Tierischer Zuwanderer, der mehr als willkommen ist

Rastatt (as) – In den vergangenen Jahren sind einige Wildtiere in den Landkreis Rastatt zugewandert. Unter anderem auch Luchs Toni. Wildtierbeauftragter Martin Hauser ist ihnen auf der Spur.

Streng geschützt: Der Luchs galt im Nordschwarzwald seit 250 Jahren als ausgestorben. Foto: Jens Büttner/dpa

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Streng geschützt: Der Luchs galt im Nordschwarzwald seit 250 Jahren als ausgestorben. Foto: Jens Büttner/dpa

Ob Luchs, Wolf, Biber oder seit neuestem Goldschakal – einige Tierarten sind in den vergangenen Jahren in den Landkreis Rastatt zugewandert. Zusammen mit Auerhuhn und Wildkatze bilden sie die „Big Six“, wie Martin Hauser sie nennt. Streng geschützte Tierarten, denen der 62-Jährige, seit 2019 Wildtierbeauftragter des Landkreises Rastatt, auf der Spur ist, um Erkenntnisse über Vorkommen, Population und Lebensräume zu erhalten und zu dokumentieren. Aber auch sogenannte invasive Arten wie Nilgänse, Nutrias oder Waschbären werden bei uns heimisch. Wo und wie leben sie, wie ernähren sie sich, was stört sie, was fördert ihre Ansiedlung, wo gibt es Konflikte – diese Fragen beantwortet Hauser in der neuen BT-Serie „Wilde Nachbarn“.

Seit Dezember 2019 streift Luchs Toni durch den Nordschwarzwald. Warum ist das so eine Sensation?

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Luchs aufgrund der starken Verfolgung durch den Menschen in Baden-Württemberg ausgerottet. Der letzte Luchs im Schwarzwald wurde 1770 auf dem Kaltenbronn geschossen. Der erste eindeutige und dokumentierte Beleg für die Anwesenheit des Luchses in Baden-Württemberg seit seiner Ausrottung stammt aus dem Jahr 1988, durch ein auf der A5 bei Freiburg überfahrenes männliches Tier. Im Revier Weisenbach gelang mittels einer Fotofalle der erste Nachweis im Nordschwarzwald – nach 250 Jahren.

Woher kommt der „Zuwanderer“ und warum wurde er Toni getauft?

Jeder Luchs hat eine eigene, unverwechselbare Fellzeichnung. So ist es möglich, ein bestimmtes Individuum beispielsweise anhand von Fotos zu bestimmen. Dies gelang auch bei Luchs Toni, somit konnte seine vermutete Herkunft aus dem Schweizer Jura bestätigt werden. In Weisenbach, dem schon erwähnten Fangort, wohnte Landrat Toni Huber. Er war Jäger und freute sich sehr über die gelungene Besenderung.

Luchse gehören zu den streng geschützten Arten. Was bedeutet das für den Umgang mit dem Tier?

Durch den strengen Schutzstatus haben die Länder, in denen Luchse vorkommen, eine große Verantwortung für diese Art. Unter anderem durch ein sogenanntes Monitoring, also Erfassung und Auswertung von möglichst vielen Daten, versucht man, mehr zu erfahren. In Baden-Württemberg ist damit die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg beauftragt.

„Emotionaler Moment“: Wildtierbeauftragter Martin Hauser hält den noch betäubten Luchs Toni nach dessen Ausstattung mit einem Halsbandsender auf dem Arm.Foto: FVA

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„Emotionaler Moment“: Wildtierbeauftragter Martin Hauser hält den noch betäubten Luchs Toni nach dessen Ausstattung mit einem Halsbandsender auf dem Arm.Foto: FVA

Toni ist damit auch ein Forschungsprojekt, deshalb wurde er vermutlich besendert. Was erhofft man sich davon?

Anhand der vom Halsband übermittelten GPS-Daten kann sein jeweiliger Aufenthaltsort bestimmt werden. Daraus ergeben sich interessante Erkenntnisse zu den Lebensraumansprüchen, dem Wanderverhalten und über das Beutespektrum von Luchs Toni.

Beute besteht überwiegend aus Rehen

Welches Verhalten kennzeichnet Luchse und wovon ernähren sie sich?

Unser Toni zeigt dies ganz deutlich: Er befindet sich tagsüber in seinem sogenannten „Tageslager“ und ruht sich aus. Bei einbrechender Dämmerung begibt er sich auf Beutesuche. Dazu hält er sich in großen, geschlossenen Waldgebieten auf und erkundet Wildwechsel und Örtlichkeiten, an denen er dem Wild auflauern kann. Dies ist oft unwegsames Gelände mit Felsformationen, welche im Murgtal reichlich zu finden sind. Seine Beute besteht überwiegend aus Rehen. Nachdem er ein Reh mit einem gezielten Kehlbiss getötet hat, deckt er seine Beute mit Laub, Ästen und im Winter mit Schnee zu, um diese vor Konkurrenten wie dem Fuchs zu schützen. Im Idealfall kann er sich so rund eine Woche von seiner Beute ernähren.

