Tod im Bühler Obdachlosenheim: Prozessauftakt

Bühl (nie) – Im Juni soll ein jetzt 37-Jähriger einen damals 65-jährigen Mann in der Bühler Obdachlosenunterkunft so schwer verletzt haben, dass er gestorben ist. Am Donnerstag begann der Prozess.

Mit winterlichem Idyll hat der Fall, der seit Donnerstag im Baden-Badener Landgericht verhandelt wird, nur wenig zu tun. Foto: Nina Ernst

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Mit winterlichem Idyll hat der Fall, der seit Donnerstag im Baden-Badener Landgericht verhandelt wird, nur wenig zu tun. Foto: Nina Ernst

Zwei blutverschmierte Männer in der Obdachlosenunterkunft in Bühl. Einer davon tot im einen Zimmer, der andere scheinbar schlafend in einem anderen Zimmer. Letzterer muss sich seit gestern für den Tod des Erstgenannten, ein zum Tatzeitpunkt 65-jähriger Bühler, verantworten.

Die Anklage vor dem Schwurgericht am Landgericht Baden-Baden gegen einen 37-jährigen aus der Slowakei stammenden Mann lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge, Diebstahl und Bedrohung, verlas Oberstaatsanwalt Michael Leber. Der Angeklagte ist ein stämmiger, großer Mann, der mit dem Opfer zum Tatzeitpunkt am 4. Juni vergangenen Jahres in einer Wohngemeinschaft in der Bühler Obdachlosenunterkunft in der Daimlerstraße gelebt hat. Licht ins Dunkel sollten gestern zehn Zeugen bringen, nur acht davon waren erschienen. Der Angeklagte selbst machte keine Angaben. Seine Verteidigerin ließ aber wissen, dass sich das im Laufe des Prozesses noch ändern könnte.

Blutspuren von Opfer und mutmaßlichem Täter entdeckt

Am Abend des 4. Juni 2020 gegen 18 Uhr war aus der Daimlerstraße ein Notruf abgesetzt worden. Die hinzugerufenen Polizei- und Kriminalbeamten, von denen gestern drei als Zeugen aussagten, berichteten unisono vom vorgefundenen Zustand der Wohnung: Blutspuren und herausgerissene Haarbüschel seien überall zu sehen gewesen. „Aufgrund des Spurenbilds gingen wir von einem Kampf aus“, bewertete etwa ein Polizeihauptmeister die Situation. Diverse Untersuchungsberichte ließen darauf schließen. Beispielsweise konnten am Körper des Angeklagten direkt nach seiner Festnahme noch am Tatabend Hautrötungen und -schürfungen entdeckt werden, die „durch zeitnahe mechanische Irritationen hervorgerufen“ worden seien. Die untersuchten Blutspuren konnte außerdem dem Opfer und dem mutmaßlichen Täter zugeordnet werden. Auch von einem Messer war gestern die Rede, an dem sich Blut von beiden Beteiligten gefunden habe.

Der genannte Bühler Polizeihauptkommissar war es nach eigener Aussage auch, der den Angeklagten in verdächtiger Aufmachung vorgefunden hatte: Scheinbar schlafend sei er auf dem Bett in seinem Zimmer gelegen, nur mit Boxershorts gekleidet, seine Hände und sein Gesicht blutverschmiert, er habe merklich unter Alkoholeinfluss gestanden. Alkohol und Drogen im Blut wurden später auch bei Untersuchungen festgestellt.

Das Opfer sei beim Eintreffen der Polizei schon tot gewesen, der Mann habe in seinem Zimmer auf dem Rücken gelegen. Der Anklageschrift war zu entnehmen, dass er zuvor massiver körperlicher Gewalt ausgesetzt war: Rippenbrüche, Hämatome, Schürfungen und einiges mehr. Die Todesursache lautete Einatmen von Blut und Mageninhalt. Zum Tatzeitpunkt hatte sich wohl keiner von den anderen Bewohnern der insgesamt sechs Zimmer in der Wohnung im Dachgeschoss befunden. Beim Versuch der Rekonstruktion der Tat konnte laut dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Fischer nicht festgestellt werden, wie der Kampf genau abgelaufen sein muss.

Toter wurde liebevoll „Opa“ genannt

Vermutet wurde indes, dass ein Streit um einen Briefkastenschlüssel Ursache für die Wut des Angeklagten war. Dass der Tote die Briefkastenschlüssel für alle Bewohner verwaltete, bestätigte auch der Mitbewohner der Wohngruppe, der den leblosen Mann gefunden und den ersten Notruf abgesetzt hatte. Er habe Opfer und mutmaßlichen Täter am Tattag noch gesehen, „Opa“, wie das Opfer liebevoll genannt wurde, sei „gut gelaunt“ gewesen. Dass der Getötete ein „liebevoller Mensch“ und „Schlichter“ gewesen sei sowie in der Unterkunft eine Art Hausmeister verkörperte, bestätigten weitere Zeugen. Er soll gern Karten gespielt haben und im Bühler Stadtbild bekannt gewesen sein.

Zum Totschlag selbst konnten die Zeugen aber keine Angaben machen, aber zur Bedrohung, die ebenfalls Teil der Klage ist. Im Dezember 2019 soll der Angeklagte vier Personen in einem Zimmer der Unterkunft mit einer Machete bedroht haben. Die Verhandlung wird am 28. Januar, 9 Uhr, fortgesetzt. Dann sind weitere der insgesamt 19 Zeugen geladen und die rechtsmedizinische Gutachterin sowie der psychiatrische Sachverständige sollen gehört werden.

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Erstellt:
14. Januar 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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