Tobias Bailer: Gesundheit ist wichtiger als Zeit

Baden-Baden (kos) – Extremsportler Tobias Bailer ist beim „Race around Austria“ an seine körperlichen Grenzen gestoßen. Trotz Halluzinationen hat er Österreich in weniger als fünf Tagen umrundet.

Zufrieden und geschafft: Nach den Anstrengungen des Rennens freuen sich Tobias Bailer und sein Team über die erfolgreiche Zieleinfahrt. Foto: Markus Segewitz-Krieg

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Zufrieden und geschafft: Nach den Anstrengungen des Rennens freuen sich Tobias Bailer und sein Team über die erfolgreiche Zieleinfahrt. Foto: Markus Segewitz-Krieg

Als Extremsportler ist der Baden-Badener Rennradfahrer Tobias Bailer ja so einiges gewohnt. Was er aber in der vergangenen Woche erlebt hat, ist auch für ihn etwas völlig Neues. Dass das „Race around Austria“ (RAA) die Teilnehmer an ihre körperlichen und mentalen Grenzen bringt, hat Ultrasportler Bailer durch Halluzinationen und Erinnerungslücken nun am eigenen Körper gespürt.

„Ein bisschen drüber lachen und gut ist“, schmunzelt Bailer im Nachhinein über die schwierigen Passagen seines zurückliegenden Rennens. Knapp 2.200 Kilometer und etwa 30.000 Höhenmeter hat der Rennradfahrer in insgesamt vier Tagen und 23 Stunden abgestrampelt. Auf dem Papier ist er damit als Zwölfter und Letzter über die Ziellinie gefahren. Die ganze Geschichte ist damit aber noch längst nicht erzählt.

Konnte seine Zeit vom Vorjahr auf unter fünf Tage verbessern: Tobias Bailer. Foto: Stephanie Bailer

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Konnte seine Zeit vom Vorjahr auf unter fünf Tage verbessern: Tobias Bailer. Foto: Stephanie Bailer

Auch wenn er seine Zeit im Vergleich zum Vorjahr (fünf Tage und acht Stunden) verbessern konnte, sei es doch, heftiger als vorher erwartet, ein „sehr wechselhaftes Rennen“ geworden, erklärt Bailer zurück daheim. Darunter fallen etwa ein Sturz, körperliche Schwächeanfälle und Halluzinationen. Der Aufstieg zum Großglockner, mit fast 2.500 Metern der ultimative Härtetest der Strecke, gelang ihm besser als im vergangenen Jahr. Auch das Wetter dort oben beschreibt er als „bombastisch schön“ – nur an die Abfahrt allerdings kann er sich nicht mehr so ganz erinnern. Dort fing dann auch die erste Halluzination an, erklärt er. Ein zehnminütiger Power Nap (Kurzschlaf) half ihm schließlich, im Kopf wieder einigermaßen klarzukommen.

Eine weitere Sinnestäuschung ließ in der Nähe von Ischgl aber nicht lange auf sich warten: „Warum muss ich das ganze Gepäck mitschleppen, während die anderen sich einen faulen Lenz machen?“, fragte er sich im Sattel, stieg vom Rad und setzte sich innerlich verärgert auf den Gehweg – eigentlich kein geplanter Zwischenstopp während des Ultrarennens, bei dem die Zeit ohne Pause mitläuft. Der Grund: Wegen der extremen Umstände lag seine Sauerstoffsättigung unter 80 Prozent und die Körperkerntemperatur betrug nur noch etwa 34 Grad. Ein Teamkollege, ein ausgebildeter Rettungssanitäter, habe daraufhin einen Vital-Check gemacht, woraufhin das Team beschlossen habe, ihn für gut anderthalb Stunden warm einzuwickeln und im Auto schlafen zu lassen.

Im September wartet schon das nächste Rennen

Nur „mit gemeinsamen Kräften“, sagt Bailer, habe er es überhaupt ins Ziel geschafft und könne darüber berichten. „Es hätte auch ganz anders ausgehen können“, zeigt er sich sichtlich dankbar über den seelischen und körperlichen Beistand seines Teams, das die gesamte Strecke im Auto neben ihm hergefahren war. „Ohne mein Team hätte ich das Rennen nicht beenden können“, erklärt er.

Rückblickend könne er über die erlebten Grenzerfahrungen durchaus schmunzeln und auch Positives aus den Halluzinationen ziehen. Sein Mindestziel, die Strecke in unter fünf Tagen zu bewältigen, konnte er trotz allem erreichen, zudem ist er nach eigener Aussage unter diesen Umständen mit seinem Ergebnis zufrieden: „Ich kann damit leben“, hält er fest. Wichtiger sei ihm ohnehin die Gesundheit als die Stoppuhr.

Eine allzu lange Ruhephase will er sich trotz der Entbehrungen aber nicht gönnen: Am 10. September will er bereits wieder beim „Race across Germany“ in die Pedale treten. „Das klingt vielleicht komplett bescheuert“, sagt er, aber für sich, sein Team und seinen Kopf müsse er das einfach machen. Auf ein genaues Ziel – etwa, ob er auf Sieg fahren will – hat er sich noch nicht festgelegt. Zunächst müsse sein Körper wieder voll einsatzfähig sein, betont Bailer.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
18. August 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

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