléanthe liebt.

Weiter mit Szene 11: Betty (Forsine), „Du musst die getroffene Wahl den beiden mit großen, blumigen Worten schmackhaft machen“, kommt die Anweisung. Und Chris (Cléanthe): „Du willst Deinen Vater mit dem Büfett in den Wahnsinn treiben, das heißt bei den Delikatessen, Hummer, kandierten Orangen so richtig dick auftragen und mit ausholender Geste die Rechnung präsentieren. Entsetzen, Großspurigkeit, Widerwille gegenüber dem Vater, der in Ohnmacht fällt“ – all das muss derzeit noch ohne Interaktion auskommen.

Die Szene wird an diesem Abend mehrfach gelesen. Im Anschluss daran erfolgt noch in kleiner Runde gemeinsam mit Christoph Gerber und Janina Bender das Lesen des ersten Bildes, ein Dialog unter Geschwistern. In der nächsten Woche sollen Pelzmantel, Sonnenbrille und Zigarette in das Geschehen eingebaut werden.

Die insgesamt acht Aufführungen von „Der Geizige“ plant das „tik“ für den 16., 17., 18., 19., 22., 23., 24. und 25. Juli.

Moderne Komödie von Molière

Die Komödie „Der Geizige“ wurde 1668 in Paris zum ersten Mal aufgeführt. Der Verfasser war Jean Baptiste Poquelin (1622-1673), genannt Molière. Ohne den Dichter wäre die moderne Komödie nicht denkbar. Als Erster stellte dieser statt der damals üblichen Typen echte Charaktere auf die Bühne. Für das Publikum und die Ensembles seiner Zeit bedeutete dies eine besondere Herausforderung. Doch der Schauspieler, Regisseur und Schreiber Molière blieb beharrlich und setzte sich durch. Einer der größten Bewunderer seiner Stücke war der französische Sonnenkönig Ludwig XIV., der Molière dafür eine großzügige Apanage zahlte.

Das Theater im Kurpark spielt „Der Geizige“ in der Übersetzung des deutschen Dramatikers und Schriftstellers Tankred Dorst (1925-2017). In Zusammenarbeit mit seiner Frau Ursula Ehler schrieb er mehr als 30 Theaterstücke. Außerdem gehörte er zu den meistgespielten zeitgenössischen deutschen Autoren. Er erhielt unter anderem den Georg-Büchner-Preis, den Mülheimer Dramatikerpreis und 2014 den Brücke Berlin Initiativpreis gemeinsam mit Manfred Beilharz für ihre Initiative „Neue Stücke aus Europa“.


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