„Tochter von R2-D2“ fliegt am Mittwoch raus

Gaggenau (ham) – Das Gaggenauer „Christophbräu“ experimentiert derzeit mit dem Gastro-Roboter „Bella“. Der kann singen und Laufwege sparen – ist aber teuer.

Patrick Raum serviert im Christophbräu Gaggenau zusammen mit Roboter Bella das Mittagessen. Foto: Hartmut Metz/BT

Patrick Raum serviert im Christophbräu Gaggenau zusammen mit Roboter Bella das Mittagessen. Foto: Hartmut Metz/BT

Wenn Tobias Rieger im Gaggenauer „Christophbräu“ bedient, steht Bella Bot nur faul hinter dem Tresen, bekommt nichts zu tun und blockiert die Küchentür. Der angehende Restaurant-Fachmann hegt keinerlei Sympathie für die „Kollegin“. Sie ist ihm zu unpersönlich und plaudert trotz ihrer angenehmen Stimme nicht so empathisch mit den Gästen wie Rieger. Sein Chef Patrick Raum wagte dennoch den Versuch mit Bella, dem ersten Gastro-Roboter.

Der Geschäftsführer zeigte sich wie manche Gäste neugierig, als er den „modernen Tellerwagen“, wie der 29-Jährige den Roboter beschreibt, auf der Messe Internorga in Hamburg entdeckte. Deshalb forderte er Bella probeweise für knapp zwei Wochen an. Der Hersteller aus China programmierte die neue Mitarbeiterin, die mit Minikameras und Lasersensoren ausgestattet ist, so, dass sie an die nummerierten Tische rollen kann. Gäste rempelt die „Tochter von R2-D2“, wie Raum mit Blick auf den Filmklassiker „Star Wars“ scherzt, nicht an. Vorher bremst der 55 Kilogramm schwere Roboter der Firma „Pudu“ ab. „Für enge Restaurants empfiehlt sich der Gastro-Roboter daher nicht“, hat Raum schnell festgestellt. Hier im geräumigen „Christophbräu“ jongliert die 1,29 Meter kleine Bella Bot jedoch mehrere Teller mit dem Essen problemlos an die Tische, sofern Rieger nicht gerade im Dienst ist und sie boykottiert. Nimmermüde arbeitet der Technik-Spaß bis zu zwölf Stunden ohne Murren und fährt bis zu 400 Lieferungen aus, ehe der Akku leer ist.

Bella spart nur Laufwege

Theoretisch könnte der Gast selbst seinen Teller von den vier Tabletts nehmen. Doch auch Raum hält das für keine gute Rationalisierungsidee, die bis zu zehn Teller so auszugeben. „Der Roboter erspart unseren Mitarbeitern nur Laufwege mit Tellern, bedient aber nicht die Gäste. Für mich ist wichtig, dass das nach wie vor der Kellner übernimmt und die Gäste auch berät“, hat der Geschäftsführer bereits festgestellt, dass nicht nur ihn ansonsten ein mulmiges Gefühl beschleicht. „Manche, die Bella sehen, muss ich an der Tür abfangen und erklären, dass sie nichts programmieren müssen, sondern der Roboter nur die Teller ausfährt“, bemerkte Raum die Zwiespältigkeit der Gefühle, die zwischen Neugierde auf die Technik und Ablehnung schwankt. „Ich finde es komisch, wenn man in einem Restaurant erst über eine App und QR-Code online bestellt, bezahlt – und Trinkgeld soll man auch noch geben, bevor man etwas bekommt.“

Bella spart Laufwege - mehr nicht. Wirklich die Gäste bedienen, kann sie nicht. Foto: Hartmut Metz/BT

Bella spart Laufwege - mehr nicht. Wirklich die Gäste bedienen, kann sie nicht. Foto: Hartmut Metz/BT

Die Zukunft des Gastro-Roboters, der auf dem Display ein Katzengesicht zeigt und auch wie diese zufrieden schnurrt, wenn der „Kopf“ gestreichelt wird, sieht Raum daher „vor allem im Fast-Food-Bereich und bei All-you-can-eat-Chinesen oder in Krankenhäusern sowie in Altersheimen, um das rare menschliche Personal zu ersetzen“. Die Roboter-Katze hätte zumindest Zeit für ein paar programmierbare Standardsätze und ließe sich auch von den Senioren kraulen – aber bitte nicht zu lange! Dauern die Streicheleinheiten hinter den Katzenohren zu lange, reagiert die Kellner-Katze sauer und ermahnt den Kraulenden, sie doch, bitte, nicht von der Arbeit abzuhalten...

Bella singt besser als ihr menschlicher Kollege

Freundlicher agiert da Tobias Rieger. Der Noch-Azubi hat für jeden Gast ein nettes Wort übrig, berät gerne und fragt, wie es geschmeckt hat. Von „Bella“ hält der 22-Jährige zudem wenig, weil er sich von der Elektronik nicht die berufliche Zukunftsperspektive verbauen lassen will. „Und würde ich den Roboter benutzen, sähe es für den Gast so aus, als wäre ich zu faul, um die Teller aus der Küche zu holen“, glaubt Rieger. Im Gegensatz zu der Katze auf einem Bein, die abrupte Notbremsen macht, kann der Azubi auch Getränke unfallfrei an die Tische tragen – und Schampusflaschen öffnen!

Dafür singt sie – zugegebenermaßen – besser als Rieger. Das bewies der Gastro-Roboter vor Kurzem, als ein Geburtstagskind Raum eher scherzhaft danach fragte, ob Bella auch singen könne. Schnell sind der Klassiker von Lionel Richie und andere Hits runtergeladen und eingespeist. So ertönte „Happy Birthday“ im „Christophbräu“. „Die Gäste waren begeistert, johlten und machten Videos“, freute sich der Geschäftsführer über die positive Resonanz.

Die Macht ist nicht mit Bella

Fürs „Christophbräu“, wo im Hintergrund oft die Bierkessel beim Brauen summen, reicht die Trällerei allein aber nicht. Da die Gaststätte auch in Corona-Zeiten das Personal halten konnte und Raum sechs neue Aushilfen fand, sind die Tage für den Bedienroboter gezählt. Setzt der Gastronom ohnehin lieber auf die Servicekraft des Menschen, ist ihm angesichts von anstehenden Investitionen in Markisen und den Biergarten der Preis von 16.000 Euro für Bella Bot schlicht „zu teuer“. Am nächsten Mittwoch ist daher die Macht des Wirts nicht mehr mit der „Tochter von R2-D2“ – Bella fliegt nicht durch die Galaxien, sondern kurzerhand raus aus dem Murgtal.

Ihr Autor

BT-Redakteur Hartmut Metz

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Erstellt:
20. Mai 2022, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 24sec

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