Tim Stößer will an die deutsche Spitze vorstoßen

Ötigheim (mi) – Der 21-jährige Gewichtheber Tim Stößer aus Ötigheim wechselt als zweifacher deutscher Junioren-Meister von der Hebergemeinschaft Rastatt zum Bundesligisten KSV Durlach.

Erhofft sich einen Stammplatz im Durlacher Bundesliga-Team: Tim Stößer. Foto: Privat

Erhofft sich einen Stammplatz im Durlacher Bundesliga-Team: Tim Stößer. Foto: Privat

„Ich finde es schrecklich, die ARD-Doku war auch für mich ein Schock. Die ganze Affäre wird noch einen Rattenschwanz nach sich ziehen. Es ist schade, denn der Sport hat so viel zu bieten.“ Tim Stößer ist Gewichtheber, ein talentierter noch dazu, aber er weiß genau um den schlechten Ruf seiner Sportart. Sie steht seit Jahren unter strenger Beobachtung, weil sie in der düsteren Vergangenheit Hunderte von Dopingfällen lieferte. Einige medaillenträchtige Sünder verstarben gar im besten Alter von Mitte 30. Keine andere olympische Disziplin wurde auch von einem dermaßen korrupten Weltverbands-Präsidenten wie Tamas Ajan geführt.

Im April wurde der greise, machtbewusste 81-jährige Ungar auch dank der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – der Herr der Heber“ zum Rücktritt gezwungen. Die frühere Vorzeigenation Bulgarien, die in den 70er und 80er Goldmedaillen bei Olympia oder WM wie andere Leute Briefmarken sammelte, durfte 2016 in Rio gar nicht teilnehmen, weil Jahre zuvor Dutzende Athleten aus dem Balkan-Land positiv getestet wurden. „Auch die Türkei, Aserbaidschan und Ägypten sind international gesperrt“, kennt Stößer die weltweiten (Miss-)Verhältnisse nur zu gut.

Nicht umsonst mischen die deutschen Athleten, die vergleichsweise streng kontrolliert werden, fast aussichtslos im Kampf um die Medaillen mit. „Die NADA geht bei uns ein und aus. Wer in der Bundesliga hebt, kann nicht positiv sein. Ich bin auch schon als Junior häufig getestet worden. Doping ist für mich kein Thema“, sagt der 21-Jährige bestimmt.

Olympiasieger Steiner als Vorbild

Von daher taugt Matthias Steiner schon als Vorbild, der als muskelbepackter Strahlemann die breite Öffentlichkeit mit seinem Olympia-Gold 2008 begeisterte. „Als Bub habe ich vor dem Fernseher mitgefiebert. Er strahlt einen tollen Charakter aus“, sagt der Ötigheimer. Mit 21 hat man Träume, um irgendwann auch auf dem obersten Podest zu landen, auch wenn der Weg ellenlang und der badische Iron Man noch über keine internationale Erfahrung verfügt.

Die Voraussetzungen bringt er als zweifacher deutscher Juniorenmeister 2017 in Speyer und 2019 in Obrigheim im Superschwergewicht in den drei Kategorien Reißen, Stoßen und Zweikampf jedenfalls mit. Doch nun misst er sich mit der Elite, also richtigen Eisenmännern, die zudem über jede Menge Erfahrung verfügen. Als Jungspund muss er sich daher erst in der Heber-Landschaft nach vorne arbeiten. Deshalb auch der Wechsel von der Hebergemeinschaft Rastatt, die die nächste Saison keine Mannschaft stellen kann, zum KSV Durlach.

