Tod eines Neugeborenen vor Gericht

Rastatt (up) – Mit einem tragischen Fall beschäftigt sich das Rastatter Amtsgericht: Es geht um den Tod eines Babys. Angeklagt ist eine Hebamme wegen fahrlässiger Tötung.

Am Amtsgericht in Rastatt wird über eine mutmaßliche fahrlässige Tötung verhandelt. Foto: Uli Deck/Archiv

© dpa-avis

Am Amtsgericht in Rastatt wird über eine mutmaßliche fahrlässige Tötung verhandelt. Foto: Uli Deck/Archiv

Das Amtsgericht Rastatt hat gestern die Hauptverhandlung gegen eine Hebamme wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung unterbrochen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, den Tod eines Säuglings verschuldet zu haben, weil sie trotz einer riskanten Beckenendlage die Verlegung einer Schwangeren in ein Krankenhaus zu spät veranlasst haben soll.
Die Aussage der Mutter des totgeborenen Kindes war hochemotional. Unter Tränen und mit stockender Stimme berichtete sie über den Abend des 17. Mai 2018. An dem Tag war sie mit ihrem Mann gerade bei der Post, als sie erste Anzeichen der bevorstehenden Geburt spürte und Kontakt mit der Hebamme aufnahm. Später begab sie sich zu ihr in deren Geburtshaus.

Lehnte Schwangere eine Verlegung ab?


Richter Christoph Schaust zitierte in der Befragung mehrmals aus der Dokumentation der Hebamme. Demnach hat die Geburtshelferin die Schwangere bis Mitternacht dreimal darauf hingewiesen, es sei eine Verlegung in ein Krankenhaus notwendig, mit Hinweis auf die Lage des Kindes, das sich noch immer nicht gedreht habe.

Die Schwangere habe dies abgelehnt, unter anderem offenbar deshalb, weil sie bei einer vorangegangenen Geburt dort schlechte Erfahrungen gemacht habe und „weil mein Mann und ich die Zeit nach der Geburt mehr genießen wollten“ als bei den Geburten ihrer anderen Kinder. Es wurde ihr auch vorgehalten, dass im Vertrag mit der Hebamme stand, eine Geburt im Geburtshaus sei erst ab der 38. Schwangerschaftswoche möglich. Sie war allerdings erst in der 36. Woche, als sie sich ins Geburtshaus begab.

Erst nach Mitternacht, am frühen Morgen des 18. Mai 2018, erfolgte schließlich ihr Transport ins Karlsruher Diakonissen-Krankenhaus. Als dort das Pflegepersonal hektisch wurde, sei ihr klar geworden, dass die Lage ernst sei, berichtete die Frau vor Gericht.

Nach der Geburt des toten Kindes habe sie sich zunächst noch selbst die Schuld gegeben, während die Hebamme offenbar erklärte: „Ich hab‘ Dir doch gesagt, wir hätten früher fahren sollen.“

Die von den Krankenhausärzten angebotene Obduktion des Säuglings lehnte die Mutter ab. Der Verteidiger der Hebamme fragte sie auch, warum sie die zusätzliche Betreuung durch einen Gynäkologen bereits Wochen zuvor abgebrochen hatte. „Ich war unzufrieden dort und habe mich bei der Hebamme sehr wohl gefühlt“, antwortete sie.

Neue Erkenntnisse zur Todesursache


So nahm sie nach der Geburt auch noch mehrere Nachsorgetermine bei der Hebamme wahr. Zur Unterbrechung der gestrigen Verhandlung führte dann die Frage des Verteidigers, ob sie sich dabei einmal zufrieden über den Tod des Kindes geäußert habe. Die Gefragte stürmte daraufhin, von dieser Frage offensichtlich schwer getroffen, aus dem Gerichtssaal.

Fragen warf an dieser Stelle die Tatsache auf, dass der von dem Rechtsanwalt zitierte Satz nur in dessen Akten stand und nicht in denen der weiteren Prozessbeteiligten wie Richter und Staatsanwaltschaft.

Sachverständiger soll eingeschaltet werden


Zur Unterbrechung der Hauptverhandlung führte schließlich, dass Richter Christoph Schaust auf dem Flur des Gerichtsgebäudes ins Gespräch mit einem Arzt aus Karlsruhe kam, der als Zeuge geladen war. Der teilte mit, die Plazenta der Frau sei nach der Geburt untersucht worden und damit die Todesursache des Kindes möglicherweise zu klären. Dies war weder dem Gericht noch den anderen Verfahrensbeteiligten bekannt.

Jetzt werden zunächst die Unterlagen aus dem Diakonissen-Krankenhaus angefordert und wahrscheinlich ein Sachverständiger bestellt, der die Untersuchungsergebnisse darlegt, wie vom Richter zu erfahren war. Die Verhandlung wird dann voraussichtlich in wenigen Wochen fortgesetzt. Ein Termin steht noch nicht fest.

Zum Artikel

Erstellt:
13. Juni 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.