Haben Luchse in unseren Breiten natürliche Feinde?

Da denkt man sicher gleich an den Wolf, der sich seit Ende 2017 in unseren Breiten aufhält. Dieser ist zwar nicht besendert, aber durch die Auswertung seiner Risse, durch das Auffinden von Losung (Kot) und nicht zuletzt durch Fotofallenbilder ist unstrittig, dass Luchs Toni und der Wolf immer mal wieder denselben Lebensraum nutzen. Ob sie sich schon begegnet sind, lässt sich allerdings nicht sagen. Ich gehe aber fest davon aus, dass beide ein direktes Aufeinandertreffen scheuen, da sie sich dabei schwer verletzen könnten. Beide sind Einzeltiere, eine entsprechende Verletzung könnte den Tod bedeuten.

Sind wie beispielsweise beim Wolf Konflikte zu befürchten und wenn ja, wie lassen sich diese lösen?

Einen solchen Konflikt sehe ich nicht, da Nutztierrisse durch den Luchs äußerst selten sind. Das Streifgebiet von Luchs Toni hat derzeit eine Größe von 60.000 Hektar. Als Überraschungsjäger muss er vermeiden, dass sich das Wild an seine Anwesenheit gewöhnt. Somit wird er sich nur in Ausnahmefällen länger in einem kleineren Gebiet aufhalten. Eine Konkurrenz für die Jägerschaft besteht somit nicht. Das zeigt auch die sehr gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Jägern. Ohne diese wäre meine erfolgreiche Arbeit im Bereich des Monitorings nicht möglich.

Ist damit zu rechnen, dass weitere Luchse zuwandern – eventuell auch Weibchen – und sich hier eine Population etabliert?

Seit dem bereits erwähnten ersten zugewanderten Luchs sind nur männliche Luchse, sogenannte Kuder, in Baden-Württemberg nachgewiesen. Die weiblichen Tiere verlassen nur ganz selten ihren ursprünglichen Lebensraum. Und auch bei den Kudern ist immer wieder zu beobachten, dass sie nach längerem Aufenthalt in der Ferne zurückkehren, wenn sie dort kein Weibchen finden. Auch Luchs Toni zeigt regelmäßig in der Paarungszeit, der sogenannten Ranzzeit, ein auffälliges Verhalten. Er legt dann in kurzer Zeit weite Entfernungen zurück und es

Putzen muss sein: Luchs Toni wird von einer Wildtier-Fotofalle „erwischt“, als er sich die Pfoten leckt. Foto: Martin Hauser

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Putzen muss sein: Luchs Toni wird von einer Wildtier-Fotofalle „erwischt“, als er sich die Pfoten leckt. Foto: Martin Hauser

besteht auch bei ihm die Gefahr der Abwanderung.

Politischer Wille zu Auswilderungsprojekt

Genau aus diesem Grund kommt immer mal wieder die Auswilderung von Weibchen ins Gespräch. Gibt es diesbezüglich konkrete Überlegungen?

Im aktuellen Koalitionsvertrag der Landesregierung ist Folgendes festgeschrieben: „Wir werden in enger Zusammenarbeit mit allen betroffenen Akteuren die Chancen für die Rückkehr des Luchses durch ein Programm zur Bestandsstützung verbessern.“ Ebenso wie in Deutschland galt der Luchs in Mitteleuropa gegen Ende des 19. Jahrhunderts als ausgestorben. Durch die Aussetzung von Luchsen ab den 1970er-Jahren in angrenzenden Ländern sind in Mitteleuropa mehrere kleine, isolierte Vorkommen entstanden. Aufgrund der geringen Zahl an Individuen gelten alle Vorkommen bisher als zu klein, um für sich als langfristig überlebensfähige Population bezeichnet werden zu können. Mit ein Grund ist auch die geringe Anzahl von „Gründertieren“, aus denen diese Populationen entstanden sind. Mit einem Rückgang der genetischen Variabilität muss gerechnet werden. Erste Anzeichen sind bereits aus der Schweiz bekannt. Damit kommt Baden-Württemberg aufgrund seiner geografischen Lage für eine Auswilderung von Luchsen eine zentrale Rolle zu. Denn der Austausch der derzeit in der Schweiz, Frankreich, Bayern und Rheinland-Pfalz vorkommenden Luchse kann nur über Baden-Württemberg erfolgen. Überlegungen und Untersuchungen für eine gezielte Populationsunterstützung gibt es schon viele Jahre. Als geeigneter Lebensraum für Luchse gilt der Schwarzwald. Luchs Toni hat seinen Lebensmittelpunkt schwerpunktmäßig in den Landkreis Rastatt verlegt. Was liegt also näher, als in den großen, zusammenhängenden Waldgebieten unseres Landkreises Toni die Chance zu geben, bald auf eine Partnerin zu treffen?