Zwischen Landesliga und Bundesliga liegen nicht nur im Fußball Welten. Von daher muss sich Stößer auch erst seinen Bundesliga-Platz erkämpfen. Die dafür benötigten rund 100 Relativpunkte schafft der Kraftmeier, dessen Bestleistung derzeit bei 67 liegt, noch nicht. Der junge Schwerathlet, der derzeit 114 Kilo auf die Waage bringt, wird sich daher zunächst in der Reservemannschaft in der ihm bestens bekannten Landesliga an die viel höheren Anforderungen herantasten müssen. „In Durlach weht ein anderer Wind.“

Bei Einzelmeisterschaften und im internationalen Bereich zählt primär die Zweikampfwertung, die sich aus den Teildisziplinen Reißen und Stoßen ergibt. 277 Kilogramm lautet bislang sein Bestwert, in der neuen Saison soll die 300er-Marke geknackt werden. „Das Stoßen ist meine Schokoladenseite, 200 Kilo sollten für mich möglich sein.“ Bislang bringt er deren 155 zur Hochstrecke.

Thomas Schweizer neuer Trainer

Helfen soll ihm dabei sein seit Frühjahr neuer Trainer Thomas Schweizer, einst selbst bei Weltmeisterschaften auf der großen Bühne mit dabei. „Er hat ein unheimliches Wissen. Er kann gut einschätzen, wie ich mein Potenzial voll ausschöpfen kann.“

Dass Tim Stößer ein Talent für schwere Sportgeräte hat, die es schnell zu bewegen gilt, kann ihm auf dem mühsamen Weg in die deutsche Heber-Spitze nur von Vorteil sein. So landete er auch schon in der Leichtathletik auf dem Treppchen. Abermals bei einer Junioren-DM 2016. Damals schleuderte er den Hammer – Bestleistung: 66,91 Meter – als Dritter noch für die LAG Obere Murg, seit Ende des vergangenen Jahres startet er für die TG Ötigheim. Kugel, Diskus, Hammer – er hat alles ausprobiert, was an Gerätschaften beim Verein so herumlag. „Ich bin früh, seit meinem siebten Lebensjahr, damit in Kontakt gekommen. Zuletzt bei uns musste ich wegen Corona auf dem Acker trainieren, sonst wäre ich wohl bei der DM in Braunschweig gestartet“, sagt das Multitalent.

Von der sauberen Technik, die er im Hammerwurf-Ring erlernt hat, profitiert er nun auch auf der Heberbühne. „Es ist eine Sache von Millimetern, die entscheiden, ob ein Versuch gelingt oder nicht.“ Beim Reißen muss das Gewicht in einem Zug über den Kopf gehievt werden, beim Stoßen sind zwei Züge erforderlich. „Der zweite ist der schwerere Teil“, weiß Stößer, wenn es darum geht, die Last von den breiten Schultern kontrolliert nach oben zu befördern. Also ohne Wackler. „Ich merke sofort beim Schwung, ob der Versuch passt oder nicht.“

Im Kampf um Bestleistungen darf beim Weg auf die Bühne, „wenn mir viel durch den Kopf geht“, vor 300, 400 Zuschauern in Durlach das Herz nicht in die Hose rutschen. „Ich habe Respekt vor dem Gewicht, mit aggressivem Temperament geht man dann ran.“ Wie in anderen Sportarten auch entwickeln Athleten gewisse Marotten bei der Ausübung ihres Tuns. Auch Tim Stößer. „Die rechte Hand geht bei mir immer als Erstes an die Hantel.“

Wenn der Jung-Siegfried checken will, was er in der Trainingswoche geleistet hat, muss er nur auf sein Handy schauen. 44,4 Tonnen spuckt es jetzt gerade aus. „Das ist eine Menge Holz“, sagt er leise.

Trotz der Horrorgeschichten, die ewig tricksende Spielverderber immer wieder produzieren, hält er Gewichtheben für eine gesündere Sportart als zum Beispiel Fußball. „Man kann es bis ins hohe Alter betreiben. Ein Kollege von mir in Durlach hebt auch mit 50 noch.“

Für all die Trainingsfron hat der bei der Stadt Baden-Baden als Industriekaufmann tätige Tim Stößer mit dem Angeln den richtigen Ausgleich gefunden. Einen vier Kilo schweren Hecht hat er schon aus der Murg gezogen. Wenn der Hecht nur wüsste, mit welchen Schwergewichten Tim Stößer sonst so kämpft...

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Erstellt:
8. August 2020, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 06sec

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