Luchse sind nachtaktiv

Ist durch den „Zuwanderer“ mit Auswirkungen auf Natur/Umwelt zu rechnen?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Auch nicht für das mir sehr am Herzen liegende, vom Aussterben bedrohte Auerwild. Nahrungsanalysen, welche an Losungsfunden von Luchsen in nordeuropäischen Ländern durchgeführt wurden, in denen es noch stabile Auerwildvorkommen gibt, zeigen deutlich, dass Auerwild nur in ganz selten Fällen zum Nahrungsspektrum des Luchses zählt.

Wie wahrscheinlich ist es, dem Tier in freier Wildbahn zu begegnen, und wie sollte man sich verhalten, wenn das geschieht?

Da der Luchs überwiegend nachtaktiv ist, ist es sehr unwahrscheinlich, ihm zu begegnen. Sollte es tatsächlich zu einer Begegnung kommen, kann man sich nur darüber freuen. Ein besonderes Verhalten ist nicht erforderlich. Der Luchs wird die Flucht ergreifen.

Gut getarnt: Aufnahme eines im Schwarzwald umherstreifenden Luchses. Foto: FVA/AG Luchs

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Gut getarnt: Aufnahme eines im Schwarzwald umherstreifenden Luchses. Foto: FVA/AG Luchs

Auch als Wildtierbeauftragter hat man nicht jeden Tag mit einem Luchs zu tun. Welche besonderen Erlebnisse hatten Sie schon mit Toni?

Egal ob an einem Riss, auf einer Fährte oder das Wahrnehmen der akustischen Sendesignale von Luchs Toni – es ist für mich immer wieder sehr beeindruckend und erhöht meinen Pulsschlag, wenn ich registriere: Luchs Toni ist in der Nähe. Umgekehrt mache ich mir schon Sorgen, wenn die Signale mehrere Tage ausbleiben.

Eine kritische Situation ergab sich im Juli 2020, als es auch nach zwei Wochen keinerlei Informationen über den Luchs gab. Die FVA in Freiburg traf daraufhin die Entscheidung, ihn mit dem Flugzeug zu suchen. Als auch diese Aktion ohne Erfolg blieb, wurde die Suche nach Toni offiziell eingestellt.

Das konnte ich nur schwer akzeptieren und habe Antenne und Empfänger im Auto belassen. Noch in derselben Nacht hat sich Toni gemeldet und am darauffolgenden Tag konnte ich sein Tageslager finden. Dies löste nicht nur bei mir, sondern auch bei den Wissenschaftlern in Freiburg große Erleichterung und Freude aus. Nicht weniger emotional war der Moment als ich Toni – nach seiner erfolgreichen Besenderung noch schlafend – in meinen Armen hielt. Ein Luchs ist ein wunderbares Tier und so nahe werde ich ihm wohl nicht mehr kommen.

Wildtier-Sichtung melden

Wildtier-Sichtung sofort melden: Sie haben ein seltenes Wildtier gesehen? Die Forstliche Versuchsanstalt Freiburg (FVA) ruft dazu auf, glaubwürdige Beobachtungen oder Spurenfunde zu melden. Ansprechpartner sind der Wildtierbeauftragte des Landkreises Rastatt, Martin Hauser, (01 75) 2 23 26 98 oder die FVA: (07 61) 4 01 82 74 oder (01 73) 6 04 11 17 (auch außerhalb der Bürozeiten) oder per E-Mail an info@wildtiermonitoring.de. Gesuchte Arten sind Auerhuhn, Baummarder, Goldschakal, Habicht, Haselhuhn, Hohltaube, Luchs, Waldschnepfe, Wildkatze und Wolf. Weitere Infos: www.fva-bw.de

Fünf Luchse im Land bestätigt

Aktuelles Vorkommen in Baden-Württemberg: In Baden-Württemberg konnten seit 2007 insgesamt 16 verschiedene Luchse identifiziert werden. Aktuell sind im Land laut der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg fünf Individuen bestätigt, darunter erstmals auch ein Weibchen, das im Mai 2021 im Landkreis Konstanz nachgewiesen wurde. „Ohne eine aktive Bestandsstützung mit weiblichen Tieren wird sich in Baden-Württemberg auf absehbare Zeit jedoch kaum eine Luchspopulation entwickeln“, schreibt die FVA auf ihrer Homepage.

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Erstellt:
6. März 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 59sec

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